Das Kreiskulturforum hat im Rahmen seiner Mitgliederversammlung das Schwerpunktthema für das Jahr 2020 festgelegt. Es soll dem historischen Erinnern gewidmet werden. Den Vorschlag dazu machte Geschäftsführer Edwin Ernst Weber. Anlass für das Thema ist zum einen das Ende des Zweiten Weltkrieges, das 2020 75 Jahre zurückliegen wird. Zum anderen lässt sich dann auf 30 Jahre Wiedervereinigung zurückblicken. Da der Anlass voraussichtlich die letzte Gelegenheit bietet, Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs in die Veranstaltungen einzubeziehen, stieß das Thema auf eine breite Zustimmung der Mitglieder.

Erinnern als Ausdruck des Selbstverständnisses einer Gesellschaft

Das historische Erinnern war im Rahmen des Kulturschwerpunkts von 2014 "Zeitenwende 1914" bereits ein Teilaspekt. Vor vier Jahren stand das unterschiedliche Erinnern von Deutschen und Franzosen im Fokus. An was, wie und weshalb wir erinnern, als Ausdruck des Selbstverständnisses einer Gesellschaft, soll im Jahr 2020 beleuchtet werden, erläuterte Edwin Ernst Weber. Die Form des Erinnerns sei Ausdruck der Selbstvergewisserung eines Volks. Jede Generation habe ihre eigenen Fragen an die Geschichte.

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Erkenntnisgewinn soll im Vordergrund stehen

Die Herangehensweise an die Geschichte soll unter der Losung „Erkenntnis statt Bekenntnis“ erfolgen. Stehe der Erkenntnisgewinn im Vordergrund, verhindere dies, dass Geschichte für aktuelle Interessen missbraucht werde, betonte der Geschäftsführer des Kreiskulturforums. „Wir sollten die Geschehnisse in der Vergangenheit immer wieder offen befragen“, erklärte er. Auch wenn dies unbequem sein sollte. Es gelte, auch die düsteren Seiten in den eigenen Städten zu erforschen. „Dabei müssen wir uns die Frage stellen, wie wir heute mit Randgruppen umgehen“, bemerkte Weber im Hinblick auf die Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen während der Nazi-Diktatur. Die Auseinandersetzung sollte nicht in der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern als Lernerfahrung für die Zukunft dienen.

Der Kulturschwerpunkt wird sich auch damit befassen, wie unbescholtene Bürger, hier Lisa und Siegfried Frank in Sigmaringen, unter den Nazis zu Verfolgten wurden.
Der Kulturschwerpunkt wird sich auch damit befassen, wie unbescholtene Bürger, hier Lisa und Siegfried Frank in Sigmaringen, unter den Nazis zu Verfolgten wurden. | Bild: Landratsamt Sigmaringen

Nur noch wenige Zeitzeugen

Da es bald niemanden mehr gebe, der das Dritte Reich selbst erlebt hat, ändere sich die Beschäftigung mit der Unrechtsherrschaft der Nationalsozialisten. Schriftlichen und bildlichen Quellen komme dann eine andere Bedeutung zu. Um herauszufinden, was das kulturelle kollektive Gedächtnis prägt, sei die Einrichtung von Geschichtswerkstätten in den einzelnen Städten und Gemeinden im Landkreis Sigmaringen vorstellbar. Jugendliche könnten darin die Geschichte ihres Heimatortes erforschen und mit Menschen ins Gespräch kommen, die die Kriegszeit noch erlebt haben. Erzählcafés könnten ebenfalls die Möglichkeit zum Austausch von Alt und Jung bieten. „Spannend ist auch die Frage, warum wir an die einen erinnern und an andere nicht“, erläuterte Weber einen gesellschaftlichen Aspekt.

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Thema soll ausgeweitet werden

Neben Führungen, Vorträgen und Ausstellungen könne er sich auch wieder ein literarisches Projekt vorstellen. Brunhilde Raiser stimmte dem Vorschlag zu. "Ich spreche mich sehr für dieses Thema aus", sagte sie. Raiser regte außerdem an, in den Kulturschwerpunkt auch das Thema 30 Jahre Wiedervereinigung mit aufzunehmen. Landrätin Stefanie Bürkle begrüßte als Vorsitzende des Kreiskulturforums den Vorschlag. „Man kann auch noch untersuchen, was andere Länder erinnern“, fügte sie an und verwies auf die Partnerstädte.

Zum Schluss betonte die Landrätin nochmals, dass die Form der Erinnerung zukunftsgewandt sein sollte. „Wir dürfen nicht im Zeitfenster 1945 verharren“, erklärte sie, sondern sollten aktiv in die Zukunft schauen.