Die kleine Kreisstadt Sigmaringen mit ihren rund 16500 Einwohnern genießt mittlerweile einen miserablen Ruf. Eine immer wieder auffällige Minderheit von kleinkriminell gewordenen Flüchtlingen aus der Erstaufnahmestelle hat bundesweites Medieninteresse erregt. „Vor allem der Bericht von Spiegel-TV über Sigmaringen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig“, stöhnte Klaus Tappeser, Regierungspräsident von Tübingen, gestern bei seinem nunmehr dritten Antrittsbesuch. Er hatte die örtlichen Pressevertreter ins Begegnungszentrum unweit des Kasernenareals geladen und informierte über den aktuellen Sachstand.
Einen Führungswechsel gleich in zweierlei Hinsicht verkündete der Regierungspräsident. So wird Wolfgang Merk, ein pensionierter Polizist, künftig als Ansprechpartner im Regierungsbezirk Tübingen dienen in der Rolle als Ombudsmann für die Flüchtlingserstaufnahme in Baden-Württemberg. Vorgestellt wurde ebenso Andreas Binder, der bis Februar dieses Jahres als erfahrener Leiter der nunmehr geschlossenen Erstaufnahme in Meßstetten fungierte. Er übernimmt zum 1. Mai die Leitung der Erstaufnahmeeinrichtung in Sigmaringen und löst damit Fabian Heilmann ab. Dieser habe einen „verdammt guten Job gemacht“, anerkannte Tappeser. Heilmann kehrt nach zweijähriger Dienstzeit ins Mutterhaus ins Referat 15.2 (Flüchtlingsaufnahme) nach Tübingen zurück.
Weniger als zehn Personen sorgen für Negativ-Schlagzeilen
Obgleich die Anzahl der Flüchtlinge in der Hohenzollernstadt spürbar zurückgegangen ist, sich aktuell bei einer dreifach höheren Kapazität nur 370 Menschen in der Erstaufnahme befinden, kommt die Stadt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Die, die straffällig geworden sind, das sei eine Gruppe Nordafrikaner, unter zehn Personen, so Leiter Fabian Heilmann. Was zur prekären Situation beitrage: Für besagte Migranten steht die Bleibeperspektive bei nahezu null. „Wir sind aber mit einer kleinen Ermittlungsgruppe, die auch in Zivil läuft, auf einem guten Weg. Wir haben das im Griff“, versicherte Tappeser und bat die Öffentlichkeit um mehr Gelassenheit. Auch die angekündigte zusätzliche Polizeiwache innerhalb der Einrichtung dürfte demnächst installiert werden.

Als weniger problematisch betrachtet der Regierungspräsident jene 50 Personen, die sich schon länger als das eigentlich vorgesehene halbe Jahr in einer Erstaufnahme aufhalten. Tappeser sagte, dass man hier nicht Herr des Verfahrens sei, aber dem Regierungspräsidium Karlsruhe, für die Zuteilung zuständig, vertraue.
Unter seiner Federführung waren Medienleute und Stadträte zum kleinen Rundgang auf dem Gelände der Einrichtung geladen. Unter Begleitung von zahlreichen Sicherheitskräften konnten sich die Teilnehmer über die in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne untergebrachten Instanzen informieren, Einblicke über die Strukturen gewinnen. So kristallisierten sich die Alltags- und Sozialbetreuung als Schwerpunkte heraus. An der nächsten Anlaufstelle, dem Info-Point, kamen Migrantenbetreuer und Streetworker zu Wort. Sie sind innerhalb der Stadt und in der Erstaufnahme unterwegs, halten Sprechstunden für Bürger ab, begleiten Schulkinder, kümmern sich um Neuankömmlinge, erledigen Behördengänge und veranstalten Workshops für Flüchtlinge. Dass der Sigmaringer Bahnhof so im Brennpunkt liegen soll, hält der Frühpädagoge Frank Vees indes für nicht nachvollziehbar. „Es gibt keine schlimmere Situation als an den anderen Bahnhöfen auch!“




