Der Geograf Wolfgang Höschele hat bei einer Veranstaltung der Kreisgrünen sein visionäres Konzept "Wirtschaft neu gründen, Grundlegung einer Ökonomie der Lebensfülle" in der Aula der Alten Schule nähergebracht.

Vorgestellt hat ihn Hans-Peter Winterhalder aus Engelswies, der dessen Denkmodelle im Zuge von Klimawandel, Umweltzerstörung, Wachstumswahn und Werteverlust, die mit der psychischen Erkrankung von Menschen einhergehe, für inspierierend hält. Es hat ihn an den großen deutschen Soziologen Max Weber und dessen Theorieprägungen in der Wirtschaftssoziologie erinnert.

Wolfgang Höschele hat in seinem neuesten Werk den Ansatz einer Wirtschaft der Lebensfülle entworfen, die zur Überwindung der sozioökonomischen Krise führen könne. Seine These: Die zukünftige Lebensgrundlage könne nicht ohne die Ökosysteme der Erde mitsamt ihrer ökologischen Vielfalt erhalten werden. Er schlägt vor, die Qualität vorhandener Ressourcen regional zu erfassen, von Land, Wassser, Luft, und der Nutzung von Energie und Materialien. Es gäbe nicht nur eine wichtige Datenbasis, sie diene auch der Sicherung der Lebensgrundlagen, von Ökosystemen, von Tieren und Pflanzen.

"Die Akkumulation von Kapital ist keine gute Zweckbestimmung", merkt Wolfgang Höschele kritisch an. Da zielt er in seinem Plädoyer vielmehr auf eine sinnvolle Verwendung des Grundsatzes "Eigentum verpflichtet" ab. Konträr stellt er sich jenen "verpflichtungslosen Eigentümern" gegenüber, die er in seinen Ausführungen des Öfteren als "verantwortungslos" bezeichnet. Sie seien zugleich die größten Teilnehmer an den Finanzmärkten, ihr eigentlicher Zweck sei lediglich auf Bereicherung fixiert. Högele bezeichnet sie als "Zerstörer von Lebensgrundlagen". Absurditäten wie Aktiengesellschaften dürfe es gar nicht geben. "Der Anreiz, Märkte zu destabilisieren, sollte überhaupt nicht möglich sein", so die Meinung des Referenten.

Auch die Vererbung größerer Vermögen hält er für sehr fragwürdig – es sei doch reine Glücksache, in die richtige Familie geboren worden zu sein. An ihrer Stelle sollten diejenigen daran partizipieren können, die wirklich mitgearbeitet hätten – beispielsweise Genossenschaften, als Lohn für deren Arbeit. Keinerlei Existenzberechtigung haben aus seiner Sicht Briefkastenfirmen – sie stellten ein herrenloses Gut dar, so Höschele, und sollten demzufolge vom Staat eingezogen werden.

Für die Veranstaltungsbesucher in der Alten Schule präsentiert er die ökonomischen Beziehungsgeflechte per Powerpoint in mehreren grafischen Veranschaulichungen. Als Alternativen böten sich Genossenschaften und Commens an – letztere stehen für eine Politik von Markt und Staat. Überhaupt spricht sich Höschele für eine Vertiefung der Demokratie in sämtlichen Institutionen aus.

Weniger kann er der Idee des finanzpolitischen Transferkonzeptes eines bedingungslosen Grundeinkommens abgewinnen. An seiner Statt erachtet er zur Existenzsicherung eine gemeinwohlorientierte Arbeit von 20 Stunden in der Woche als ein besser geeignetes Modell, sie könnte mit 1000 Euro entgolten werden.

Höschele macht den Grünen Mut zu ihrem Bundestagswahlkampf. Darauf zielt wohl auch sein Sinnspruch ab: "Wer den Mount Everest besteigen will, kann dies nicht in Badelatschen tun!" Während ein Redner der Kreisgrünen manchen Inhalt für eine "konstruierte Vision" hält, vermisst ein anderer das Wort der Öko-Suffizienz – als Lebens- und Wirtschaftsweise, die dem übermäßigen Verbrauch von Gütern und damit Stoffen und Energie ein Ende setzt. Der Kreisvorsitzende der Grünen, Klaus Harter, bescheinigt dem Referenten, sehr glaubwürdig den Finger in die Wunde gelegt zu haben. "Die Leute brauchen Zuversicht. Was Sie gezeigt haben, ist hochkreativ", sagt Harter. Die Machbarkeit solcher visionären Eingebungen sei Aufgabe der Politiker.

Wolfgang Höscheles Buch "Wirtschaft neu erfinden" ist im Oekom Verlag in München erschienen und kostet 29,95 Euro.

Zur Person

Wolfgang Höschele legt seine visonären Konzepte und Ideen zur Wirtschaft der Zukunft dar. Bild: Jürgen Witt
Wolfgang Höschele legt seine visonären Konzepte und Ideen zur Wirtschaft der Zukunft dar. Bild: Jürgen Witt | Bild: Jürgen Witt

Wolfgang Höschele ist als Deutscher in Thailand, Südkorea und Griechenland aufgewachsen, seine Eltern arbeiteten beim Goethe-institut. Er hat sich früh mit ökologischen und sozialen Themen auseinandergesetzt und Doktorarbeiten geschrieben. Er ist Professor für Geografie an der Truman State University in Missouri/USA. Seit 2014 lebt er in Heidelberg. (jüw)