Dass die Erstaufnahme in der Hohenzollernstadt in der öffentlichen Wahrnehmung so in Verruf geraten ist, hat bei den Verantwortlichen dieser Anlage und bei deren Mitstreitern für Bestürzung gesorgt. So nutzen Bürgermeister Thomas Schärer und Vertreter der Bürgerschaft mit örtlichen Medienleuten die Gelegenheit zum Rundgang im ehemaligen Kasernenareal. Initiiert hatte Tübingens Regierungspräsident Klaus Tappeser die Begehung, der die 40 Teilnehmer ebenso über die Neubesetzung der Leitung der Einrichtungsstelle mit Andreas Binder informierte. Dieser löst am 1. Mai den amtierenden Fabian Heilmann ab.

Am sogenannten Informations-Point, er gilt als Herzstück in der Anlage, ergriff Lamine Ndong das Wort. Der Senegalese fungiert seit einem halben Jahr als Einrichtungsleiter der Erstaufnahmestelle in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne und beherrscht perfektes Deutsch. Als Gemeinderat Gerhard Stumpp (Grüne) ihn hinterfragte, ob denn die von ihm so empfundene Medienkampagne über straffällig gewordene Flüchtlinge ihre Berechtigung habe, war Ndong die innere Bestürzung anzumerken: Die über die Stränge schlagenden Migranten hätten für das aktuell schlechte Image gesorgt: "Es ist nur eine kleine Gruppe, die alles zunichte macht. Es sind Menschen, vornehmlich Nordafrikaner, die selber eine schlechte Bleibeperspektive besitzen. Wir müssen das jetzt wieder aufpolieren!"

Klaus Tappeser plädierte für eine unvoreingenommene Sicht zur Einrichtung.
Klaus Tappeser plädierte für eine unvoreingenommene Sicht zur Einrichtung. | Bild: Jürgen Witt

Klaus Tappeser hatte schon im Begegnungszentrum gegenüber der Presse betont, dass jedes Vergehen zur Anzeige gebracht werde, die Ermittlungsgruppe, ob uniformiert oder in Zivil, spürbare Erfolge zu verzeichnen habe. "Wir sind hier kein Ponyhof. Es gibt Gastrecht, aber auch Gastpflichten", bekräftigte der Regierungspräsident, an der ausgegebenen Marschroute eisern festhalten zu wollen. Diskutiert wurde wegen zahlreicher Vorfälle mit Asylbewerbern ebenso die Alkoholproblematik. "Ja, wir haben hier Alkoholpräventionsprogramme. Doch hierzu kann niemand gezwungen werden", sagte Tappeser.

Ndong berichtete über Betreuungsprojekte, die aus eigenen Initiativen mit Flüchtlingen hier entstanden sind, in der Organisierung häuslicher Anliegen und räumlicher Gestaltung. Alle Flüchtlinge seien darin miteinbezogen und sehr engagiert. Gezeigt wurde auch der Kindergarten, in dem aktuell 28 Kinder betreut werden.

Die beiden Streetworker Frank Vess und Bernd Dörsam verstehen sich als Bindeglied zwischen den Bewohnern der Erstaufnahme und der Bevölkerung. Sie beschrieben ihr Tätigkeitsprofil, das sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser Einrichtung konzipiert und eng getaktet ist. "Wir haben für alle Bewohner ein offenes Ohr", versicherten die Beiden. So begleiten sie die Neuankömmlinge dieser Einrichtung beim Stadtrundgang. Sie geben zwei bis drei Mal in der Woche Deutschunterricht, verbunden mit ersten integrativen Informationen über dieses Land. Sie bieten Workshops in Musik und Sport an. Jene Migranten, die sich als gemeinnützige Arbeiter, beispielsweise in der Müllsammlergruppe betätigen und dafür einen kleinen Obolus erhalten, würden begleitet. Unterwegs seien sie auf den Laufwegen der Flüchtlinge in Richtung Stadtmitte, des Prinzenparks, des Bahnhofsbereichs, auf den Donauwegen und Spielplätzen. Zudem gäbe es regelmäßige Treffen mit Anwohnern, Stadtverwaltung und Polizei.

Frank Vees und Bernd Dörsam gaben umfassende Einblicke in ihr Tätigkeitsprofil als Streetworker in der Kreisstadt und in der Erstaufnahmestelle.
Frank Vees und Bernd Dörsam gaben umfassende Einblicke in ihr Tätigkeitsprofil als Streetworker in der Kreisstadt und in der Erstaufnahmestelle. | Bild: Jürgen Witt

Zuvor wurden die rund 40 Teilnehmer, von Security-Kräften begleitet, ins Gebäude geführt, in dem die Sozial- und Verfahrensberatung stattfindet. In der Trägerschaft sind der Kreisverband des Roten Kreuzes (DRK), der Caritasverband im Landkreis Sigmaringen und die Diakonie Balingen vertreten. "Wir sind Ansprechpartner in allen Lebenslagen", erklärte deren Sprecher Tim Wagner. Die Institution würde unabhängig und vertraulich arbeiten. Hierbei gehe es hauptsächlich um die Aufklärung über das deutsche Asylverfahren, im gleichen Zuge natürlich um die Vorbereitung und Nachbereitung von Terminen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Die Bescheide würden den Geflüchteten im Detail erklärt. Außerdem seien Mitarbeiter mit von der Partie, um die Bewohner der Einrichtung über deren Rechte und Pflichten aufzuklären.

Die Sozialberatung beinhalte auch Beratungsthemen zu Schwangerschaften, Vaterschaftsanerkennungen und gemeinsamen Sorgerechtserklärungen. Sie helfe bei Familienzusammenführungen, unterstütze bei psychischen Problemen der Geflüchteten, wenn beispielsweise eine potenzielle Traumatisierung vorliege. Rundum sei dies in der Alltagsbewältigung ein unumgänglicher Faktor. Trotz des merklichen Rückgangs an Migranten "ist der Betreuungsbedarf unverändert hoch", sagte Tim Wagner.

Von den Verantwortlichen der Landeserstaufnahme wird immer wieder gerne betont, dass 200 Leute in dieser Sigmaringer Erstaufnahme ihre Beschäftigung gefunden haben. Umso mehr bedauerte die Ehrenamtskoordinatorin Stefanie Gäble den durch permanente Negativschlagzeilen resultierenden Rückgang an ehrenamtlichen Helfern aus der Bevölkerung. Dabei würden gerade diese Kräfte den Flüchtlingen beispielhaft vorleben können, welche Umgangsformen in Deutschland ihre Geltung haben, wie sie sich korrekt zu verhalten haben.

Erstaufnahmeeinrichtung

370 Menschen sind in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne untergebracht. Drei Viertel der Bewohner stammen aus Gambia, Nigeria, Marokko, Irak und Syrien sowie aus weiteren afrikanischen und arabischen Ländern. Wichtigste Anlaufstelle für Flüchtlinge ist die Alltags- und Sozialbetreuung auf dem Areal. Daneben befindet sich das Begegnungszentrum mit Café, Internetcafé und Kreativwerkstatt. (jüw)

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