Sigmaringen – Da staunten die Passanten am Dienstagnachmittag nicht schlecht: Unterhalb des Reiterstandbilds auf dem Leopoldplatz tanzten zeitweilig bis zu 200 Menschen zu heißen Rhythmen eines DJs. Valentinsparty in Sigmaringen? Keineswegs. Es ging um ein Thema, das weltweit akut ist und längst auch den Landkreis Sigmaringen erreicht hat: Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Und Sigmaringen war keineswegs alleine: In 150 Städten in 190 Ländern wurde gleichzeitig getanzt. "One Billion Rising" heißt die gewaltige Solidaritätsaktion, die erstmals in der Kreisstadt stattfand.

Der Caritasverband, seit dem Jahr 2012 als Träger der Beratungsstelle für häusliche Gewalt, die Polizei und das Frauennetzwerk Kreis Sigmaringen hatten zur Aktion aufgerufen und das Echo war trotz frostiger Temperaturen enorm. "Wow! Ihr seid einfach toll", entfuhr es Stefanie Thiel vom Caritasverband bei ihrer Begrüßung. Ein imposanter Anblick: Junge und ältere Frauen, ein paar männliche Zuschauer und vor allem die vielen Armbinden mit dem Aktionslogo. Mit dabei die siebzehnjährige Marion (Name der Redaktion bekannt), die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie hat vor einigen Jahren selbst erlitten, was sich wohl die meisten Teilnehmer der Aktion nicht für sich selbst vorstellen konnten: Gewalt durch den eigenen Bruder und den eigenen Vater. "Es war furchtbar", sagt sie. Durch Hilfe von außen konnte sie von ihren Leiden befreit werden. Aber sie ist überzeugt, dass nicht alle Betroffenen dieses Glück haben. Es sei unheimlich wichtig, dass man jemanden hat, dem man sich anvertrauen kann. Beratungsstellen seien deshalb absolut notwendig. Sie selbst ist von einem anderen Bundesland in die Region gezogen und aus Solidarität nach Sigmaringen gekommen.

Hans Peter Oßwald, Fachbereichsleiter Soziales beim Landratsamt, erinnerte an die Aktion im November 2016, wo 89 Paar Schuhe sowohl auf dem Leopoldplatz als auch im Landratsamt darauf aufmerksam machen sollten, dass in einem Jahr 89 Hilfesuchende die Beratungsstelle aufgesucht haben, die vom Landkreis finanziert wird. Damals wurden auf dem Leopoldplatz in Sigmaringen für jeden Fall von häuslicher Gewalt, den die Beratungsstelle des Caritasverbandes in einem Jahr verzeichnen konnte, ein paar Schuhe aufgestellt.

Schülerinnen und Schüler von der Ludwig-Erhard-Schule und der Theodor-Heuss-Realschule in Sigmaringen, sowie von Schulen in Ostrach, Mengen und Pfullendorf und vom Haus Nazareth setzten auf dem Leopoldplatz ein ungewöhnliches aber auch eindrucksvolles Zeichen der Solidarität. Von Franzi Möhrle und Ingemar Rohn angeleitet, wurde nach dem englischen Aktionssong "Break the Chain" ("Zerbrich die Kette") getanzt. Viele Akteure hatten bereits in der Schule nach Instruktionsvideos geübt. Mitmachen durfte aber jeder. Und so entschloss sich auch so manche Passantin spontan, sich in die Reihen der Tanzenden zu stellen. Dazu gab es kostenlos Kaffee, Tee und Punsch und jede Menge Gelegenheit zu Gesprächen. Für die Musik sorgt DJ Harry von Eventha, der zwischen den Tanzaktionen auch noch andere heiße Titel laufen ließ.

 

Weltweite Aktion

One Billion Rising (OBR – englisch für "Eine Milliarde erhebt sich") ist eine weltweite Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für Gleichstellung von Mann und Frau. Sie wurde im September 2012 von der New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler initiiert.

Die eine "Milliarde" deutet auf eine UN-Statistik hin, nach der eine von drei Frauen in ihrem Leben entweder vergewaltigt oder Opfer einer Schweren Körperverletzung werden. "One Billion Rising" ist eine der größten Kampagnen weltweit, um zur Beendung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit tausenden von Events die in bis zu 190 Ländern der Welt stattfinden, aufzurufen.

Informationen im Internet:www.onebillionrising.de