In einer opulenten Freilicht-Theateraufführung, die alle Sinne anspricht, setzt Stetten am kalten Markt seine Ortsgeschichte in Szene. Das Stück zeigt gut choreografierte Einzel- und Massenszenen auf der gesamten riesigen Bühne, Farben- und Kostümpracht, kreative Einfälle, musikalische Vielfalt bis zu tänzerischen und akrobatischen Darbietungen.

Der Charme und das Können der 200 Laiendarstellen nehmen das Publikum im Stück „Stetten – dem Himmel so nah“ ganz für sich ein. Es handelt sich dabei um die Neuinszenierung des ersten Theaterprojekts, das in Kooperation mit dem Theater Lindenhof aus Melchingen anlässlich der 1200-Jahr-Feier im Jahr 1999 realisiert wurde.

Die Geschichte beginnt in der Frühzeit des Orts, macht Station bei wichtigen Geschehnissen der Zeitgeschichte wie dem Bauernkrieg, der 1848er-Revolution, den beiden Weltkriegen, dem Grundgesetz sowie den aktuellen Klimadiskussionen und nimmt im Speziellen die Geschehnisse vor Ort in den Fokus mit einer großen Portion lokalem Flair. Mit langanhaltendem Applaus signalisierte das Publikum den Akteuren seine absolute Begeisterung.

Schlag auf Schlag geht es durch die wechselvolle Historie. Turbulentes und lautes Markttreiben breitet sich aus, in dem sogar der Pfarrer dem Schwarzen Scharlatan ein Mittelchen für gesteigerte Vitalität abkauft, Jungs beweisen sich im Kräftemessen, Aufständische jagen über die Freilichtbühne und marodierende Schweden vertreiben die Herrschaften aus dem Schloss. Auch musikalisch reiste das Publikum durch die Zeiten: von der höfischen Musik, den Militärmärschen bis zur Rockmusik.

Einige treue Begleiter wie eine Schulklasse, eine Stammtischrunde, der Herr Pfarrer und seine Haushälterin sowie der Wanderer, der eigentlich der Herrgott ist, führen das Publikum durch das Stück. Die Kinder der Schulklasse lernen fleißig, was sich ereignete, hinterfragen aber auch in sympathisch naiver Weise kritisch das Geschehen.

Auf die Erklärung der Lehrerin, dass man am 8. Mai die Befreiung Deutschlands von der Nazidiktatur feiere, kommt die spontane Nachfrage: „Wie? Deutschland wurde von der Nazidiktatur befreit? Also die Deutschen selbst waren gar keine Nazis, sondern von denen nur besetzt?

Einen ähnlichen Streit um die richtige Bezeichnung führt die amüsante, aber tiefgründige Stammtischrunde mit ihren unterschiedlichen Charakteren. Während der Sänger der Rockband auf einer kleinen Bühne im Hintergrund vom Konzentrationslager auf dem Heuberg singt, poltert der Rechthaber in der Stammtischrunde, dass dies ein Schutzhaftlager gewesen sei.

Das klare Benennen von historischen Fakten sowie das Hinschauen und Wegschauen gehören zu den wichtigen Themen im gesamten Stück.

Erheiternd stolpern oder jagen die beiden Landjäger über die Bühne, die auf ihrer stetigen Suche nach den Aufständischen so manchen Zugriff vermasseln. Neben den unterhaltsamen Kalauern berührt das Theaterstück jedoch unterschiedliche Emotionen und Aspekte.

Die Zuschauer erfahren Wissenswertes, erleben Spannung bei Kämpfen zwischen der Ordnungsmacht und den Aufständischen, aber auch bedrückend Trauriges, wenn die Kriege durch das Land ziehen und den Frauen die Männer und Söhne rauben. Ein eindrückliches Bild vermitteln die auf dem Boden liegenden toten Bewohner, über die ein großes rotes Tuch hinweg weht. Die Nennung von Namen holt sie aus der Anonymität heraus.

Die verschiedenen Handlungsstränge, so die Rolle der Kirche oder der Ort als Spielball der Mächtigen, zeigen auf, dass es stets Mut braucht, um in die Geschicke einzugreifen. So endete das Stück mit dem Wunsch nach mehr Menschlichkeit, einem besseren Miteinander und der Schonung der Umwelt.

Während alle beim großen Finale „Freude schöner Götterfunken“ singen, erstrahlt bei „Alle Menschen werden Brüder“ die Erdkugel an der Rathausfront mit dem Bereich des Nahen Ostens im Zentrum. Ein ergreifender Moment. Ein großes Lob darf allen Akteuren ausgesprochen werden, die mit einer starken Bühnenpräsenz, Spielfreude und ausdrucksstarken Rollen in jeder Minute für anspruchsvolle und zugleich kurzweilige Unterhaltung sorgen.

Weitere Aufführungen am 26., 27. und 28. Juli sowie am 2. und 3. August, jeweils um 20 Uhr. Bewirtung und Abendkasse ab 18 Uhr. Vorverkauf im Stettener Rathaus 13 Euro, an der Abendkasse 19 Euro.