Was den Freiburgern die Dreisam ist den Baslern der Rhein. Als Naherholungszone, Picknickplatz, Partymeile und Sonnendeck ist der Fluss im Sommer das Zentrum der Stadt. Mit allen Problemen, die damit einhergehen.

  • Farbige Völkerwanderung: Wer Basel verstehen will, muss am Rhein anfangen. Und der beste Weg an den Rhein führt durch den Rhein. Auf den Treppen unterhalb des Tinguely-Museums verteilen derzeit nicht nur die Basler Sonnencreme in allen verfügbaren Geruchsrichtungen und stopfen Kleidung in farbige Wickelfische. Der Strom der bunten Schwimmsäcke, der sich den Rhein hinunterzieht, sieht seit Wochen aus wie eine farbige Völkerwanderung. Die typische Frage aller Auswärtigen „kann man da drin wirklich schwimmen?“ ist mit einem Kaltes-Wasser-bis-zum-Bauchnabel-Moment plus dem anschließenden „Woosh“ beantwortet.

Rheinschwimmen ist eine wirklich gute Methode, entspannt ein wenig Sightseeing zu betreiben. Vorbei an der Roche und den Fischerhüsli am Ufer sowie den ersten schmalen Anzeichen von Strand schwimmt es sich plaudernd zum Beginn der „Basler Riviera“. Drei junge Männer unterhalten sich über Sonnenbrand beim Surfen, zwei andere über die IT-Probleme des letzten Projekts. Am Ufer ziehen Sonnenbadende vorbei. Wenn ein Containerschiff kommt, gibt es Wellen.

Die Dreirosen-Buvette ist die letzte für die Rheinschwimmer; das Rheinbord ist damit aber noch nicht zu Ende.
Die Dreirosen-Buvette ist die letzte für die Rheinschwimmer; das Rheinbord ist damit aber noch nicht zu Ende. | Bild: Frantisek Matous
  • Schwimmende Konzertbühne: Wer an der Mittleren Brücke aus der plappernden Gemeinschaft ausschert, ist in der optimalen Warteposition für das Festival „Im Fluss“. Je nach Bekanntheit des auftretenden Interpreten finden sich ein bis zwei Stunden vor Konzertbeginn um 21 Uhr die ersten Zuschauer ein. Die Mittlere Brücke kann man zwar auch erreichen, indem man vom Badischen Bahnhof aus einfach geradeaus läuft. Vorgekühlt und im Bikini wartet es sich jedoch besser.

Eine schwimmende Bühne dort, wo sich ohnehin halb Basel trifft, dazu Konzertbeginn bei Sonnenuntergang – das ist schon ziemlich einzigartig. Gäbe es „Im Fluss“ nicht, man hätte es erfinden müssen. Was man nicht nur hört, sieht und spürt, sondern auch dem Line-Up anmerkt. „Was für ein unglaublich tolles Fest. Wir kommen wieder“, sagte Inga Humpe, die Sängerin der Band „2raumwohnung“, die das Festival im Juli eröffnet hat, und traf es damit recht genau. „Im Fluss“ ist weniger ein Konzert als ein Open-Air-Erlebnis. Der für James Gruntz ersessene Platz war nach einer kurzen Toilettenpause um 20 Uhr dennoch weg. Zuspätkommende suchen bekannte Gesichter in der Menge, in der Hoffnung, sich irgendwo dazuzuquetschen. Viel Zeit zum Genießen bleibt nicht, nach etwa einer Stunde ist schon wieder Schluss.

