16 Jahre lang war Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon unangefochten Chef im Rathaus der Breisgaumetropole. Am nächsten Sonntag will er es ein drittes Mal wissen, nachdem er 2002 erstmals zum grünen Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt wurde.

Fünf Konkurrenten um das Oberbürgermeisteramt wollen gegen ihn gewinnen – drei mehr oder weniger grüne Kandidaten, ein Spaßbewerber und einer, der sich kaum auf Podien zeigte und gegen Spekulationen um eine angebliche Nähe zur AfD ankämpft. In zahllosen Podiumsdiskussionen tauschten die fünf übrigen Kandidaten immer die gleichen Argumente aus und mühten sich um das Vertrauen der Freiburger Wählerschaft. Dabei waren die beiden Amtsperioden des 57-Jährigen ein bestimmendes Thema. Salomon verweist auf mehrere Erfolge, darunter die Schaffung neuer Arbeitsplätze und den Ausbau von Kita-Plätzen. Und er setzt auf Kontinuität: Die Menschen wollen in unsicheren Zeiten keine großen Veränderungen, so sein Standpunkt.

Seine politischen Gegner setzen auf einen Wechsel im Rathaus: 16 Jahre Salomon seien genug, sagen sie. Vor allem der vergleichsweise junge Martin Horn (33). Er ist im Sindelfinger Rathaus für europäische Angelegenheiten zuständig und will künftig die Geschicke Freiburgs lenken. Obwohl parteilos, unterstützt ihn die SPD, von der er wiederum sagt, sie sei „zu wenig grün“.

Martin Horn (parteilos), der Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl in Freiburg, steht am 09.01.2018 in Freiburg (Baden-Württemberg) auf der Blauen Brücke.
Martin Horn (parteilos), der Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl in Freiburg, steht am 09.01.2018 in Freiburg (Baden-Württemberg) auf der Blauen Brücke. | Bild: Patrick Seeger (dpa)

Einzige Frau im Bewerberfeld, Monika Stein (48), hat unter den vorwiegend grün positionierten Kandidierenden eher einen „Linksaußen“-Status. Sie verließ vor Jahren die Grünen-Fraktion im Freiburger Gemeinderat, die ihr zu realpolititisch agiert hatte. Die Lehrerin wechselte zur „Grün-Alternativen-Liste GAL“ und wird jetzt bei ihrer OB-Kandidatur von einem linken Spektrum unterstützt.

Oberbürgermeisterkandidatin Monika Stein (GAL) steht in der Innenstadt vor der Oberbürgermeisterwahl in Freiburg am 22.04.2018.
Oberbürgermeisterkandidatin Monika Stein (GAL) steht in der Innenstadt vor der Oberbürgermeisterwahl in Freiburg am 22.04.2018. | Bild: Patrick Seeger (dpa)

Manfred Kröber (38) trägt als Kandidat eine grüne Fliege, die symbolisieren soll, dass er streng ökologisch denkt und gegen weiteres Wachstum der Stadt Freiburg argumentiert. Wie Salomon ist der anstellungslose Lehrer Kröber Mitglied der grünen Partei, die aber offiziell Salomon und nicht ihn unterstützt.

Eine Wachstumsblockade führte auch der Software-Experte Anton Behringer (51) in den Wahlkampf ein – er will wie Kröber keinen neuen Stadtteil für 15 000 Menschen, wie Salomon ihn plant. Behringer fordert – ohne grün in irgendeiner Form geht’s in Freiburg halt nicht – die Beschleunigung des innerstädtischen Autoverkehrs im eher autofeindlich regierten Freiburg mithilfe einer computergesteuerten „grünen Welle“ an den Ampelanlagen.

Sechster im Ring ist der Unternehmer Stephan Wermter, der mit Wohnmobilen handelt. Er taucht kaum auf Podien zur Wahlkampfzeit auf und hat kräftig damit zu tun, eine ihm unterstellte Nähe zur AFD und ausländerfeindliche Facebook-Einträge zu dementieren oder zu interpretieren. Er hat sein Konterfei erst kurz vor der Wahl am kommenden Sonntag im Straßenraum plakatiert.

 

Horn wirft Salomon "Politik von oben herab" vor

 

Inzwischen schält sich ein Zweikampf zwischen Salomon und Horn heraus. Beide zeigen sich angriffslustig. Als sich Salomon zunächst weigerte, einen von der Landeszentrale für Politische Bildung vorgeschlagenen „Kandidat-O-Maten“ zu bedienen und dies mit dem Satz begündete: „Politik fängt da an, wo das Klickspiel aufhört“, warf Horn ihm Politik von oben herab vor. Salomon veröffentlichte dann doch noch seine Antworten. Der Amtsinhaber wiederum beschuldigte Horn, falsche Nachrichten zu verbreiten. So hatte dessen in Wien lebende Schwester ihren Bruder auf dessen Wahlkampf-Webseiten in hohen Tönen gelobt – allerdings ohne die verwandtschaftliche Beziehung zu offenbaren. Kleinlaut sprach Horn von einem Fehler, die Schwester entschuldigte sich und die Fake-Empfehlung wurde entsorgt.

Neben solchen Scharmützeln und Anfeindungen spielen im Wahlkampf drei Themen eine besondere Rolle: Wie soll die beliebte Stadt Freiburg mit dem Wachstumsdruck umgehen? Wie wird den Menschen die Angst vor Veränderungen genommen? Wie kann der Bau Tausender neuer bezahlbarer Wohnungen umgesetzt werden? Patentrezepte legt niemand vor, es fehlt an neuen Ideen. Salomons Kontrahenten jedenfalls meinen eine Wechselstimmung wahrzunehmen, während neutrale Beobachter eher dazu neigen, Salomon einen guten Job zu bescheinigen. Würde er in einen zweiten Wahlgang am 6. Mai gezwungen, könnte es sein, dass einer der Gegenkandidaten zugunsten eines anderen zurückzöge. Dann müsste der OB noch einmal gehörig die Ärmel aufkrempeln. Eine Abwahl Salomons erschien zuletzt zwar unwahrscheinlich; wäre in der Green City Freiburg aber eine Überraschung der besonderen Art.

 

Freiburg

Die Studentenstadt zählt heute 228 000 Einwohner. Sie ist damit die viertgrößte Stadt in Baden-Württemberg. Seit 1962 wurden die Oberbürgermeister dreimal gewählt: Nach Eugen Kreidel (1962 bis 1982) gelang dies Rolf Böhme (1982 bis 2002). Beide waren Sozialdemokraten. Dieter Salomon (Grüne) strebt nach 16 Jahren seine dritte Amtsperiode an. Salomon war von 1992 bis 2002 Landtagsabgeordneter, im Jahr 2000 wurde er Fraktionsvorsitzender. Salomon wurde in Australien geboren und kam mit drei Jahren ins Allgäu nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte er unter anderem Politik in Freiburg. (uh)