Die Einsatzkräfte der Stettener Feuerwehren waren in den vergangenen Jahren bei tödlichen Verkehrsunfällen, Suiziden oder einem Hundebiss mit Todesfolge mehrfach belastenden Ereignissen ausgesetzt. Die Bilder setzen sich in den Köpfen der Wehrleute fest, jeder Einzelne muss das verkraften. Besonders für junge, noch unerfahrene Kräfte sind derartige Einsätze enorm belastend. Umso mehr schätzen die Einsatzkräfte längst auch die Arbeit und die Betreuung durch die Notfallseelsorge, die "in psychisch besonders belastenden Situationen von unschätzbarem Wert" sei, wie es Stettens Feuerwehrkommandant Wolfgang Neusch bei der jüngsten Hauptversammlung seiner Truppe ausdrückte.

Spezielle Lehrgänge der Notfallseelsorge

Viele Führungskräfte der Stettener Wehren haben in den vergangenen Jahren spezielle Lehrgänge der Notfallseelsorge besucht, um Grundlagen und Kenntnisse über den Umgang mit stressbedingten Situationen uns psychischen Vorgängen im Einsatz zu erlangen. So auch Glashüttes Kommandant Thomas Straub, dem diese Ausbildung bei einem tödlichen Verkehrsunfall im vergangenen Jahr "sehr, sehr hilfreich" gewesen sei, wie er im SÜDKURIER-Gespräch wissen lässt. Er habe gelernt, kritische Situationen – auch seiner Leute – zu erkennen und diese entsprechend zu deuten. "Im konkreten Fall sind wir nach dem Einsatz noch über zwei Stunden zusammen gesessen und haben uns über die Schwere des Unfalls und die belastenden Eindrücke ausgetauscht", erzählt Straub. Überdies habe man tags darauf ein Gruppengespräch mit der Notfallseelsorge organisiert, bei dem jeder Beteiligte seine eigenen Eindrücke und Erfahrungen schildern konnte. Ihm selbst sei bei der Anfahrt zum Umfallort, der nur wenige Hundert Meter vom Glashütter Gerätehaus entfernt lag, sofort in den Kopf geschossen, dass die eigene Ausrüstung nicht ausreichend sei, um die notwendige Hilfe mit Rettungsschere und mehr zu leisten: "Umso erleichterter war ich, als die Stettener Truppe und die Lagerfeuerwehr auch sofort zur Stelle waren."

Einfach nicht mit dem Druck fertig geworden

Dennoch sei es für ihn "kurzzeitig eine sehr belastende Situation" gewesen, weil er sich Vorwürfen ausgesetzt sah, nicht entsprechend helfen zu können. "Alles in allem war es ein sehr schweres Jahr für unsere Abteilung", berichtet Straub, zumal drei junge Feuerwehrfrauen kurz nach dem Unfall "ihren Dienst in unserer Wehr quittiert" hätten. Sie seien einfach nicht mehr mit dem Druck fertig geworden, "was im jeweiligen Alarmfall auf sie zukomme". In langen Gesprächen habe man mit den Frauen besprochen, dass sie "ohne jeden Groll aus der Wehr ausscheiden" könnten. "Unsere Einsatzkräfte sind auch nur Menschen, die freiwillig und im Ehrenamt dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger im Normalfall gut schlafen können", sagt Straub.

Da können ihm Stettens Feuerwehrkommandant Wolfang Neusch und sein Stellvertreter Adolf Hafner nur zustimmen. Zwar würden bei den Wehren alle möglichen Szenarien immer wieder geübt, doch "zwischen Theorie und Praxis liegen halt manchmal Welten", betonen sie. Und erst im echten Einsatz zeige sich, wer für den Job tatsächlich geeignet sei. "Und wenn das jemand für sich anders entscheidet, ist das absolut in Ordnung."

