Sie wird „die Vogelfrau“ genannt. In einem schwarzen Mantel sitzt sie auf dem Bett wie ein aufgeplusterter Vogel. Die alte Frau hat seit Jahren die Wohnung nicht mehr verlassen, hortet angeschimmelte Essensreste, halbleere Joghurtbecher. Manchmal steht sie am Fenster und schaut hinaus. Die Greisin hat sich in ihr Zimmer und ihre Heimatsprache zurückgezogen. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Die Tage, als die „Vogelfrau“ weggegangen ist, schildert Katja Fusek in ihrem neuen Roman „Aus dem Schatten“. Die hochbetagte Frau ist die Großmutter ihrer Hauptfigur Dagmar, die aus Prag stammt und deren Familie Ende der 1970er Jahre aus der damaligen Tschechoslowakei in die Schweiz emigriert ist. In diesem Schicksal finden sich autobiografische Parallelen zur Autorin, die selbst in Prag geboren wurde und als Zehnjährige mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in die Schweiz kam.

Das Verlassen der Heimat, das Zurücklassen liebgewordener Menschen, vertrauter Orte, das Ankommen in einem fremden Land, einer fremden Sprache und Umgebung thematisiert die seit vielen Jahren in Riehen lebende Schriftstellerin, die kürzlich ihren Roman in der dortigen Literaturinitiative Arena vorstellte. Es geht in dem Buch um totgeschwiegene Erinnerungen, das Leben in der Diktatur, um Flucht. Das Cover zeigt sinnbildlich die Scherben eines solchen Lebens. Fusek blendet zurück in die Kindheit Dagmars. Das Mädchen erinnert sich als Ich-Erzählerin an den letzten unbeschwerten Sommer in seiner Heimatstadt, als es acht Jahre alt war. Die Angst vor dem Unbekannten liegt wie ein Schleier über diesem Tag. Die verschwiegenen Familiengeheimnisse, die Traumata der Vergangenheit, die verdrängten Dinge, über die nie gesprochen wurden, drängen ans Licht. Entsprechend emotional geht es zu, wenn sich die Familienmitglieder zu Alltagsritualen wie gemeinsamem Kochen zusammenfinden, während nach der verschwundenen Großmutter gesucht wird.

Fusek beschreibt Lebenslügen, alte Wunden, den Verlust der Heimat, holt Sehnsüchte, Träume und Verletzungen der Figuren ans Licht. Sie kennt ja ihre Figuren und kann mit deren Problemen umgehen. Die Figuren untereinander können nicht reden, sie lenken sich lieber ab. Das aus der Perspektive der historischen Hintergründe erzählte Buch verbindet geschickt Zeitgeschichte mit Familienschicksalen über mehrere Generationen und regt zum Nachdenken an. Bewegend.