Keine große Bühne, nur sechs Schauspieler statt bis zu einhundert und kein sich in jeder Szene sich veränderndes Bühnenbild: Es war dieses Jahr wirklich alles anders, wie Walter Kordovan, Vorsitzender des Theatervereins Waldbühne, am Samstagabend in der ausverkauften Donau-Lauchert-Halle bei seiner Begrüßung feststellte. „Der Vorname“ feierte Premiere und es wurde damit deutlich, dass das Sprichwort „wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ auch in Corona-Zeiten seine Berechtigung hat. Und was für eine! Was hier geboten wurde, das war eine Klasse für sich. Wenn auch das Publikum an so manche Neuerung gewöhnen musste.

Anna (Madeleine Gasser) und Julius (Fabian Felbick) haben (fast) keine Probleme.
Anna (Madeleine Gasser) und Julius (Fabian Felbick) haben (fast) keine Probleme. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Am Eingang mussten die Hände desinfiziert werden, in der keineswegs kleinen Halle standen Stühle einzeln, paarweise und natürlich in Corona-Abstand und der Bühnenvorhang blieb geschlossen. Stattdessen hatte man ein Podium auf Zuschauerebene aufgebaut. Darauf die gedeckte Tafel für ein Familienessen. Eine Wand mit Bücherregal und zwei Ausgängen – mehr nicht. Damit wurde man den Anforderungen an ein Kammerspiel gerecht. Keine Statisterie, kein großer Dekorationsaufwand und vor allem: wenig Schauspieler. Dafür mussten die eine riesige Textmenge beherrschen, denn es sollten 100 Minuten gespielt werden. Es gab auch keine Pause, dafür eine Aufführung, die an Qualität nichts vermissen ließ.

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Visuelle Effekte, wie man sie von den Freilichtaufführungen auf der Waldbühne kennt, blieben aus und auch Actionszenen gab es nicht, wenn man von einem Faustschlag mit dem Effekt einer blutigen Nase mal absieht. Der Schwerpunkt lag auf der Wirkung der Gespräche zwischen den Figuren. Die psychologische Ausrichtung war unverkennbar und auch, dass da ein fiktives Abendessen dargestellt wurde, das aber so oder ähnlich sicher auch in vielen Familien schon einmal stattgefunden hat. Vielleicht ging es da aber nicht unbedingt um einen Vornamen. Und schon gar nicht um „Adolf“.

Bei Pierre (Alexander Speh) und Elisabeth (Esther Rebholz) hängt der Ehesegen schief.
Bei Pierre (Alexander Speh) und Elisabeth (Esther Rebholz) hängt der Ehesegen schief. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Darf man sein Kind nach einem Massenmörder nennen? Diese Frage wird eifrig diskutiert, als Vincent (Mathias Hahn schelmisch, kokett und zum Schluss auch zuschlagend) erklärt, dass der Nachwuchs genau diesen Namen tragen soll, der seit dem Ende des zweiten Weltkriegs in Deutschland verpönt ist. Elisabeth (eine Glanzrolle für Esther Rebholz als frustrierte Grundschullehrerin, die ihre eigene Karriere für den Ehemann aufgegeben hat) tischt ein marokkanisches Büffet auf. Sie und ihr biederer Ehemann Pierre (Alexander Speh als Literaturprofessor wie aus dem Bilderbuch) haben Gäste eingeladen. Elisabeths Bruder Vincent, einen amüsanten Selbstdarsteller, mit seiner schwangeren Frau Anna, dazu Julius, Posaunist im Rundfunkorchester und alter Freund. Das Essen und der Wein munden, auf Anna wird noch gewartet. Gesprächsstoff bietet die Namensgebung des erwarteten Sprösslings von Vincent. Der lässt schließlich die Bombe platzen: Adolf soll der Nachwuchs heißen. Die anschließende Diskussion um political correctnes macht deutlich: Der Name ist eine einzige Provokation.

Unangenehme Wahrheiten

Doch es geht noch weiter. Die Jugendfreunde Pierre und Vincent (Matthias Hahn kann sein wahres Ich meisterlich verbergen) sprechen endlich einmal unangenehme Wahrheiten aus und auch Elisabeth stellt klar, dass sie mit ihrem Leben keineswegs zufrieden ist und ihrem Ehemann offensichtlich auch noch zu seiner Doktorarbeit verholfen hat. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass Julius Fabian Felbick (absolut gekonnt in Gewissensnöten) keineswegs schwul ist, wie allgemein gedacht, sondern ein Verhältnis mit Elisabeths Mutter hat. Dazu gibt es noch die Wahrheit über einen Hundsmord. Anna (Madeleine Gasser als selbstbewusste und resolute Schwangere ein echter Gewinn) fühlt sich in ihrem Beruf als Schauspielerin von Vincent nicht akzeptiert und lässt ihn schließlich sitzen. Es fehlt also kein Konflikt, den man sich für einen unterhaltsamen Theaterabend wünschen würde. Nicht vergessen darf man die Erzählerin Carina Reiser. Sie skizziert die Biografien der Figuren so akzentuiert, dass man sich sofort mittendrin fühlt, als das Spiel beginnt.

Applaus auch mit Corona-Abstand: Das Hygiene-Konzept der Waldbühne war perfekt.
Applaus auch mit Corona-Abstand: Das Hygiene-Konzept der Waldbühne war perfekt. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Die beiden Regisseure Frank Speh und Fabian Felbick haben hervorragend dafür gesorgt, dass Tempo und Timing stimmen, dass die Pointen zutreffend serviert werden und die Darsteller ihr Können in furioser Weise präsentieren können. Wer denkt da noch an Corona!

Für die Aufführungen am 16., 17., 23. Und 24. Oktober gibt es noch ein paar Karten. Bestellungen unter: http://www.waldbuehne.de

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