Jeder geht anders mit Schreckensbildern um

Auch Neusch und Hafner haben Schulungen der Notfallseelsorge absolviert und betonen deren Bedeutung zur Stressbewältigung bei belastenden Einsätzen: "Um unsere Mannschaft dafür zu sensibilisieren, haben wir bestimmte Anteile inzwischen sogar in die Grundlagenausbildung integriert", berichtet Neusch. Die Auf- und Nacharbeitung schwieriger Einsätze durch die Notfallseelsorge sei für die Wehren "eine sehr, sehr große Unterstützung", zumal jeder Mensch anders reagiere und mit Schreckensbildern unterschiedlich umgehe. Doch mit entsprechender Hilfe sei es "definitiv leichter", solche Dinge zu verkraften.

"Rückmeldungen meiner Truppe bestätigen, wie hilfreich das Gespräch mit einem Notfallseelsorger nach solchen Einsätzen ist", berichtet Adolf Hafner. Wie Neusch hat er in unzähligen Einsätzen Dinge erlebt, "die Spuren im Kopf hinterließen", die immer wieder auftauchten und für den Einzelnen "durchaus belastend" sein könnten: "Umso mehr kommt uns bei unserer Arbeit die Schulung durch die Notfallseelsorge und deren jederzeitige Unterstützung entgegen", sagt Wolfgang Neusch – seine Stellvertreter Adolf Hafner und Thomas Straub können da nur zustimmen.

So funktioniert die Notfallseelsorge im Landkreis Sigmaringen

Notfallseelsorge ist das ökumenische Angebot der Kirchen, Menschen seelsorglich beizustehen, die sich in einer akuten Krisensituation, zum Beispiel durch einen Unfall oder durch Verletzung und Tod von Angehörigen, befinden. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit Rettungs- und Hilfsdiensten und in der unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Nähe zum auslösenden Ereignis. Das Angebot richtet sich zunächst an die von der Krise direkt Betroffenen und ihre Angehörigen, gilt aber auch den Mitarbeitern der beteiligten Rettungs- und Hilfsdienste, der Feuerwehren und der Polizei.

Notfallseelsorge ist seelsorgerische Akuthilfe für die ersten Stunden nach einem belastenden Ereignis. Das Angebot steht allen Menschen offen, die in einer solchen Krisensituation Beistand wünschen oder für die Beistand gerufen wird – unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit, ihrer religiösen Prägung oder ihrer weltanschaulichen Überzeugung.

Im Landkreis Sigmaringen wurde die Notfallseelsorge 2001 aus der Taufe gehoben und hat sich – eingebettet in das Rettungswesen des Landkreises – längst als dessen unverzichtbarer Bestandteil etabliert. Gegliedert in die Sektionen Notfallseelsorge (NFS), Einsatzkräfteschulung (EKS) und Stressbearbeitung nach belastendenden Einsätzen (SbE-Team) wurden die Notfallseelsorger im vergangenen Jahr zu insgesamt 178 Einsätzen gerufen. Wie der Sprecher des Leitungsteams, Stettens Pfarrer Edwin Müller, im SÜDKURIER-Gespräch wissen lässt, habe die Bandbreite der Einsätze vom plötzlichen Kindstod, über Suizide, Betreuung nach Verbrechen oder Gewalttaten und schwersten Verkehrsunfällen bis hin zu Brand- und Unwettereinsätzen und dem Überbingen von Todesnachrichten mit der Polizei das gesamte Einsatzspektrum umfasst.

Das nötige Rüstzeug

Unter dem Leitspruch "Meinen Leuten geht's schlecht, oder?" versuche die Notfallseelsorge mit ihren "Schulungen für Führungs- und Einsatzkräften von Feuerwehr und Rettungsdienst" diesen das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben, um entsprechende Anzeichen bereits im Einsatz zu erkennen und dementsprechend zu reagieren. In entsprechenden Rollenspielen würde Stress, dessen Erkennung und Bewältigung ebenso geübt, wie man intensiv auf belastende Einsätze und deren mögliche Auswirkungen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Einsatzkräften eingehe. Auch Themen wie "Betreuung von Opfern und Angehörigen an der Einsatzstelle", "Umgang mit anderen Kulturen", "Umgang mit Trauer und Tod" sowie "Begleitung Sterbender/Angehöriger" oder "Emotionaler Selbstschutz" gehörten zum Inhalt des Lehrgangs.