Im übervollen Versammlungsraum der Firma Herbert Kaut vor 75 Gästen hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Bodensee-Oberschwaben die Standortzufriedenheit zur Kreisstadt Sigmaringen nach ihrer 2017 vorgenommenen Umfrage unter ihren Mitgliedsbetrieben der Öffentlichkeit präsentiert.

Perplexe Reaktionen löste die Auswertung in einem Punkt aus: Als Peter Jany von der IHK die Zahlen zur Standortempfehlung analysierte, fand sich die Kreisstadt mit 56 Prozent Ja- und 44 Prozent Neinstimmen im Ranking aller befragten Kommunen abgeschlagen auf dem allerletzten Rang wieder. Nirgendwo anders haben so wenige Firmen ihren Wirtschaftsstandort anderen Unternehmen nahe gelegt. Für den Landkreis Sigmaringen liegt die Ansiedlungsempfehlung höher, bei 69 Prozent, in der Region Bodensee-Oberschwaben gar bei 73 Prozent. Das sorgte nicht nur für lange Gesichter, es löste Diskussionsbedarf aus. Bürgermeister Thomas Schärer hinterfragte reichlich konsterniert den exakten Zeitpunkt der Befragung und stellte fest, dass sie vor der getroffenen Vereinbarung zwischen der Stadt Sigmaringen, dem Kreis und dem Land zur zukünftigen Regelung der Erstaufnahme lag. Wobei allen schnell klar wurde, dass die Flüchtlingsthematik offenkundig zum Problem für einige Vertreter aus der Geschäftswelt geworden ist.

Peter Jany analysierte den Wirtschaftsstandort Sigmaringen anhand der Bewertungen, die die IHK 2017 in einer Umfrage zur Standortzufriedenheit in ihren Mitgliedsbetrieben ermittelte.
Peter Jany analysierte den Wirtschaftsstandort Sigmaringen anhand der Bewertungen, die die IHK 2017 in einer Umfrage zur Standortzufriedenheit in ihren Mitgliedsbetrieben ermittelte. | Bild: Jürgen Witt

Mit einher geht, dass in der Bewertung die Attraktivität der Stadt, das Empfinden zur allgemeinen Sicherheit ebenso spektakulär abgenommen hatten. Hierbei rutschte Sigmaringen auf den vorletzten Platz ab, bei der 2012 vorgenommenen Umfrage konnte sich die Kreisstadt noch im ersten Drittel platzieren.

Einiges war für die Stadtverwaltung und Wirtschaftsvertreter schwer nachvollziehbar und es wurde darüber im Auditorium spekuliert, dass hierbei offenbar nicht die objektive Lage gewichtet worden war, sondern die Erwartungshaltung eine merklich größere Rolle gespielt haben könnte. Auch die Abfrage, ob die Firmen in den nächsten drei Jahren flächenmäßig zu expandieren beabsichtigen, ist mit 16 Prozent auf mehr Zurückhaltung gestoßen und liegt auch hier gegenüber dem Kreis (26 Prozent) unter dem Schnitt. Allerdings lag die Rücklaufquote bei 21 Prozent, 45 von 210 Unternehmen in Sigmaringen hatten sich an der Umfrage der IHK beteiligt, dieses Echo ist jedoch aus Sicht der Industrie- und Handelskammer als sehr zufriedenstellend zu betrachten.

Weit mehr Besucher als erwartet beteiligten sich und diskutierten über die Präsentation der Industrie- und Handelskammer.
Weit mehr Besucher als erwartet beteiligten sich und diskutierten über die Präsentation der Industrie- und Handelskammer. | Bild: Jürgen Witt

Die servierten Zahlen stehen teilweise im krassen Gegensatz zu anderen erhobenen Fakten. So ist der Gewerbesteueranteil am Gesamtsteueraufkommen um 41,4 Prozent überdurchschnittlich gestiegen, er zeigt höhere Werte als Pfullendorf und Markdorf. Bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wurde Sigmaringen ein Plus von 906 Personen konstatiert, das ist ein Zuwachs von 12,2 Prozent.

Der Einzelhandel kann ebenfalls gute Zahlen vorweisen: Die Summe aller Umsätze liege bei 147 Prozent, das heißt, das vor Ort fast die Hälfte mehr an Ware verkauft worden ist. Auch bei der Verfügbarkeit von Wohnraum liege die Stadt relativ gut im Rennen, sagte Jany. Zur Wirtschaftsfreundlichkeit der Stadtverwaltung habe sich mächtig was getan, bemerkt der Professor, da könne er dem Bürgermeister ausdrücklichen Respekt zollen.

Bei den Berufspendlern sind laut Statistischem Landesamt für Sigmaringen unter den 14 340 Erwerbstätigen 4 112 innerörtlich (28,7 Prozent). Von den 43 323 Auspendlern (23,2 Prozent) steuern die meisten den Arbeitsort Sigmaringendorf (265), Albstadt (248) und Mengen (218) an. Bei den 6 905 Einpendlern (48,2 Prozent) kommt die größte Anzahl aus Inzigkofen (465), gefolgt von Krauchenwies (456) und Mengen (455) in die Kreisstadt.

Dringlicher Handlungsbedarf bestehe bei den beruflich qualifizierten Fachkräften, ein Manko sei die Erreichbarkeit auf der Straße, gewünscht wird der zu forcierende Ausbau der Breitbandversorgung.

Zuvor hatte Herbert Kaut in einem Rundgang den vielen Gästen seinen Familienbetrieb, dessen Geschichte und die von ihr hergestellten Kunststoffprodukte mit Enthusiasmus vorgestellt – ein Familienunternehmen, das in über 40 Jahren enorm gewachsen ist und in Laiz ihren optimalen Standort gefunden habe.

 

Firma Kaut

Das Unternehmen stellt Kunststoffformen her, wobei sich das Geschäftsfeld hin zur Fertigung von hygienischen Artikeln für die Medizin auf 40 Prozent und für Autos auf 14 Prozent gewandelt hat. Die Firmengründung von Herbert Kaut begann 1974 am Standort Unterschmeien mit der Fertigung von Spritzwerkzeugen. Nach diversen Erweiterungen folgte 2011 der Neubau in Laiz. Die anfängliche Mitarbeiterzahl von zwei Kollegen (1974) lag 2006 bereits bei 35 und ist heute bei 85. Dazu kommen rund 15 Teilzeitkräfte. Von den 62 bisher ausgebildeten Lehrlingen sind 30 der Firma treu geblieben, ein starker Faustpfand. (jüw)

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