Freiburg – Die Stadt im Breisgau streitet um die Bemalung einer Hausfassade. Was viele als gelungen ansehen, stellte das städtische Baurechtsamt in Frage. Die Behörde hatte zunächst einen Stopp der Fassaden-Bemalung verfügt und das mit Gesichtspunkten des Denkmalschutzes begründet. Dagegen regte sich Protest. Jetzt stellt die Stadt fest: Das Haus ist gar kein Kulturdenkmal mehr. Die Bemalung kann also bleiben.

Tom Brane heißt der Graffiti-Künstler, der in Freiburgs zumindest vorwiegend grünem Stadtteil Wiehre ans Werk ging. Das Objekt seines Farbenspiels ist ein Stadtteil-typisches dreigeschossiges Haus mit Ornament-verzierten Fenstern und Türmchen-bewehrten Dachgauben. Vor der Bemalung machte es eher einen heruntergekommenen Eindruck, die Fassade war von einigen Graffitis verunstaltet. Tom Brane, selbst in der Graffiti-Kunst erfahren, sagt, das Haus habe „total traurig ausgesehen“. Neben großflächigen Blumenbildern und einem Entenpaar malte er auch diesen Satz ans Haus: „Dank an den Besitzer für den künstlerischen Mut, diese Straße zu verschönern“.

Vielen im Stadtteil gefielen die Aktion und das Wandgemälde, einem der Nachbarn allerdings nicht. Und der wandte sich laut Brane anonym an das Baurechtsamt und protestierte gegen die ungewöhnliche Neugestaltung der Hausfassade. Das Baurechtsamt stellte daraufhin in Frage, ob die intensiven Farben,die Blumen und die Tiere an der Fassade zulässig seien, da das Haus als Kulturdenkmal gelte. Tom Brane, schwer enttäuscht, schrieb in weißer Schrift zur Information der Betrachter an die Hauswand. „Künstlerische Arbeiten durch das Baurechtsamt eingestellt.

Danke an einen Nachbarn“. Er sah sich gezwungen, den Malerpinsel niederzulegen. Und wundert sich, dass nach seiner Erkenntnis den Hauseigentümern offiziell und schriftlich nie mitgeteilt worden sei, dass es sich bei ihrer Immobilie um ein Kulturdenkmal handelt. Nur mündlich sei die weitere Bemalung verboten worden, was das zuständige Amt bestätigt. Inzwischen hat eine Begehung des Hauses durch Denkmalbehörden ergeben, im Inneren des Hauses seien so grundlegende Änderungen und Umbauten vorgenommen worden, dass es „dem Gebäude an originaler Bausubstanz sowie an Alters- und Seltenheitswert fehlt, um eine Eigenschaft als Kulturdenkmal begründen zu können“, hieß es gestern in einer Mitteilung der Stadtverwaltung. Deshalb könne das Groß-Graffiti aus denkmalrechtlicher Sicht bleiben. Die Behördenvertreter haben sich also quasi selbst auf dem falschen Fuß erwischt.

Wäre das Haus auf behördliche Anordnung in einer dann von Amts wegen vorgeschriebenen Farbe übertüncht worden, so lauteten Befürchtungen im Stadtteil, wäre die dann wieder einfarbige Fassade noch mehr als früher mit hässlichen Graffitis versehen worden – dann eher aus Protest gegen vermeintliche behördliche Willkür.

Ein Nachbar hatte am Haus eine Unterschriftensammlung gestartet, die 2500 Menschen inzwischen schon gezeichnet haben. Auch im Internet konnte man sich solidarisch zeigen mit dem Künstler und der Hauseigentümerin. Die ursprüngliche Amts-Entscheidung wurde von Anwohnern als „eine Katastrophe“ gesehen. Das Haus sei „nur noch hässlich gewesen“, hieß es, und es würde dem Stadtbild gut tun, „wenn hier Farbe reinkommt“. Diejenigen, die sich aufregten, fanden Unterstützung bei dem in der Nachbarschaft lebenden Künstler-Ehepaaar Almuth und Ludwig Quaas. Die Malerin Almuth Quaas, durch ihre eindrücklichen Bilder vom Freiburger Münster bekannt, findet Branes Werk „wunderschön und bezaubernd. Auch wenn die Kunst des Tom Brane sonst nicht so mein Ding ist.“ Ihr Mann, selbst als Maler tätig, bewertet die Fassadengestaltung als „prima und belebend für das Stadtbild“. Da sich jetzt so viele Menschen das Wandbild anschauen, scherzt Ludwig Quaas, wäre es eine Überlegung wert, „neben dem Haus einen Würstchenstand aufzubauen und wenn's kälter wird, Glühwein zu verkaufen“.

Jenseits der positiven Betrachtungsweise entwickelt sich ein Kunststreit um das Wandgemälde. Denjenigen, die es befürworten, wird jeglicher Kunstverstand abgesprochen. Diejenigen, die die Bemalung unter künstlerischen Gesichtspunkten ablehnen, werden auch mal verbal aggressiv angegangen. Der anonyme Anzeiger – er ist im Quartier längst bekannt, will aber ebenfalls nicht öffentlich erwähnt werden – wurde angeblich schon als „Nazi“ beschimpft. Kunst gefällt, Kunst missfällt, Kunst polarisiert. Das ist im Freiburger Stadtteil Wiehre ganz deutlich zu erkennen.

.Streit um Kunst im öffentlichen Raum gibt es auch andernorts in der Region.www.sk.de/exklusiv