Die Handwerkskammer Reutlingen ehrte im vergangenen Jahr 268 Handwerkerinnen und Handwerker aus zwölf Handwerksberufen mit dem Meisterbrief. Darunter legten sogar 69 Personen aus den sogenannten zulassungsfreien Berufen, also den Gewerben, zu deren Ausübung der Gesetzgeber keinerlei Qualifikation mehr verlangt, ihre Meisterprüfung ab. „Das zeigt, dass der Meisterbrief nichts von seiner Attraktivität verloren hat, im Gegenteil: Er ist immer noch die wichtigste fachliche Grundlage für die Tätigkeit als selbstständiger Handwerksunternehmer“, sagt Harald Herrmann, Präsident der Handwerkskammer.

Im Zuge der Reform der Handwerksordnung 2003 wurde mit Beginn des Jahres 2004 der Meisterbrief als Qualifikationsvoraussetzung zur Selbstständigkeit in 53 Handwerksberufen abgeschafft, Qualitätsniveau und Ausbildungszahlen nahmen in einigen Gewerken spürbar ab. Auch das Fliesenlegerhandwerk ist seitdem von der Meisterpflicht befreit, ebenso wie die Parkettleger, die Uhrmacher, die Gold- und Silberschmiede. Selbst für gefahrgeneigte oder umweltrelevante Gewerbe wie etwa den Behälter-Apparatebauer ist das Erfordernis der geprüften Qualifikation durch die Meisterprüfung entfallen sowie für einige hochgradig gesundheits- und hygienerelevante wie das Müllerhandwerk, Brauer und Mälzer sowie Weinküfer. „Die Meisterqualifikation steht aber gerade für Sicherheit, Umweltschutzwissen, Nachhaltigkeit und somit im unmittelbaren Interesse eines effektiven und präventiv ausgerichteten Verbraucherschutzes“, so Herrmann weiter. „Eine Rückführung in die Zulassungspflicht zumindest für seither zulassungsfreie Handwerke, bei denen dies fachlich geboten und rechtlich möglich ist, sollte für die Bundesregierung eine zentrale Bedeutung haben. Ein Gesetzesentwurf lasse noch auf sich warten, obwohl der Bundesrat der Wiedereinführung der Meisterpflicht zugestimmt habe, erklärte Joachim Eisert, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. Meistergeführte Unternehmen, so Eisert, basierten auf einem breiten fachlichen, betriebswirtschaftlichen und juristischen Wissensfundament, das zum Führen einer Firma existenzielle Bedeutung habe.

Beste Technische Modellbauerin

Isabel Koschmieder ermutigt junge Frauen, einen technischen Beruf zu erlernen. <em>Bild: Handwerkskammer</em>
Isabel Koschmieder ermutigt junge Frauen, einen technischen Beruf zu erlernen. Bild: Handwerkskammer

Kreis Sigmaringen – Isabel Koschmieder aus Hohentengen ist Deutschlands beste Technische Modellbauerin. Die 23-jährige schloss ihre Ausbildung mit dem Schwerpunkt Karosserie und Produktion im vergangenen Jahr mit der Traumnote 100 Punkte ab. Beim Nachwuchswettbewerb „Profis leisten was“ wurde sie zur Bundessiegerin ihres Fachs gekürt.

Die Erfolgsgeschichte begann auf einer Ausbildungsmesse in Sigmaringen. Isabel machte damals ihr Abitur am Wirtschaftsgymnasium und stellte fest: „Das Kaufmännische ist nichts für mich.“ Am Stand ihres späteren Ausbildungsbetriebs, der HFM Modell- & Formenbau GmbH in Ostrach, erfuhr sie, was Technische Modellbauer machen. Die Technik an sich und die Arbeit mit verschiedenen Materialien habe sie angesprochen, sagt Koschmieder. Nach einem Praktikum stand ihr Entschluss fest. „Der Beruf, der Betrieb, es hat einfach gepasst.“

Mittlerweile gehört die Gesellin zum dreiköpfigen Team der NHW 3D GmbH, dem jüngsten Spross des Ostracher Automobilzulieferers. Dort beschäftigt sie sich mit komplexen Bauteilen, Prototypen und Kleinserien, die im 3D-Druck hergestellt werden.

