Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ ist das erste Umweltdrama der Weltliteratur. Was liegt da näher, als es mit einem ökologischen Problem von heute in Verbindung zu bringen? Bei Ibsen erschüttert ein Umweltskandal in einem norwegischen Heilbad die Kleinstadt, im schweizerischen Muttenz ist es die Chemiemülldeponie Feldreben, um deren Sanierung gestritten wird.

Regisseur steigert Aktualität

Regisseur Danny Wehrmüller zeigt Parallelen zwischen dem Stück und der Deponiegeschichte auf und steigert die Aktualität noch durch einen zeit- und lokalbezogenen Prolog, den er zwischen Chemiefässern spielen lässt. Sicher: Es gibt Unterschiede zwischen Ibsens Heilbad und dem Ort in Baselland. Sind es dort gesundheitsgefährdende Verunreinigungen des Wassers, so hier Verunreinigungen im Erdreich.

Die Macht der Medien

Bei Ibsen geht es um Vertuschungen, nicht so in Muttenz. Beide Male geht es aber schon über die Unabhängigkeit der Presse und die Macht der Medien, die im Internet-Zeitalter von Hashtag, Twitter, Facebook & Co in Hetze und Hasstiraden kulminiert. Mit seiner Überschreibung hat Wehrmüller nicht nur eine brauchbare, sondern spannende Spielfassung erstellt und ein modernisiertes psychologisches Gesellschaftsdrama daraus gemacht: skeptisch, kritisch, aber nicht illusionslos.

Gerichtsszene mit Chemiefässern: Prolog zum Volksfeind in der Muttenzer Freilichtaufführung.
Gerichtsszene mit Chemiefässern: Prolog zum Volksfeind in der Muttenzer Freilichtaufführung. | Bild: Jürgen Scharf

Symbolisch ist das Bühnenbild mit Industriefässern und dem wechselnden Bühnenvorhang mit Blick auf Wellen und Wasser oder Bakterien. Badearzt Stockmann deckt die Gefährdung durch kontaminiertes Wasser auf, wird zum Buhmann und verliert seinen Job; sein Bruder, der Bürgermeister befürchtet Negativschlagzeilen für die Stadt, die Einwohner sind ein einziger Interessenklüngel.

Demokratische Massenlügen

Die Stützen der Gesellschaft machen Mobbing gegen die Familie und es kommt zu demokratischen Massenlügen. Daniel Fabian als Badearzt bleibt kompromisslos, ein überzeugter Idealist. Peter Wyss ist sein gefährlicher Gegenspieler. Natalie Müller kämpft als Verlegerin und Chefredakteurin des „Volksboten“ gegen wirtschaftliche Zwänge an. Und da ist auch noch die öffentliche Meinung (eine Opportunistin: Erika Haegeli Studer).

Blatt wendet sich

Erst in der Schlussszene geht die Herausgeberin der Lokalzeitung bei den Enthüllungen mit dem Mut der Verzweiflung zum investigativen Journalismus über und das Blatt wendet sich. Die vorangestellte fiktive Gerichtsszene ist gar nicht weit hergeholt, schließlich hat Ibsen einmal gesagt, Dichten sei „Gerichtstag-Halten“. Und nicht zuletzt spielt der Schlagabtausch der gegnerischen Anwälte darauf an, dass der Fall der Deponie momentan real vor Gericht liegt.

Hier erhalten Sie die Karten:
www.theatergruppe-rattenfaenger.ch