Unter dem Motto „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ hatten die Gewerkschaften des DGB-Kreisverbandes Sigmaringen am Antikriegstag zu einer Kundgebung nach Stetten am kalten Mark, an den Rand des Truppenübungsplatzes Heuberg eingeladen. Dort, wo ein Mahnmal des SPD-Landesverbandes Baden-Württemberg an die Geschundenen des „KZ Heuberg“ erinnert, führte der Politikwissenschaftler Dr. Michael Walther aus Balingen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Elend und die Gräuel für die damaligen Insassen vor Augen.

Gescheiterter und letztlich verheerender Militäreinsatz

Vor dem Hintergrund, dass bis zum heutigen Tage „in aller Welt entsetzliche Kriege geführt“ würden, machte DGB-Kreisvorsitzender Jürgen Witt (am Rednerpult) deutlich, dass der Antikriegstag für die Gewerkschaften „ein besonderer Tag der Mahnung“ bleibe.
Vor dem Hintergrund, dass bis zum heutigen Tage „in aller Welt entsetzliche Kriege geführt“ würden, machte DGB-Kreisvorsitzender Jürgen Witt (am Rednerpult) deutlich, dass der Antikriegstag für die Gewerkschaften „ein besonderer Tag der Mahnung“ bleibe.

Angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan, wo die Taliban nach 20 Jahren wieder das Kommando übernommen haben, wies der DGB-Kreisvorsitzende Jürgen Witt allerdings zunächst auf das Desaster hin, welches der Einsatz der NATO und auch der Bundeswehr dort hinterlassen hätten: „Unterm Strich bleibt – wie schon im Irak – ein gescheiterter und letztlich verheerender Militäreinsatz der NATO“, so Witt. In der Folge direkter Kriegshandlungen habe eine Viertelmillion Menschen ihr Leben lassen müssen. „Gründlich misslungen ist der Versuch, über Interventionen demokratische, staatliche Strukturen aufbauen zu wollen“, sagte Witt und führte vor Augen, dass bis zum heutigen Tage Kriege in aller Welt geführt würden. Mit dem Slogan „Nie wieder Faschismus“! wolle die Gewerkschaft am Antikriegstag auch an das mörderische Nazi-Regime erinnern, dass „von 1933 bis 1945 in seinem Rassenwahn getobt und jeden Andersdenken verfolgt“ habe.

Zerschlagung der Opposition

Wie dreckig es den Verfolgten im KZ Heuberg erging, darauf richtete Michael Walther seinen Blick. Häftlinge aus allen Oberämtern Württembergs, aus Hohenzollern und auch aus Baden seien dort ab dem 21. März 1933 eingesperrt worden: „Zehn Tage nach der Eröffnung befanden sich bereits 1700 Häftlinge auf dem Heuberg“, berichtete Walther, dass es einen Monat später mehr als 2000 waren. Ohne Gerichtsurteil oder Rechtsbeistand seien bis zur Auflösung des Lagers im Dezember 1933 etwa 3500 Männer tage-, wochen- oder monatelang dem staatlichen Terror ausgesetzt gewesen. Im KZ-System der Nazis hätten die „frühen Lager, zu denen der Heuberg gehört“, vorwiegend der Zerschlagung oppositioneller Strukturen und Unterdrückung politscher Gegner gedient – noch nicht deren gezielten Ermordung. Allerdings seien Gefangene jüdischer Religion besonderen Schikanen ausgesetzt gewesen, was man im KZ Heuberg auch an der Ermordung des Simon Leibowitsch, einem Kommunisten mit jüdischen Wurzeln, festmachen könne, der noch am Tage seiner Einweisung auf dem Heuberg zu Tode gefoltert wurde.

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Schikanen und Folterungen

Mit profundem Hintergrundwissen führte der Politikwissenschaftler Michael Walther die Gräuel vor Augen, mit denen die Häftlinge im KZ Heuberg tagtäglich traktiert wurden.
Mit profundem Hintergrundwissen führte der Politikwissenschaftler Michael Walther die Gräuel vor Augen, mit denen die Häftlinge im KZ Heuberg tagtäglich traktiert wurden. | Bild: Gerd Feuerstein

Eingehend schilderte der Politikwissenschaftler den „Alltag“ der Häftlinge, die in Zimmer mit jeweils 30 bis 40 Mann untergebracht waren, bei schlechtem und meist zu wenig Essen und von den Wachmannschaften in sogenannten „Verhören“ häufig misshandelt wurden. Ein Teil der Häftlinge sei zum Bau einer Straße im Pfaffental bzw. im Pfaffenwald und der Straße von Stetten nach Meßstetten herangezogen worden. Insbesondere sozialdemokratische und kommunistische Funktionäre, die der „Stufe drei“ zugeordnet waren, seien „besonderen Schikanen bis hin zu Folterungen ausgesetzt“ gewesen, berichtete Walther, der auch erzählte, dass nur wenige Häftlinge des KZ Heubergs später etwas über ihre Zeit im KZ erzählt hätten, was wohl mit der Schweigepflicht zusammen hing, die den Häftlingen auferlegt wurde: „Diese Sprachlosigkeit wurde mir in Interviews mit Nachkommen von Insassen mehrfach bestätigt“. Dennoch seien in der Nachkriegszeit eine Reihe von Erinnerungen publiziert worden, so Michael Walther, der an bekannte Insassen wie den späteren Oberbürgermeister von Reutlingen, Oskar Kalbfell, den SPD-Landesvorsitzenden und Reichstagsabgeordneten Erich Roßmann, den späteren KPD-Abgeordneten im württembergischen Landtag Julius Schätzle und den späteren SPD-Parteivorsitzenden Kurt Schumacher erinnerte.

Der Experte berichtet auch über das Schicksal des 1892 in Tailfingen geborenen Reinhold Gonser, der als Funktionär der KPD erstmals 1933 in Schutzhaft genommen wurde und vom Landesgefängnis in Rottenburg über den Heuberg ins KZ Oberer Kuhberg bei Ulm verschleppt wurde und zehn Jahre später, 1944, noch zweimal ins Visier der Nazis geriet und im Amtsgerichtsgefängnis Balingen und im Gestapo-Gefängnis in Oberndorf einsitzen musste. Nach dem Krieg wurde Gonser von der französischen Militärregierung als Bürgermeister in Tailfingen eingesetzt und saß dort viele Jahre für die KPD im Gemeinderat.