Basel – Dritte Orte werden Räume genannt, die Begegnungen ermöglichen. Die Stadtsoziologie hält solche für das Funktionieren einer Gesellschaft für genauso relevant wie das Zuhause und den Arbeitsplatz als erstem und zweitem Ort. Genau da setzt der Basler Roche-Konzern mit den Turmgesprächen an. Das Format versteht sich als Forum einer Begegnung zwischen Konzern und regionaler Bevölkerung. Zur Premiere dieser Tage ging’s angesichts der Bautätigkeit im und am Basler Stammsitz vor 300 Besuchern im Auditorium des neuen Büroturms um das Verhältnis von Architektur und Talentsuche.

Der Pharmakonzern baut seinen Hauptsitz in Kleinbasel bis 2024 für weitere drei Milliarden Franken aus. Ein erster Baustein des Prozesses, das 178 Meter hohe Bürohochhaus ist seit Herbst 2015 in Betrieb. Braucht es heutzutage und vor dem Hintergrund globaler Standortkonkurrenz solche ikonische Architektur, um Talente und kluge Köpfe in ein Unternehmen zu locken und zu binden? Die Frage stand denn auch am Anfang der Runde mit Roche-Standortleiter Jürg Erismann, der Talent-Beauftragten Christine Renz, dem Basler Architekten und Generalplaner des Roche-Areals Jacques Herzog sowie der Philosophin Katja Gentinetta.

Darüber, dass auch milliardenschwere Architektur allein kaum ausreicht, junge Talente zu Roche und nach Basel zu locken, gab es indes keinen Dissens. Tatsächlich sei seinen Beobachtungen zufolge der Inhalt nach wie vor das treibende Motiv, schilderte Erismann. „Funktion geht vor Form“, bringt der Standortleiter das auf den Punkt. Arbeitsinhalte seien nach wie vor das zentrale Kriterium, findet auch Christine Renz, die ebenfalls der Aufgabe und nicht der Umgebung wegen gekommen sein will, wie sie schilderte. Dennoch spiele Letztere eine Rolle und das in unterschiedlichen Dimensionen – auch darüber bestand Konsens. „Architektur unterstützt“, beschreibt Renz das.

Arbeit verändere sich, organisiere sich in flacheren Hierarchien, sei interdisziplinärer geworden, erläuterte Erismann ein Beispiel. Das brauche mehr Austausch. Den könne Architektur mitstimulieren. Zudem sei „die Arbeitsumgebung ein wichtiges Unterscheidungskriterium“ für Talente geworden, weiß Renz. Jüngere Generationen nutzten primär mobile Endgeräte und wollten diese überall einsetzen können. Ein Trend, der anhalte, prognostiziert Katja Gentinetti. Die Arbeit der Zukunft werde noch mobiler. Gleichwohl ersetze das nicht den direkten Austausch, „das physische Miteinander“. Dafür aber brauche es „fließende öffentliche Räume“.

Dazu gehört nicht zuletzt das vielbeschworene Open-Space-Setting, wie Großraumbüros heute bezeichnet werden. Die haben zwar allemal zwei Seiten und hohe Reibungspotenziale. Daher bündele Roche allenfalls zehn bis zwölf Arbeitsplätze in einem Raum. Er selbst aber habe sein 25 Quadratmeter großes Einzelbüro im 24. Stock des Turms aus Begeisterung für den Open Space schon wieder aufgegeben, berichtete Erismann. Architekt Herzog fasste diese Begeisterung in der Formel der „Architektur mit menschlichem Antlitz“ zusammen und dabei gehe es keineswegs um Fenster und Fußböden, sondern die Aura.

Herzog betrachtet die Arealentwicklung aber auch aus anderen Blickwinkeln. Gerade angesichts der knappen Ressource Fläche trage Verdichtung auch zur nachhaltigen Entwicklung bei. Roche sei da ein Beispiel für Basel und Basel ein Modell für die Schweiz, findet der Architekt. Allerdings müsse der Bauherr da immer mitspielen. Dass große Architektur ohne diesen funktioniere, sei „Quatsch“. Roche aber engagiere sich bereits seit den 1930er-Jahren für die städtebauliche Entwicklung des Areals und schaffe so auch architektonisch eine Identität – ein Prozess, den der Wettbewerber Novartis auf dem Campus mit anderen Mitteln ähnlich forciere. Die weitere Entwicklung und das zweite noch höhere Hochhaus werde Roche von daher noch besser in der Stadt verankern und die wiederum wahrnehmbarer machen, ist Herzog sicher.