Herr Reich-Kunkel, Sie sind jetzt seit einem Jahr Pfarrer in der Gemeinde Stetten a.k.M.. Wie sieht Ihre Bilanz nach dieser Zeit aus?

Eigentlich kann ich nur über ein knapp halbes Jahr Amtszeit reden, weil ich nach über einem halben Jahr Krankheit erst wieder seit dem 1. September voll im Gemeindedienst stehe. Aber dessen ungeachtet sieht diese erste Bilanz positiv aus. Die Stettener haben mich gut und herzlich aufgenommen.

Können Sie berichten, an was Sie das genau festmachen?

Unter anderem an den Reaktionen auf die Nachricht, dass ich krank geworden war. Die Schulkinder haben mir Briefe und Karten geschrieben. Ich bekam von den Mitgliedern unseres Kirchengemeinderates und den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden sehr viel Verständnis und Unterstützung. Aber auch aus der Gemeinde selbst erfuhr ich eine starke Solidarität. Die Gemeinde ist sehr offen und außerordentlich hilfsbereit.

Geht es Ihnen denn zwischenzeitlich wieder gut?

In jedem Fall wieder sehr viel besser. Ich verbrachte fast vier Monate in einer psychosomatischen Fachklink. Dann kam noch eine Lungenentzündung dazu. Ich bin jedenfalls froh, dass ich das hinter mir habe.

Kann man dann also sagen: Vorbei und vergessen?

Nein, absolut nicht. Ich kann jetzt Menschen mit psychosomatischen Problemen weitaus besser verstehen, weil ich es selbst erlebt habe. Es ist in unserer Gesellschaft leider immer noch in weiten Teilen ein Tabu, über diese Krankheiten zu sprechen. Dabei macht gerade diese Sprachlosigkeit, dass nicht darüber reden können, den Betroffenen vielfach sehr zu schaffen. Insofern waren die Monate der Krankheit auch eine Schule für mich.

Wie geht es nun für Sie in der Gemeinde Stetten weiter?

Die Zukunft der Kirchengemeinde in Stetten bewerte ich sehr positiv. Wir haben beispielsweise eine sehr gute Kinder- und Jugendarbeit. Auch die Altersmischung im Kirchengemeinderat ist sehr ausgewogen. Ich will in den nächsten Monaten verstärkt auf Jugendliche und auch auf junge Familien zugehen.

Jugendarbeit heißt in einer evangelischen Gemeinde auch Konfirmandenunterricht. Wie sieht es damit aus?

Für die Konfirmation am 12. Mai 2019 bereiten sich gegenwärtig in Stetten acht Jungen und Mädchen vor. Meine Frau, die Pfarrerin in Meßkirch ist, und ich arbeiten beim Konfirmandenunterricht eng zusammen. Dazu gehört auch ein gemeinsamer Unterricht und eine gemeinsame Exkursion. Ich finde, die Zahl von acht Konfirmanden ist für Stetten eine sehr gute Zahl.

Was war für Sie in den ersten Monaten eine Schwierigkeit bei Ihrer Tätigkeit vor Ort?

Ich hatte als Schulpfarrer in der Salemer Schule, nur wenig mit Bürokratie zu tun. Als Theologen sind wir für die vielfältigen Verwaltungsaufgaben im Alltag einer Pfarrei nicht optimal vorbereitet. Neben diesen Verwaltungsaufgaben gibt es noch eine Menge innerkirchliche Bürokratie zu erledigen. Dann ist da auch noch der Kindergarten. Dafür gibt es für Pfarrer Fortbildungsveranstaltungen, die ich wahrnehme. Ich kann aber auch schon jetzt auf Erfahrungen aus meiner Zeit als Internatsleiter der Unterstufe der Schule Schloss Salem in den letzten eineinhalb Jahren vor Antritt der Pfarrstelle in Stetten zurückgreifen.

War die Suche nach einem neuen Organisten inzwischen erfolgreich?

