Während die meisten Menschen nach 60 Jahren eher an den Ruhestand und ein gemütliches Rentnerdasein denken, sitzt Karl Graß noch immer gern am Steuer seiner Mähdrescher. Seit 1960 kommt er jedes Jahr mit seinen großen Maschinen von der Rheinebene auf den Heuberg. Somit hat er dieses Jahr zum 60. Mal in Stetten a.k.M. die Ernte eingefahren.

Der „Mähdrescher-Karle“, Karl Groß, wird in wenigen Wochen 80 Jahre alt.
Der „Mähdrescher-Karle“, Karl Groß, wird in wenigen Wochen 80 Jahre alt. | Bild: Gerd Feuerstein

60 Jahre in Folge bei der Ernte in Stetten im Einsatz

In all den Jahren ist er nicht ein einziges Mal ausgefallen, erzählt Karl Graß, der mit Stolz auf seinen 60. Ernteeinsatz blickt. In wenigen Wochen steht für ihn ein weiterer besonderer Tag an – dann feiert er seinen 80. Geburtstag: „Und da gibt es nicht so viele, die immer noch auf dem Mähdrescher sitzen“, erzählt er und schmunzelt. Auch, wenn er es bei den vergangenen Ernteeinsätzen etwas ruhiger angehen lassen habe, und sich „natürlich die schönen Flächen zum Dreschen aussuchte“, wie Martin Straub anmerkt. Er und Siegbert Schetter sind Karl Graß‚ langjährige Mitstreiter vor Ort.

Graß steigt „noch immer gerne selber auf den Bock“

Trotz gewisser körperlicher Malessen steige er „noch immer gerne selber auf den Bock“, erzählt Karl Graß. Und das nun schon im 60. Jahr. Ob noch weitere Einsätze folgen, diese Frage lässt Karl Graß mit Blick in den blauen Heuberghimmel offen: „Das hängt ganz von dem da oben ab.“ Doch er hoffe, dass „der Herrgott mir noch einige Jährchen schenkt“.

Zum 60. Mal hat Karl Graß (oben) in Stetten a.k.M. die Ernte eingefahren: „Ich kann diejenigen, die mir 60 Jahre die Treue gehalten haben, ja nicht hängen lassen“, sagt er im Beisein von Fritz Straub-Riedler (vorn), der zu Graß‘ ersten Kunden auf dem Heuberg gehörte.
Zum 60. Mal hat Karl Graß (oben) in Stetten a.k.M. die Ernte eingefahren: „Ich kann diejenigen, die mir 60 Jahre die Treue gehalten haben, ja nicht hängen lassen“, sagt er im Beisein von Fritz Straub-Riedler (vorn), der zu Graß‘ ersten Kunden auf dem Heuberg gehörte. | Bild: Gerd Feuerstein

Seinen diesjährigen Ernteeinsatz auf dem Heuberg hat er jedenfalls in der vergangenen Woche beendet. Die drei großen Mähdrescher des Lohndreschers wurden am Wochenende wieder ins heimatliche Moos, einem Stadtteil der großen Kreisstadt Bühl, überführt, wo in den kommenden Wochen die Maisernte ansteht. Sechs Stunden habe die Fahrt gedauert, erzählen Graß und Martin Straub, dessen kleiner Sohn Albert auf einem der Mähdrescher mitfahren durfte.

Nach getaner Arbeit ging es für die drei Mähdrescher zurück ins heimische Moos. Sechs Stunden dauerte die Fahrt. Der kleine Albert Straub, Sohn von Martin Straub, hatte sichtlich Freude, dabei zu sein.
Nach getaner Arbeit ging es für die drei Mähdrescher zurück ins heimische Moos. Sechs Stunden dauerte die Fahrt. Der kleine Albert Straub, Sohn von Martin Straub, hatte sichtlich Freude, dabei zu sein. | Bild: Gerd Feuerstein

Stetten als zweite Heimat

In all den Jahren, die Karl Graß nun schon auf den Heuberg kommt, ist Stetten a.k.M. zu einer zweiten Heimat geworden, erzählt er. Der „Mähdrescher-Karle“, wie er von vielen genannt wird, ist hier kein Unbekannter. Viele Freundschaften sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, und so kommt es, dass Karl Graß nicht nur zur Erntezeit in der Region anzutreffen ist. Er lässt sich das ganze Jahr über immer wieder mal blicken: „Immer, wenn mich der Rappel packt, fahr ich halt mal kurz hierher“, erzählt er und lächelt. Für ihn sei ein Besuch auf dem Heuberg immer „so wie ein kleiner Kurzurlaub“.

Viele Freundschaften sind entstanden

Nun freue er sich auf seinen bevorstehenden 80. Geburtstag. Und zu diesem Anlass werden – wie bei seinen vergangenen runden Geburtstagen auch – wieder zahlreiche Freunde und Bekannte aus Stetten a.k.M. ins badische Moos reisen, um mit dem „Mähdrescher-Karle“ und seiner Familie zu feiern: „Auch die Heuberg-Rangers sind dabei wieder mit am Start“, erzählt Graß, dem die Vorfreude auf dieses besondere Fest deutlich anzumerken ist.

Anfangszeit in Schwenningen

Seine Bekanntschaft zu Fritz Wacker führte den damals 20-jährigen Karl Graß 1960 mit dem Mähdrescher des Vaters zum ersten Mal nach Stetten a.k.M. Schon im zweiten Jahr kaufte er einen eigenen Mähdrescher. Im Jahr darauf rückte er bereits mit zwei Maschinen auf dem Heuberg an. Um seinem Bekannten Fritz Wacker nicht ins Gehege zu kommen, drosch er anfangs meist in Schwenningen, machte dort den Gasthof „Hasen“ zu seinem Domizil.

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„Das sind Erinnerungen, die werden immer in meinem Herzen sein“

Später kam er im Stettener Gasthaus „Linde“ unter und sei nun schon seit vielen Jahren „quasi ein vollwertiges Mitglied der Familie Straub„ in der Stettener Hauptstraße, die ihm „zu jeder Zeit ein Zuhause“ biete, wenn er in Stetten sei, betont Graß sichtlich dankbar: „Mit fehlt es in Stetten eigentlich an nichts“, sagt er, um dann doch zu ergänzen: „Außer der ‚Linde‘“. Denn geradezu legendär seien die Sausen gewesen, die der „Mähdrescher-Karle“, sein Kumpel Fritz Wacker und Lindenwirt Hans Graf Senior in früheren Jahren fast jeden Abend veranstaltet hätten: „Das sind Erinnerungen, die werden immer in meinem Herzen sein.“