Sigmaringen – Wer mit der Krankheit Krebs zu kämpfen hat, der braucht nicht nur medizinische Unterstützung. Und es sind nicht nur Menschen, die selbst betroffen sind, die oftmals Hilfe benötigen. Angehörige und Freunde tun sich oft schwer im Umgang mit dem Patienten. Doch wo kann man sich Hilfe holen? Im Kreis Sigmaringen ist man da nicht schlecht aufgestellt. Neben den Selbsthilfegruppen gibt es hier auch eine Psychosoziale Krebsberatungsstelle. Und die bietet am Donnerstag, 21. Februar, von 10.30 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür mit buntem Programm an. Es werden Werke gezeigt, die im Rahmen der Kunsttherapie entstanden sind, es gibt Tipps für Hautpflege und Schminken, eine fotografische Bilderschau, eine Tombola und auch ganz viel Gelegenheit, sich mit Therapeuten und Betroffenen zu unterhalten. Der offene Umgang mit der Krankheit Krebs ist in den vergangenen Jahren immer selbstverständlicher geworden.

216 Beratungen in 2018

„Dass die Beratungsstelle notwendig ist, das machen die Zahlen deutlich“, sagt Psychoonkologin Sabine Götz, die zusammen mit Leiterin Annette Hegestweiler im vergangenen Jahr 216 Menschen beraten hat. Sie berichtet von den vielen Ängsten, die Krebspatienten haben, von der Hilflosigkeit der Angehörigen und Freunde und von der Angst, die bleibt, auch wenn der Krebs besiegt zu sein scheint. Mit Gesprächs- und Hilfsangeboten, mit Kursen und Informationsveranstaltungen und auch mit der Gruppe MOPS für Kinder von Betroffenen, ist man nun seit drei Jahren in Sigmaringen vertreten. Dass dies möglich ist, das ist vor allem dem Land Baden-Württemberg zu verdanken. Dieses hat 2015 mit der Errichtung eines flächendeckenden Netzes von Beratungsstellen begonnen und dafür auch Geldmittel zur Verfügung gestellt. Gerade dieser Tage kam jetzt der Zuwendungsbescheid über 142 000 Euro aus Stuttgart. Die Arbeit ist somit für die nächsten zwei Jahre, auch dank des Eigenanteils des Trägervereins in Höhe von zehn Prozent, gesichert. Krebspatienten aus den Landkreisen Konstanz, Bodensee und Ravensburg kommen ebenfalls nach Sigmaringen, weil es dieses Angebot in ihrer Heimatregion nicht gibt.

Einen ganz engen Kontakt pflegt die Beratungsstelle zu Kliniken und den Selbsthilfegruppen Gammertingen-Sigmaringen sowie Stetten a.k.M. Die gibt es schon seit 17 Jahren. Dort mit dabei ist Luise Mücke aus Trochtelfingen. Die 72-Jährige weiß seit 2012, dass sie Leukämie hat. Und sie weiß auch: „Es geht nicht mehr weg.“ Die Knoten im Nackenbereich, erhöhte Leukozyten und schließlich der Laborbefund ließen die Befürchtungen zur Gewissheit werden. Luise Mücke wird von ihrem Facharzt gut betreut. Als sie noch in Hermentingen wohnte, bekam sie Kontakt zu Evi Clus. Und seitdem fühlt sie sich gut aufgehoben. Wenn es um das Thema Krebs geht, dann wird es wohl kaum jemanden geben, der sich so stark ehrenamtlich um Betroffene bemüht, wie „die Evi“, die selbst von sich sagt: „Der Krebs bestimmt mein Leben.“ Ihre Beratungs- und Unterstützungsangebote für Krebspatienten hat kürzlich der Bundespräsident gewürdigt und sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die 72-jährige Clus hatte selbst zweimal Krebs und ist der Stützpfeiler für die Selbsthilfegruppen. Sie hat auch die Beratungsstelle initiiert. „Es war ein jahrelanger Kampf“, sagt sie. "In Stuttgart haben die zunächst nicht kapiert, dass man im ländlichen Raum auch krank werden kann", erinnert sich Evi Clus. Erst die damalige Sozialministerin Altpeter habe ihr zugehört. Schließlich wurde die Beratungsstelle Realität – auch dank vieler Unterstützer.

Betroffene und ihr Schicksal

In einer der im Kreis Sigmaringen aktiven Selbsthilfegruppe kann man auch Daniela Dittmann aus Mengen begegnen. 2015 wurde bei ihr ein triple negatives Mammakarzinom festgestellt, eine etwas seltenere Brustkrebsart. Operation, Chemotherapie, Bestrahlung, sie absolvierte „das volle Programm“, wie sie sagt. Im ersten Jahr habe sie nur funktioniert und versucht, alles zu verarbeiten. „Mamma, musst du jetzt sterben?“ fragte ihr Sohn. Ihr Mann versuchte, die Situation mit sich selbst auszumachen. Die Selbsthilfegruppe tat ihr gut und gab Hilfestellung, das Leben neu zu gestalten. Die intensive Vereinsarbeit im Sportbereich hat sie hinter sich gelassen. Sie hat jetzt viel Zeit für sich. „Und das ist gut so“, sagt die 45-Jährige. Einen Rückfall hatte sie bislang nicht. Aber sie weiß, dass das Risiko sehr hoch ist. Von den Menschen, die mit ihr in Therapie waren, lebt niemand mehr. „Ich freue mich über jeden geschenkten Tag“, sagt sie und ihre Augen strahlen dabei eine große Hoffnung aus. Wer kann sich sonst sogar „am Dreck an der Wand“ freuen, wie sie schmunzelnd erzählt? Vielleicht Marlies Luft, 54, aus Ennetach. Sie hatte 2011 Brustkrebs. In die Selbsthilfegruppe nach Gammertingen sei sie „etwas unberührt“ hingegangen, wie sie sich erinnert. Dort war auch Evi Clus. Die gab ihr Zuversicht und neue Kraft, der Ehemann stärkte der Krebspatientin den Rücken und für die Töchter war klar: „Mama, das kriegen wir hin.“ Offensichtlich hat das auch geklappt. Marlies Luft geht sehr offen mit der Krankheit um, denkt positiv und macht mit ihrem Schicksal auch anderen Mut. „Hätte es schon damals eine Krebsberatungsstelle gegeben, dann wäre ich da auf jeden Fall hingegangen.“ Dass es heute diese Möglichkeit gebe, das sei ein wirklicher Segen für die Region. Und deshalb seien Veranstaltungen wie ein „Tag der offenen Tür“ wichtig.