  • Der Preis der Freiheit: Zu den vielen Untiefen, die der Veranstalter umschifft hat, gehören lärmgeplagte Anwohner. Sobald es Abend wird am Rhein, werden die Wasserflaschen gegen Bierdosen ausgetauscht, die Musik aus Dutzenden Mini-Boxen wird lauter. Alle paar Schritte wechselt der Sound im Genre-Park. Aus der Grundbeschallung aus Rap und Hip-Hop sticht ein Metal-Stück hervor, danach Tango. Irgendwer singt etwas wie „ohne Igel an den Orgeln keine Orgien in Georgien“. Mit langem „O“ und „I“. Vielleicht ist aber bloß der Lautsprecher kaputt. Pitschnasse Menschen, die im Bikini an der Promenade entlangschlendern, fegen jede Reserviertheit weg. Das, was an der Basler Riviera so ansprechend ist, ist auch ihr Makel. Basel verliert im Sommer wenig die Contenance. Der Preis der Freiheit sind Rauchschwaden, Littering, Lärm und wütende Anwohner. „Das Rheinbord ist zur Partymeile verkommen“, schimpft einer. Er vermisst die Ruhe und spricht von Polizeipräsenz, Diebstahl und Drogenhandel. Das Rheinbord-Publikum ist da naturgemäß anderer Meinung: „Basel ist nicht besonders kriminell“, findet ein Mann, der schon in vielen Städten gewohnt hat. „Ich habe hier noch nie Angst gehabt“, sagt er und kritisiert die Medien, die auch kleine Vorfälle thematisieren. „Sonne, Wasser und viele Leute, die zusammen friedlich eine gute Zeit haben“, sagt eine junge Frau auf die Frage, warum sie ihren Abend am Rhein verbringt.
  • Überall Müll: Mitmachen kann jeder, auch wenn er nur zwei Dosen Bier mitbringt. Es herrscht zwar kein Konsumzwang, konsumiert wird dennoch reichlich. Überbleibsel von Essen und Getränken bleiben am Wasser liegen. Entweder verschämt in der Nähe der übervollen Mülleimer oder gleich da, wo das Zusammensein stattfand. Wer frühmorgens am Rheinbord spazieren geht, sieht: Müll. Die Stadt Basel macht zweimal täglich sauber, hat große Müllcontainer und zusätzliche WC-Häuschen aufgestellt, um die Zahl der Wildpinkler einzuschränken. Dennoch türmen sich nach sonnigen Tagen leere Flaschen, Dosen und To-Go-Verpackungen.
  • Freiraummeile mit Lärm: Wer sich schwimmend fortbewegt, sieht davon fast nichts. Aus einigen Metern Entfernung sind die Massen am Ufer schon wieder Panorama. Bis zur Dreirosenbrücke jedenfalls, weiter stromabwärts ist Schwimmen verboten. Zu Ende ist das Rheinbord damit noch lange nicht. Der Weg führt entlang der Bahngleise zurück zum Rhein an die Basler Freiraummeile an der Uferstraße. Zwischen der Patschifig-Bar mit dem fantasievollen Garten am einen Ende und der Marina-Bar am anderen Ende geht das Licht als letztes aus.
Als Picknickplatz, Partymeile und Sonnendeck ist der Rhein im Sommer das Zentrum der Stadt.
Als Picknickplatz, Partymeile und Sonnendeck ist der Rhein im Sommer das Zentrum der Stadt. | Bild: Frantisek Matous

Auch dort gibt es Lärmprobleme. Das Basler Klybeck-Quartier ist zwar durch die Gleise der Güterbahn vom Ufer getrennt, dennoch ist es laut. „Das liegt an einer Besonderheit der Akustik“, erklärt eine Anwohnerin. „Manche hören die Konzerte so laut, als ob sie hier auf dem Platz stehen würden“, brüllt sie ins Ohr. Es ist Samstagabend, deutlich nach
22 Uhr, und auf der kleinen Bühne der Marina-Bar steht der Denner-Clan.

  • Ruhe mit Schwimmsack: Eine Ausnahme. Am Wochenende feierten die Kollegen von Radio X mit mehreren hundert Besuchern das 20-jährige Bestehen ihres Senders. Verstärkte Konzerte nach 22 Uhr gibt es sonst nur noch auf Voranmeldung und ihre Anzahl ist begrenzt. Die Folge längerer Auseinandersetzungen zwischen Veranstaltern und Anwohnern und das vorerst letzte Kapitel im Kampf um den drei Kilometer langen Park am Rheinufer, den so nur wenige Städte haben. Wer ein ruhiges Fleckchen mit Rheinblick sucht, findet es nebenbei immer noch. Und wenn es mit dem Schwimmsack im Wasser ist.