Was für ein Theaterabend! Wer die Premiere von "The Purple Rose of Cairo" auf der Waldbühne besuchte, der kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn mit Laientheater hatte das nichts mehr zu tun. Hier waren Akteure am Werk, denen es mit Professionalität gelungen ist, den 13. Film von Woody Allen für die Bühne umzusetzen. Dass dies ohne modernste Technik nicht möglich gewesen wäre, wurde spätestens dann deutlich, als sich die Bühne zum Kino verwandelte und die Figuren im Film mit den leibhaftigen Akteuren in Dialoge eintraten. Es war eine perfekte Symbiose aus Film und Bühne.

Und es war vor allem auch eine Glanzleistung von Luna Selle und Frank Speh, die erstmals Regie führten. Noch im vergangenen Jahr hatten sie bei "Dracula" in den Hauptrollen für Furore gesorgt und jetzt setzten sie eine Idee in die Tat um, die Außenstehende sicher als unmöglich bezeichnet hätten. Doch dieses Wort scheint bereits seit einigen Jahren aus dem Vokabular der Waldbühne verschwunden zu sein. Und das Reservoir an schauspielerischen Talenten scheint nahezu unbegrenzt zu sein. Zwar musste das Publikum dieses Jahr auf so manches vertraute Gesicht verzichten, doch dafür gingen neue Sterne am Theaterhimmel auf.

Die 1985 entstandene Filmkomödie "The Purple Rose of Cairo" spielt im Amerika zur Zeit der großen Depression der 1930er Jahre und erzählt vom Leben der Kellnerin Cecilia. Carina Reiser spielt die Rolle der naiven und verträumten jungen Frau mit großen Einfühlungsvermögen. Und das tat sie so natürlich, dass die Figur wunderbar realistisch erscheint. Zusammen mit Michael Baacke bildet sie das neue Traumpaar der Waldbühne. Hier passt alles und Baacke, der beruflich im Jugendamt tätig ist, scheint hier seine Traumrolle gefunden zu haben. Mal erscheint er auf der Leinwand, mal auf der Bühne. Mal ist er die Figur des Tom Baxter, mal die des Schauspielers Gil Shephard. Und selbst da muss er sich noch einmal aufteilen und den John Silver in der "Schatzinsel" spielen. Das Filmset wird durch ein Schiff bereichert, das auf die Bühne fährt. Es ist eine Requisite aus dem diesjährigen Jugendstück – so etwas nennt man Ressourcenoptimierung. Und Ressourcen, die gibt es bei der Waldbühne wohl in riesigem Ausmaß. Hier ist keine Rolle eine Fehlbesetzung und das Zusammenspiel muss einfach begeistern.

Das gilt im diesjährigen Stück auch für die Glanzleistung, dass schon Monate vor der Premiere selbst einen Schwarz-Weiß-Film gedreht und dieser dann so in die Handlung einbaut wird, dass es keine Risse, keine Unstimmigkeiten und kein Hängenbleiben gibt. Die Personen im Film sprechen mit denen in der Realität. Einer Realität, die Cecilia mit ihrem arbeitslosen und gewalttätigen Ehemann Monk (sehr überzeugend Joachim Ott) teilen muss. Da bleibt dann nur das Kino als Lebensersatz. Wer kann schon wissen, dass eine Filmfigur aus der Leinwand in das wahre Leben steigt? Die Umsetzung ist hervorragend gelungen und dass es auch eine ganze Menge zu Schmunzeln gibt, dafür sorgen die witzigen Dialoge, wenn der Mann aus dem Film so manche Dinge aus dem wahren Leben gar nicht richtig einschätzen kann.

Warum kann man mit Filmgeld nicht den Champagner bezahlen? Und wozu sind eigentlich die Damen im Bordell da?

Was für den Filmhelden verwirrend ist, das ist für den wissenden Zuschauer normal. Und genau diese Fiktion der Welt auf der Leinwand mit dem wahren Leben in Verbindung zu bringen, die fällt Cecilia sehr schwer. Dass Tom Baxter im Laufe des Abends auch noch in anderen Kinos den Film "verlässt" und dem Filmboss dadurch ein Debakel droht, das lässt die Waldbühnenbesucher mitfiebern, wie man dieses Problem lösen kann. Denn der Film kann ja nicht weitergehen, wenn eine Figur komplett fehlt. Und die einzelnen Szenen kommen dann auch noch durcheinander. So viel sei verraten: Es wird eine Lösung gefunden. Der Theaterbesucher wird sich aber die Frage stellen, wie man diese Aufführung noch toppen kann.

Aufführungen

Wer bei der Premiere von "The Purple Rose of Cairo" nicht dabei sein konnte, der hat noch an folgenden Terminen Gelegenheit, sich das Stück anzuschauen: Samstag, 15. Juli, 20.30 Uhr; Samstag, 22. Juli, 20.30 Uhr; Freitag, 28. Juli, 20.30 Uhr; Samstag, 29. Juli, 20.30 Uhr; Samstag, 19. August, 20 Uhr; Sonntag, 20. August, 14.30 Uhr; Freitag, 25. August, 20 Uhr; Samstag, 26. August, 20 Uhr; Samstag, 2. September, 20 Uhr; Sonntag, 3. September, 14.30 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 11 Euro, ermäßigt 10 Euro. Kinder bis 15 Jahre zahlen 7 Euro, eine Familienkarte für zwei Erwachsene und zwei Kinder kostet 32 Euro.

Kartenreservierung und Auskunft unter der Telefonnummer 0 75 71/35 20 (montags bis freitags 18 bis 20 Uhr, samstags 10 bis 14 Uhr). Weitere Informationen auch online unter www.waldbuehne.de