Am 10. Juni entscheiden die Schaffhauser Stimmbürger bei einer Urnenabstimmung über ein neues Polizei- und Sicherheitszentrum, das im Herblingertal für rund 100 Millionen Franken gebaut werden soll. Der mehr als 100 Jahre alte Gebäudekomplex in der Innenstadt, in dem Polizei, Gefängnis und Staatsanwaltschaft untergebracht sind, genügen den heutigen Ansprüchen nicht mehr.

Bevölkerung blickt hinter die Kulissen der Polizei

Die Bevölkerung wurde bei einem "Blick hinter die Mauern" auf die Missstände aufmerksam gemacht. Der Kommandant Kurt Blöchlinger und der Wachtmann Peter Weber führten die Besucher durch den beengten und alten Trakt der Polizei. Für die hochtechnisierten Geräte sind die Räume zu feucht, im Raum, in dem die sichergestellten Gegenstände gelagert werden, riecht es nach Cannabis und der Munitionslagerraum gleicht eher einer Besenkammer. Kurt Blöchlinger bemerkte, dass ein Grenadier im Notfall rund 20 Minuten braucht, bis er seine weitläufig und dezentral gelagerte Spezialausrüstung gerichtet hat und einsatzbereit ist. Für die zivilen Einsatzfahrzeuge gibt es keinen Unterstand, was besonders im Winter zum Problem wird. Die Büros sind sehr beengt und insbesondere bei der Kriminalpolizei im Dachgeschoss im Sommer über 30 Grad warm.

Was sonst noch unzureichend ist

Für die rund 120 Einsatzkräfte, wovon rund 20 Prozent Frauen sind, gibt es nur einen Aufenthaltsraum und nicht mehr zeitgemäße sanitäre Anlagen. Zudem sei die Unterbringung der Hunde nicht tierschutzkonform. Kurt Blöchlinger zeigte ein Drogen-WC. Die veraltete Technik in der Einsatzzentrale, in der 15 Mitarbeite jährlich rund 130 000 Telefonanrufe entgegennehmen, wird zurzeit bei laufendem Betrieb umgebaut.

Warum die Polizisten trotzdem zufrieden sind

Einer Umfrage zufolge herrscht bei der Schaffhauser Polizei trotz den mangelhaften Arbeitsbedingungen eine 90-prozentige Zufriedenheit. "Weil sie eben nichts anderes kennen", erläuterte Blöchlinger. Mit ein Grund für den hohen Zufriedenheitsfaktor ist sicherlich die Aufklärungsquote der Polizei von 56 Prozent. "Polizist ist der schönste Job der Welt", bemerkte Peter Weber, der im Oktober seit genau 40 Jahren im Dienst ist. Die Polizei muss auch immer wieder Bewachungsdienste im Gefängnis übernehmen, da die Sicherheitsstandards nicht erfüllt werden.

Wie es im alten Gefängnis aussieht

Gefängnisleiter Lorenz Ammann und sein Stellvertreter Kurt Schmid führten die Besucher durch das Gefängnis, das einmalig in der Deutschschweiz ist. Rund um das Gefängnis ist öffentlicher Raum und es gibt keine Sicherheitszone. Die Zellenfenster des Nordtrakts sind auf die Altstadt ausgerichtet, wodurch eine Kommunikation zwischen Inhaftierten und Privatpersonen kaum verhindert werden kann. Wegen der fehlenden Lüftungsmöglichkeiten können die Fenster nicht einfach geschlossen werden. Es ist zudem problemlos möglich, Gegenstände über die nicht allzu hohe Sandsteinmauer in den Innenhof zu werfen.

"Bei uns gibt es wenig Drogen, aber wir sind nicht drogenfrei", bemerkte Ammann. In Schaffhausen haben 200 Personen rund um die Uhr Zutritt zum Gefängnis, der in anderen Haftanstalten lediglich dem Personal vorenthalten ist. "Alles was im Kanton passiert, kommt nach Schaffhausen", bemerkte Ammann. Im Schnitt sind 40 Häftlinge inhaftiert. Seit dem Jahr 2000 haben sich die jährlichen Verpflegungstage von 8500 auf 15 000 fast verdoppelt.

In der Zelle

Für 46 Häftlinge stehen 38 Zellen zur Verfügung, die allerdings nicht mehr den Richtlinien der europäischen Menschenrechtskonvention entsprechen. Die Zellen sind 8,7 Quadratmeter groß und mit WC, Lavabo, Tisch, Stuhl, Klappbett, Schrank und einem Wasserkocher ausgestattet. Ein Fernseher kann gemietet werden. Statt einer warmen Dusche müssen sich die Häftlinge in der Zelle mit fließendem kalten Wasser begnügen. Für alle Insassen gibt es lediglich einen abgetrennten Besucherraum. Da am öffentlichen Besuchstag alle Zellen belegt waren, konnten sie nicht besichtigt werden. Vielleicht ist das am 28. April und 15. Mai möglich, wenn es nochmals zwei Möglichkeiten zum "Blick hinter die Mauern" gibt.