Erstmals haben sich Anrainerverbände des Euroairports (EAP/Flughafen Basel-Mülhausen) aus drei Ländern auf Forderungen zum Schutz gegen Flugbelastungen geeinigt. Auch wenn die Interessen nicht absolut deckungsgleich sind, unterzeichneten Vertreter eine Charta, die eine strikte Nachtflugsperre von 23 bis 6 Uhr fordert, eine Deckelung der Flugbewegungen auf 100 000 pro Jahr sowie die besonders für das Markgräflerland wichtige Abschaffung der nach Auffassung der Fluglärmgegner besonders „lärm- und schadstoffintensiven“ Kurvenflüge bei Start und Landung.

Neben der Bürgerinitiative Südbadischer Flughafenanrainer (BISF) und der Association de Défense des Riverains de l’Aeroport (ADRA) saßen zwei Schweizer Schutzverbände sowie ein Verbund von sechs Gemeinden aus dem Kanton Baselland mit am Tisch. Basel-Stadt war dagegen nicht vertreten, gelten doch bei Landungen und Direktstarts über dem Stadtgebiet klare Beschränkungen. Jürgen Fingerle erinnerte als Vorsitzender der BISF anlässlich der Unterzeichnung der Charta an eine Basler Volksabstimmung von 1999. Dem EAP wurde darin ein Ausbaukredit von gut 33 Millionen Franken nur unter der Bedingung einer namhaften Verlagerung der Südstarts gewährt. Kurz darauf seien Kurvenverfahren über Navigationspunkte wie Lumel über dem Elsass und Elbeg über dem Markgräflerland eingeführt worden. Mit Sicherheitsaspekten oder Wirtschaftlichkeit habe das nichts zu tun, ist Fingerle überzeugt, der dagegen einen "fragwürdigen politischen Handel von Investitionen gegen Schonung bestimmter Bevölkerungsgruppen“ sieht. Die neuen Flugverfahren führten im Jahr 2000 zur BISF-Gründung.

Aber auch im Kanton Baselland regt sich seit Jahrzehnten Widerstand. Von Allschwil aus engagierte sich 1974 der Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Basel-Mülhausen. Sowohl den Baselbietern als auch den französischen Anwohnern ist vor allem an einer strikten Nachtflugsperre zwischen 23 und 6 Uhr morgens gelegen, wie sie auch in Zürich gilt. Derzeit darf am EAP zwischen 24 und fünf Uhr geflogen werden. „Man verspricht uns seit 2013, man werde den Fluglärm senken“, so Schutzverbands-Sprecher Hans Göschke, „tatsächlich hat sich der Lärm in Allschwil seitdem für das Ohr mehr als verdoppelt“. Nächtliche Flüge mit mehr als 70 Dezibel hätten sich allein zwischen 2012 und 2016 verfünffacht. Noch schlimmer sei die Situation im Elsass. Dass die nächtlichen Frachtflüge insbesondere für die Basler Pharmaindustrie unerlässlich sind, glaubt Göschke dagegen nicht. Zumindest die beiden großen Novartis und Roche hätten das bereits verneint.

ADRA-Präsident Bruno Wollenschneider betonte im Einklang mit allen Beteiligten, dass man sich keineswegs grundsätzlich gegen den EAP ausspreche und sich der wirtschaftlichen Bedeutung für die Region sehr wohl bewusst sei. Der jüngste Ausbau bei den Parkkapazitäten, der geplante Bahnanschluss, aber auch die weiterhin verfolgten Hotelpläne machten indes deutlich, dass weiter auf massiven Ausbau gesetzt werde. Die Kapazität des Pistensystems sei derzeit mit 147 000 An- und Abflügen pro Jahr taxiert.

Für 2017 meldete der EAP erst gut 95 000 Flugbewegungen. Bei maximal 100 000 Bewegungen wollen die Unterzeichner der Charta jetzt die Obergrenze ziehen. Schließlich gäbe es solche Plafonierungen bereits. Dies bei Südanflügen via Instrumentenlandesystem (ILS 33), die zehn Prozent der Landungen begrenzt wurden und bei den auf maximal acht pro Tag gedeckelten direkten Südstarts. Als wichtigsten und ersten Punkt nennen indes alle die Ausweitung der Nachtflugsperre, für die sich jüngst auch die 40 Gemeinden umfassende Saint-Louis Agglomeration einstimmig und der Trinationale Eurodistrict Basel (TEB) mehrheitlich ausgesprochen haben. Auch Jürgen Fingerle hat sich der Priorisierung angeschlossen. „Ich war ursprünglich nicht dafür“, so der Badener, „aber wir sind zu fünft.“

EAP-Direktor Matthias Suhr, der fast zeitgleich mit der Charta-Unterzeichnung die Entwicklung des Flughafens im Jahr 2017 bilanziert hatte, betont, man wolle sich für eine Minimierung der Belastungen für die Anwohner einsetzen. Ein ausgeweitetes Nachtflugverbot lehnt er aber ab. Tatsächlich hätten die Flugbewegungen in den Randzeiten zuletzt zwar zugenommen. Abends müssten vor Ort basierte Maschinen aber noch zurückkehren können, um am nächsten Tag einsatzbereit zu sein und die Morgenstunden seien für die Expressfracht unabdingbar.

Die von den Initiativen geforderte Decklung der Flugbewegungen bewertete Suhr bei diesem Termin auf Anfrage ebenfalls kritisch. Zwar liege der EAP bei den gewerblichen Flügen, also dem Passagier- und Frachtverkehr, bislang erst bei einem Aufkommen von rund 75 000 Starts und Landungen im Jahr, hätte insofern also noch Luft nach oben. Doch sollten die Bürgerinitiativen auf das gesamte Flugaufkommen, also auch die Privatflüge, zielen, wovon Suhr ausgeht, wäre das geforderte Limit mit rund 95 500 Bewegungen fast erreicht. Dann erreiche der Flughafen in zwei spätestens drei Jahren das Limit, vermutet der Direktor.