Leider nein. Schon seit gut zwei Jahren, also deutlich vor meinem Amtsantritt sucht die Kirchengemeinde händeringend nach einem Organisten. Unsere Bemühungen waren bislang vergebens. Glücklicherweise erhalten wir sehr viel Unterstützung von evangelischen wie auch katholischen Orgelmusikern aus dem Umland. Da gibt es immer wieder kleine Probleme, weil die katholischen oder die evangelischen Kirchenmusiker aus dem Württembergischen mit unserer badischen Liturgie nicht immer sehr vertraut sind.

Wie reagiert die Gemeinde auf solche Anfangsschwierigkeiten?

Mit großem Verständnis und mit Toleranz. Unsere Gottesdienstbesucher sind sehr flexibel.

Der Gottesdienstbesuch geht überall, egal ob im katholischen oder evangelischen Bereich, zurück. Wie sieht es am Sonntagmorgen in Stetten aus?

Da machen wir bedauerlicherweise keine Ausnahme. An ganz normalen Sonntagen kommen durchschnittlich zwischen 15 und 20 Gemeindeglieder zum Gottesdienst.

Gibt es nicht doch auch Herausforderungen wegen der geografischen Lage Stettens?

Die Gemeinde liegt am äußersten Ende der badischen Landeskirche und gehört zum Kirchenbezirk Überlingen-Stockach. Die Fahrt zu Veranstaltungen oder Sitzungen im Kirchenbezirk nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Außerdem ist die evangelische Gemeinde auf dem Heuberg und im Donautal sehr weitläufig. Das bringt Schwierigkeiten mit sich, beispielsweise wenn die Konfirmanden zu einem gemeinsamen Termin zusammen kommen sollen.

Haben Sie Ihren Beschluss je bereut, Pfarrer in Stetten a.k.M. zu werden?

Eindeutig nein. Viele Kollegen fragten mich, als sie von meiner Bewerbung erfahren hatten: „Warum gehst du in die Verbannung?“ Davon kann natürlich keine Rede sein. Meine Frau als Pfarrerin in Meßkirch und ich fühlen uns in unserer neuen Heimat gut aufgenommen.

Woher, glauben Sie, kommen die negativen Einstellungen Ihrer Bekannten zu einem Dienstort wie Stetten?

Einige von ihnen waren bei der Bundeswehr und erinnern sich noch sehr intensiv an lange und kalte Ausbildungs- und Übungsnächte auf dem Truppenübungsplatz. Diese Erinnerungen übertragen sie dann auf den Ort und vielleicht auch auf den Heuberg insgesamt. Wie in anderen Berufsgruppen auch denke ich, dass hier eine Menge Psychologie dahinter steckt.

Themenwechsel: Können Sie uns berichten, wie Sie Ihre Freizeit gestalten??

Natürlich versuchen meine Frau und ich, neben unseren Tätigkeiten als Gemeindepfarrer immer noch Zeit gemeinsam zu verbringen. Wir machen dann beispielsweise Ausflüge. Ich selbst genieße meine Freizeit gerne bei guter Literatur und klassischer Musik. Eigentlich habe ich beim Pfarrhaus auch einen kleinen Garten. Das wäre sicher eine nette Freizeitbeschäftigung. Aber mir fehlt einfach der grüne Daumen, der für eine erfolgreiche Gartenarbeit schlichtweg notwendig ist.

Lassen sich denn eine geregelte Freizeit und die Aufgaben, die Sie als Gemeindepfarrer erfüllen müssen, überhaupt unter einen Hut bringen?

Es ist schwierig. Inoffiziell ist der Montag ja so etwas wie ein freier Tag für uns Pfarrer. Aber wenn ich dann abends von einem Ausflug zurückkehre, muss ich doch den Anrufbeantworter abhören, Mails checken oder den Posteingang bearbeiten. Ein Problem, das alle Pfarrer haben, ist die bereits erwähnte Bürokratie. Sie nimmt viel Zeit in Anspruch, die ich eigentlich lieber für die wirklichen Aufgaben als Gemeindepfarrer einsetzen möchte.

Was meinen Sie damit?

Damit meine ich die seelsorgerliche Arbeit, unter anderem mit Hausbesuchen.