Unbeugsam, hart in der Sache, immer den Menschen im Blick, das sind Begriffe, die man mit einem Mann in Verbindung bringen kann, der beim Thema Suchtprävention bundesweit Akzente gesetzt hat, der sich nie von seinem Weg abbringen ließ und der immer die Prämisse hatte: Es muss sich etwas ändern. Die Rede ist von Klaus Harter, dem langjährigen Leiter der Suchtberatungsstelle in Sigmaringen. Aus dem Alt-68-er mit grüner Latzhose ist ein Mann geworden, der sich mit all denen auf Augenhöhe bewegt, die ihm helfen können, Menschen mit Suchtproblematik neue Perspektiven zu geben und andere Menschen vor dem tiefen Fall in die Sucht zu bewahren. Jetzt wurde er nach 40 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Auch sein langjähriger Mitarbeiter Eugen Rockenstein ist im Ruhestand. Doch der Fortbestand der Beratungsstelle ist gesichert. Sebastian Schneider ist der neue Chef.

Klaus Harter und Eugen Rockenstein (von links) haben jetzt die Suchtberatungsstelle verlassen. Ein gutes Team ist im Ruhestand. Doch die Arbeit geht weiter.
Klaus Harter und Eugen Rockenstein (von links) haben jetzt die Suchtberatungsstelle verlassen. Ein gutes Team ist im Ruhestand. Doch die Arbeit geht weiter. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Großes Lob gab es im großen Saal im Kloster Gorheim von Landrätin Stefanie Bürkle. Keine Person habe sich so für das Thema Sucht eingesetzt, wie Harter. Er habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er selbst ein Kind suchtkranker Eltern ist. Bürkle: „Sie waren ein Glücksfall für den Landkreis.“ In den 80er-Jahren sei der zukünftige Ruheständler maßgeblich beteiligt gewesen, die Suchthilfe aufzubauen und zu vernetzen, so auch den Arbeitskreis Suchtprävention. Harter war Gründungsmitglied der Kinder- und Jugendagentur Jumax, die immer noch als Erfolgsmodell für Jugendschutz und Prävention in ganz Baden-Württemberg gilt.“ Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit habe Harte auf die Schaffung der Stelle einer Suchtbeauftragten für den Landkreis gedrängt. 2015 war es dann so weit und Janine Stark wechselte von der Suchtberatungsstelle ins Landratsamt.

Vom ehemaligen Landrat über Ärzte, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche bis zum Hersteller von Spielautomaten reichte das Spektrum der Gäste bei der Verabschiedung.
Vom ehemaligen Landrat über Ärzte, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche bis zum Hersteller von Spielautomaten reichte das Spektrum der Gäste bei der Verabschiedung. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz


„Sie haben nicht weggesehen, sondern sich mit Anderen auf den Weg gemacht, etwas zu ändern“, erinnerte die Landrätin an die Vorkommnisse vor einigen Jahren in Irndorf, wo eine junge Frau zu Tode kam. Zusammen mit dem Jugendamt, der Kriminalpolizei und anderen Partnern entwickelte Klaus Harter dann das Fair-Fest-Siegel und den Partypass. Sigmaringen war damals Trendsetter im Land. Harter habe Bewusstsein geschaffen und sei in die Auseinandersetzung mit Vereinen und Institutionen gegangen. Der Präventionspreis des Landes, eine Bundesauszeichnung und Nachahmer in der ganzen Republik waren das Ergebnis der Beharrlichkeit. „Es fällt mir schwer, Mr. Suchthilfe in den Ruhestand zu verabschieden“, gestand die Landrätin und bedankte sich auch bei Eugen Rockenstein. „Harter war so etwas wie der Außenminister. Sie waren der Innenminister der Suchtberatung.“ Die Kombination in ein Glücksfall für die Suchthilfe im Landkreis gewesen.

In einer lockeren Gesprächsrunde berichteten ehemalige Weggefährten über ihre Erfahrungen mit Klaus Harter. So erzählte der ehemalige Kriminalbeamte Martin Klawitter von seiner ersten Begegnung. „Ich wollte in der Beratungsstelle einen Klienten von Klaus verhaften. Doch der hat mich einfach rausgeschmissen.“ Später wurden die Beiden ein gutes Team beim Thema Suchtprävention. "Wahrend man in Stuttgart noch überlegte, war Sigmaringen bereits am Start", erinnerte sich Christa Niemeier von der Landesstelle für Suchtfragen. Für viele Menschen war Harter ein Rebell mit Biss und Leidenschaft, kommunikativ, verbindlich, verlässlich, Aufbauer, Entwickler, Netzwerker und immer auf der Überholspur. Als Ruheständler ist er kaum vorstellbar.

Der Suchtdynamik gemeinsam begegnen

Sebastian Schneider ist 40 Jahre alt, Diplompädagoge mit Zusatzausbildungen und jetzt der neue Leiter der Suchtberatung in Sigmaringen.

Sebastian Schneider, neuer Leiter der Suchtberatung in Sigmaringen.
Sebastian Schneider, neuer Leiter der Suchtberatung in Sigmaringen. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Kennen Sie den Landkreis?

2010 sind meine Frau und ich Eltern geworden und da sind wir nach Sigmaringen gezogen, wo meine Schwiegereltern wohnen. Ich war dann zwei Jahre im Haus Nazareth in der Jugendhilfe tätig und habe da Klaus Harter kennengelernt und dadurch auch den Sog des Thema Sucht gespürt. Seit 2012 bin ich bei der Suchtberatung tätig und kenne alle Strukturen.

Wollen Sie jetzt eigene Akzenten setzen?

Klaus Harter hat mich in den vergangenen Jahren in alle Arbeitsbereiche eingeführt, ich kenne alle Netzwerkpartner. In den vergangenen drei Jahren habe ich das Thema Prävention weitgehend übernommen. Mit dem Weggang von Klaus Harter und Eugen Rockenstein haben wir jetzt einen größeren Wechsel, bekommen aber demnächst zwei neue Mitarbeiterinnen. Von daher richten wir das Augenmerk zunächst auf Stabilität. Wir haben ein stabiles Team mit ganz viel Erfahrung. Es wäre nicht nachvollziehbar, jetzt etwas komplett zu ändern. Ich habe die vergangenen Jahren alles mitgetragen.

Gibt es neue Herausforderungen?

Ganz klar ist da der Trend zum Multikonsum zu nennen. Früher wurde Alkohol konsumiert, es wurde gekifft oder andere Drogen zu sich genommen. Heute mixt man alles. Im Jahr 2011 haben 20 Prozent unserer Klienten Cannabis konsumiert, jetzt sind es 40 Prozent. Noch erschreckender ist die Entwicklung bei Amphetaminen. 2010 waren es neun Prozent, 2018 kommen wird auf 34 Prozent. Das erfordert neues Denken und neue Ansätze. Und wir müssen betroffene Familien noch mehr im Blick haben und da mit vielen pädagogischen Partnern zusammenarbeiten und gemeinsam der Suchtdynamik begegnen.

Fragen: Karlheinz Fahlbusch