Mit einer der höchsten Auszeichnungen der Bundesrepublik Deutschland hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den früheren Stettener Pfarrer Geistlichen Rat Edwin Müller geehrt. Am Montag überreichte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im Rahmen einer Feierstunde im Bildungszentrum Gorheim das Bundesverdienstkreuz am Band an den Geistlichen. Mit der Auszeichnung ehrt der Bundespräsident die intensive Aufbauarbeit Müllers bei der Notfallseelsorge im Landkreis Sigmaringen und darüber hinaus in Baden-Württemberg sowie das Engagement des Pfarrers im Rahmen der Krankenhausseelsorge.

Nicht nur die Leistung eines einzelnen Menschen gewürdigt

„Wenn du geehrt wirst, wird das ganze System geehrt.“ Diese Feststellung von Dekan Christoph Neubrand am Beginn der Feierstunde machte deutlich, dass mit Edwin Müller nicht nur die Leistung eines einzelnen Menschen gewürdigt wird, sondern die alltägliche Arbeit der 28 ausgebildeten Notfallseelsorger im Kreis Sigmaringen. Der Dekan erinnerte daran, dass die Aufbauarbeit der Notfallseelsorge in den Anfangsjahren das „Bohren dicker Bretter“ bedeutet habe, gerade auch im kirchlichen Bereich. Diese Phase sei inzwischen überwunden und die Notfallseelsorge sei heute bei allen beteiligten Gruppen und Institutionen eine anerkannte Einrichtung, deren Wert niemand mehr bezweifle.

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In ihrer Laudatio griff die Wirtschaftsministerin diesen Gedanken auf und sprach im Zusammenhang mit der Notfallseelsorge von „gelebter Seelsorge“. Hoffmeister-Kraut charakterisierte den Ordensempfänger so: „Sie, Herr Pfarrer Müller, sind ein Priester, ein Mensch, der über Jahrzehnte mit feiner Antenne gewusst hat, wo er gebraucht wird, wo er sich nützlich machen und wie er auch langfristig Positives organisieren und gestalten kann.“ Zwei wesentliche Erfahrungen machte die Ministerin für die Hinwendung Müllers zur Notfallseelsorge aus. Das eine seien die Erfahrungen als Krankenhausseelsorger gewesen, verstärkt durch einen Unfall, der 1998 in der Sigmaringer Jugendherberge passierte.

Rund 90 geladene Gäste verfolgten die Übergabe des Bundesverdienstkreuzes an Pfarrer Edwin Müller
Rund 90 geladene Gäste verfolgten die Übergabe des Bundesverdienstkreuzes an Pfarrer Edwin Müller | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Studienaufenthaltes in Israel in den 1990er Jahren

In seiner Antwortrede führte der katholische Priester noch eine weitere Erfahrung an. Während seines einjährigen Studienaufenthaltes in Israel in den 1990er Jahren habe er die Angst der Menschen mitbekommen, dass der damalige Machthaber im Irak Israel mit Giftgasraketen angreifen könnte. Die Begegnung mit Überlebenden des Holocaust und ihre Erfahrungen mit den psychischen Spätfolgen des erlebten Grauens war ein weiterer Prägestempel für die Entwicklung Müllers zum leidenschaftlichen Notfallseelsorger. In diesem Zusammenhang verurteilte der katholische Pfarrer die jüngsten antisemitischen Übergriffe auf Juden in Deutschland. Ebenso prägend seien seine Begegnungen mit arabischen Christen und in Deutschland mit Persönlichkeiten wie Anselm Grün gewesen.

Landesweite Arbeit des früheren Stettener Pfarrers

Nicole Hoffmeister-Kraut erwähnte die Bereitschaft Müllers, nach dem Aufbau der Notfallseelsorgegruppe deren Leitung zu übernehmen. Um die nötigen Gelder zu bekommen, habe der Pfarrer ein Fundraising-Team ins Leben gerufen. Die Ministerin betonte die landesweite Arbeit des früheren Stettener Pfarrers als Lehrbeauftragter an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal und als Berater des Stuttgarter Innenministeriums.

Wer von Pfarrer Müller spricht, spricht von einem „leuchtenden Vorbild“

Sigmaringens Landrätin Stefanie Bürkle erklärte, schon vor ihrer Wahl zur Sigmaringer Landrätin 2014 habe sie im Kreis Biberach von Edwin Müller gehört. Die Kreischefin sagte, es sei von einem „leuchtenden Vorbild“ die Rede gewesen. Das Besondere an der Arbeit des jetzt Geehrten sei es, Rettungsdienste, Feuerwehren, Gemeinden, Polizei, Technisches Hilfswerk, Rettungsschwimmer, Bergwacht und die beiden Kirchen einzubinden. „Die Notfallseelsorge ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Hilfe für Menschen, mit Strukturen, die tragen und ständig weiterentwickelt werden.“

Der Gospelchor „Living Voices“ unter Leittung von Anton Roggenstein sorgte für die musikalische Gestaltung der Feierstunde.
Der Gospelchor „Living Voices“ unter Leittung von Anton Roggenstein sorgte für die musikalische Gestaltung der Feierstunde. | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Dekan Christoph Neubrand: „Edwin Müller kommt aus unserem Stall“

Christoph Neubrand ist als Dekan direkter Dienstvorgesetzter von Pfarrer Müller. Er sieht in der Feierstunde ein Zeichen für die Gemeinsamkeit der an der Notfallseelsorge beteiligten Gruppen.

Herr Neubrand, wie bewerten Sie die heutige Ordensverleihung?

Die Ehrung für Edwin Müller ist eine deutliche Stärkung und Anerkennung für die Notfallseelsorge, die weit über die Grenzen von Dekanat und Landkreis reicht.

Ist die Feierstunde auch ein Zeichen der Gemeinsamkeit zwischen den einzelnen Gruppen?

Hier haben der Landkreis durch die Organisation der Feier, die Kirche durch die Überlassung der Räumlichkeiten und die Feuerwehr durch die Mitwirkung bei der Bewirtung Zeichen der Gemeinsamkeit gesetzt. Edwin Müller kommt aus unserem Sigmaringer Stall.

Sie haben oft Kontakt mit den Notfallseelsorgern. Was sind deren schwerste Aufgaben?

Das sind Einsätze nach Selbstmorden und wenn es um Kinder geht, die Unfallopfer geworden sind.