In der Kreistagssitzung hat Claudia Baur von der Stabstelle Bildung und Schule im Landratsamt den zweiten kommunalen Bildungsbericht vorgestellt. Sie brachte ihre Freude zum Ausdruck, dass nach viereinhalb Jahren wieder ein umfassendes Nachschlagewerk entstanden ist. Es diene als Grundlage für Beobachtungen, der Steuerung und Qualitätsentwicklung in der Bildungslandschaft. Ihr Fazit schöpfte sie aus einem Zitat: "Ohne Daten hat man nur eine Meinung – hier kann der Bildungsbericht 2017 helfen".

In der Tat ist dieser sämtliche Themengebiete abdeckende Rapport mit eindrucksvollem Datenmaterial bestückt. Vor den Kreistagsmitgliedern wollte sich Claudia Baur auf Unterscheidungen und Besonderheiten des Landkreises beschränken, im Vergleich mit dem Bundesland Baden-Württemberg. Dazu zählt aus ihrer Sicht die Entwicklung der Schülerzahl, bei einer sich laut Vorausberechnung des Statistischen Landesamtes auf 128 000 Einwohnmer einpendelnden Bevölkerung im Kreis Sigmaringen. Ihr Durchschnittsalter, der jetzt bei 43,3 Jahre liegt, würde bis zum Jahre 2035 auf 46,4 Jahre ansteigen und somit deutlich über dem des Landes liegen, der dann bei 45 Jahren läge.

Bei den beruflichen Schulen sei ein ähnlicher Prozess festzustellen: Auf Landesebene würde mit einer 14-prozentigen Abnahme an Schülern gerechnet, im Kreis Sigmaringen falle dieser deutlich höher aus. Die Modellrechnung prognostiziere hier einen Rückgang der Schülerzahlen von 4 857 (2015/16) auf 4 191 (2025/26). Gleichwohl dürfte dieser wegen der verstärkten Zuwanderung nicht mehr so stark ausfallen wie ursprünglich angenommen.

Auch das Thema Migration und Sprache griff Claudia Baur in ihrem Bericht auf: Während die Anzahl an Schülern mit Migrationshintergrund an allgemeinbildenden Schulen im Land bei 21,6 Prozent liegt, seien es im Landkreis nur 14,6 Prozent. Kinder mit Migrationshintergrund würden, anders als in Nachbarkreisen, später in den Kindergarten gehen und bei der Einschulungsuntersuchung auch schlechter abschneiden. Ihrer Meinung nach müsste die Qualifizierung und Nachqualifizierung des pädagogischen Personals forciert werden. Auch die alltagsintegrierte und sprachintensive Förderung in Kleingruppen sollte intensiviert werden. Ihr Ratschlag: die Beantragung von mehr Fördermitteln. Das gelte auch für Grundschulen, sie könnten mehr Ressourcen an Land ziehen.

Die Referentin filterte bei den allgemeinbildenden Schulen einen neuen Trend heraus: Dass nämlich Eltern ihre Kinder trotz einer Gymnasial-Empfehlung vermehrt auf Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen schicken würden.

Claudia Baur ging auf das neue Schulgesetz ein, das Regelungen zur Inklusion brachte ("Sie ist in aller Munde") , nämlich die Abschaffung der Pflicht zum Besuch einer Sonderschule. Seit dem Schuljahr 2015/16 können Eltern von Kindern mit einem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot wählen, ob ihr Kind an einer allgemeinen Schule oder an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung lernen soll. Unter dieser Namensbezeichnung sind "Schulen für Geistigbehinderte" ersetzt worden. Aktuell sind in Mariaberg (138), an der Fidelisschule in Sigmaringen (89), an der Kasimir-Walchner-Schule in Pfullendorf (69) und der Luise-Leininger-Schule in Sigmaringen (868) die meisten Schüler untergebracht.

Beim Blick auf das Kapitel Wirtschaft und Arbeitsmarkt stellte Claudia Baur fest, dass der Dienstleistungsbereich neben dem produzierenden Gewerbe der bedeutendste Wirtschaftszweig im Landkreis sei. Im Vergleich mit Landesdaten verbuche aber die Produktion einen deutlich höheren Anteil. 2015 waren 44 908 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, darunter 3 678 Ausländer. 75 Prozent der Beschäftigten besaßen einen anerkannten Berufsabschluss, 8,6 Prozent einen akademischen und 16,3 Prozent verfügten über gar keinen beruflichen Ausbildungsabschluss. Bei Letzteren liege der Anteil an Personen ohne deutschen Pass deutlich höher.

Ein dickes Lob zollte SPD-Fraktionssprecher Richard Gruber der Referentin: "Das ist ein Seminar für ein ganzes Semester." Es sei spürbar, dass sie immer nahe an den Themen sei, ebenso ihre Bemühungen um Ausbildungsgerechtigkeit. Helmut Stiegler, CDU, anerkannte: "Das haben Sie prima gemacht, beinahe eine Doktorarbeit!" Sorge bereite ihm die Abwanderung junger Leute – der Landkreis habe die Pflicht, alles für den Zuzug junger Familien zu tun.

Bildung im Landkreis

Das 124-seitige Werk bietet nicht nur eine Fülle statistisch ausgewerteter Daten. Es enthält auch Informationen zur Entwicklung von Schülerzahlen, zu Bildungsangeboten und zur Bildungsbeteiligung fest – ein kompletter Überblick über die Bildungslandschaft des Landkreises Sigmaringen. Damit haben die beiden Autorinnen Claudia Baur und Carmen Weber das Bildungsgeschehen auf transparente Weise anschaulich gemacht. Nützlich für alle Beiteiligten aus der Kommunalpolitik, Verwaltung, Schulen und Verbänden sowie der Elternschaft. Es soll vor allem der Steuerungsgruppe der Bildungsregion als Grundlage für die weitere gemeinsame Arbeit dienen. (jüw)