Es ist einer der überraschendsten Romananfänge dieses Jahres: „Einer wie ich erhält ständig eine neue Chance. Freispiel. Andere gehen verloren, Menschen wie ich tauchen unermüdlich auf aus dem Nichts.“ So beginnt Hans Platzgumers neuer Roman „Drei Sekunden Jetzt“, den er zur Saisoneröffnung in der Arena- Literaturinitiative in Riehen vorstellte.

Frage nach der Identität

Das Grundthema des Romans könnte man auf die Formel bringen: Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir? Geht es doch um die alte Frage: Kann man leben, ohne zu wissen, wer man wirklich ist? Platzgumer schickt seinen Romanhelden Francois, ein Findelkind, das von einer Frau mit kariertem Kopftuch und Sonnenbrille in einem Einkaufswagen in einem Supermarkt abgestellt wird, auf eine abenteuerliche Reise. Der Waise entflieht seinen Adoptiveltern nach Marseille in ein zwielichtiges Hotel am Meer, von dort weiter in die Straßen New Yorks, wo er eine Frau trifft, der er in die Kälte des kanadischen Winters nachreist: der Tiefpunkt seiner Existenz.

Leben als Kampf

Francois ist ein Unbehauster, ein moderner Kaspar Hauser, ein Hallodri. Der Roman läuft darauf hinaus, dass es „ein ständiges Kämpfen ist, das man Leben nennt“, so der Autor. Der Österreicher Platzgumer, Jahrgang 1969, der auch Komponist ist, Theatermusik schreibt und in Rockbands spielt, vergleicht seinen Romanhelden Francois mit einem Ballon, der aufsteigt, und einem weißen Blatt Papier. Die Metapher des Findelkinds schwebt in einigen Schlüsselszenen über dem Roman. Es ist ein Spiel mit dem Fatalismus.

Der Sinn des Lebens

Die Hauptfigur wird hineingeworfen ins Dasein, in ein Leben als Achterbahnfahrt, an Sehnsuchtsorte voller Hoffnung und Erwartung. Auch schwingt etwas Existenzialismus à la Jean-Paul Sartre mit hinein in diesen Abenteuer- und Großstadtroman. Nicht zuletzt wird die ewige Frage nach dem Sinn des Lebens an der Figur des Francois veranschaulicht.

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Da ist noch Lucy, auch eine Waise, gefunden auf einer Müllhalde, aber anders als Francois ein starker Charakter, die ihr Leben in die Hand nimmt. Was sich an Spannung aus dieser Beziehung entwickelt, verriet der Autor nicht; das müsse man selber lesen, sagt er.

Essay über Österreich

Nach der moderierten Lesung gab es noch eine Kurzvorstellung des neuen, beim Literaturverein erhältlichen Arena-Hefts Nr. 19, das einen Exklusivbeitrag von Platzgumer enthält. In dem Essay „Das Karussell“ schreibt der in Wien lebende Autor relativ autobiografisch in Form eines literarischen Tagebuchs über die aktuelle politische Situation in Österreich, über Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments. Es sind Gedanken von einem, der sich sichtlich Sorgen macht über den Zustand seines Heimatlandes, das zurück in die Vergangenheit rutscht.