In den meisten technischen Berufen sind Frauen nach wie vor die Ausnahme. Während ihrer Ausbildung sei sie die einzige Frau im Modellbau gewesen, sagt Koschmieder, und habe sich manchmal „recht allein“ gefühlt. Auch die körperliche Belastung sei mitunter nicht zu unterschätzen. Und natürlich bekomme es eine Frau mit der Voreingenommenheit von Männern zu tun. „Es gibt Kunden, die eine junge Frau am Telefon nicht ernst nehmen. Das ändert sich schnell, wenn man sich persönlich trifft“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. „Frauen können viel erreichen im Handwerk“, ist sie überzeugt. Deshalb sollten viel mehr Frauen den Blick über den Tellerrand wagen und sich zutrauen, den eigenen Weg zu gehen.

Zahlen & Fakten

 

  • 2115 Handwerksbetriebe gibt es im Landkreis Sigmaringen. Sie bilden zurzeit insgesamt 570 junge Frauen und Männer aus. Im Jahr 2018 wurden 219 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Längst ist das Handwerk keine Männerdomäne mehr. Jeder fünfte Lehrling im Kammerbezirk, der im vergangenen Jahr seine Ausbildung begonnen hat, ist weiblich.
  • Im Bezirk der Handwerkskammer Reutlingen, zu dem neben dem Landkreis Sigmaringen die Kreise Freudenstadt, Reutlingen, Tübingen und Zollernalb gehören, erhalten 4 822 Lehrlinge, 984 Frauen und 3 838 Männer, in allen vier Lehrjahren eine qualifizierte und zukunftssichere Ausbildung.

 

Bildungspartner für die Region

Lernen mit Blick auf die Donau: Die Bildungsakademie im Donauhaus hat eine wunderschöne Lage direkt am Fluss. <em>Bild: HWK/Bernhard Krause</em>
Lernen mit Blick auf die Donau: Die Bildungsakademie im Donauhaus hat eine wunderschöne Lage direkt am Fluss. Bild: HWK/Bernhard Krause

Sigmaringen – Ob Meister, beruflicher Neustart oder Qualifizierung – die Bildungsakademie Sigmaringen im Donauhaus bietet zu allen Bereichen vielfältige Kurse an.

Mit dem Slogan „Wir machen die Meister!“ werben die Bildungsakademien der Handwerkskammer. Und so sind Vorbereitungskurse für angehende Meister auch in Sigmaringen ein fester Bestandteil des Bildungsprogramms. Darüberhinaus gibt es ein vielfältiges Angebot an Lehrgängen und Seminaren, das sich an unterschiedliche Zielgruppen richtet. „Wir verstehen uns als Bildungspartner für die Region, wenn es um praxisnahes Lernen und individuelles Qualifizieren geht“, sagt Bernd Zürker von der Bildungsakademie. „Unsere Teilnehmer kommen aus Handwerk, Industrie oder Verwaltung, aus kleinen und mittleren Firmen, aber auch aus großen Unternehmen.“

Beachtliche Erfolgsquote

Neben den Aufstiegsfortbildungen Betriebswirt (HwO) und Meister, die in den Gewerken Elektrotechnik und Feinwerkmechanik angeboten wird, ist die berufliche Neuorientierung über einen anerkannten Berufsabschluss ein Schwerpunkt des Bildungshauses. Die Erfolgsquote sei beachtlich, betont Zürker: „Mit den meisten Umschulungen erreichen wir eine Quote von 100 Prozent. Die Teilnehmer erreichen ihr Ziel und arbeiten anschließend im neuen Beruf.“

Ob Quereinsteiger oder Meisterschüler, Kursablauf oder Prüfungsordnung – berufliche Bildung kann ganz schön kompliziert sein. Deshalb rät Zürker allen Interessenten zu einer ausführlichen Beratung. „Im persönlichen Gespräch finden wir heraus, welches Angebot passt, zudem informieren wir über die Fördermöglichkeiten.“

 

Bildungsakademie Sigmaringen im Donauhaus
Hintere Landesbahnstraße 7
72488 Sigmaringen
http://www.wirmachendiemeister.de

Seminare

Führungskräfte Handwerk

  • Betriebswirt/in (HWO)
  • Meistervorbereitung (berufsbegleitend)
  • Elektroinstallateur/in
  • Feinwerkmechaniker/in
  • Teil III Betriebswirtschaft (Vollzeit)
  • Teil IV (AEVO)

Umschulungen – Berufliche Neuorientierung (Vollzeit)

  • Kauffrau/-mann für Büromanagement
  • Industriekaufrau/-mann
  • Fachkraft Lagerlogistik
  • Feinwerkmechaniker/ -in