Sigmaringen –Pflegenetzwerk Landkreis Sigmaringen entschlossen, statt zahlreichen Veranstaltungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums in diesem Jahr nur einen Aktionstags zu machen. Damit wollte man über alle aktuellen Facetten der Pflege und des Pflegeberufes informieren und aufzeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten geboten sind. Diese Vorgabe wurde zweifellos übertroffen. Träger von Einrichtungen und Ausbildungsstätten zeigten genau auf, wie bunt, spannend und zukunftsorientiert die Pflege sein kann. Dazu gab es ein ansprechendes Rahmenprogramm und als prominentesten Gast Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha.

Professor Maik Winter (Altenpfleger und Studiendekan an der Hochschule Ravensburg Weingarten), Melanie Reimer (Altenpflegerin und Pflegedienstleitung der Sozialstation St. Elisabeth Pfullendorf), Rebecca Winter (Alltagsbetreuerin und Altenpflegerin im Altenzentrum Selige Irmgard in Baind), Moderatorin Rita Füssinger (Studiendirektorin an der Helene-Weber-Schule in Bad Saulgau), Lamin Cessay (Ausbildender Alltagsbetreuung aus Gambia) und Cariem Said (Zimmermann, Altenpfleger, Pflegepädagoge und Lehrkraft an der Berufsfachschule für Altenpflege in Bad Saulgau) diskutierten und bemängelten die fehlende Wertschätzung für die in der Altenpflege tätigen Mitarbeiter (von links).
Professor Maik Winter (Altenpfleger und Studiendekan an der Hochschule Ravensburg Weingarten), Melanie Reimer (Altenpflegerin und Pflegedienstleitung der Sozialstation St. Elisabeth Pfullendorf), Rebecca Winter (Alltagsbetreuerin und Altenpflegerin im Altenzentrum Selige Irmgard in Baind), Moderatorin Rita Füssinger (Studiendirektorin an der Helene-Weber-Schule in Bad Saulgau), Lamin Cessay (Ausbildender Alltagsbetreuung aus Gambia) und Cariem Said (Zimmermann, Altenpfleger, Pflegepädagoge und Lehrkraft an der Berufsfachschule für Altenpflege in Bad Saulgau) diskutierten und bemängelten die fehlende Wertschätzung für die in der Altenpflege tätigen Mitarbeiter (von links). | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Zum Beginn des Tages gab es einen geistlichen Impuls in der Kapelle des Landratsamtes. Mitarbeiter des Caritasverbandes, der kirchlichen Sozialstationen im Dekanat Sigmaringen-Meßkirch, der Seelsorgeeinheit Sigmaringen und der Vinzenz von Paul gGmbH beleuchtetet das Thema „Pflege berührt“ auf ihre Weise und machten deutlich, dass Pflege auch eine Möglichkeit sein kann, über sich selbst hinaus zu gehen und sich auch selbst zu finden. Dabei könne man auch den eigenen Egoismus überwinden.

Hubert Jäger vom DRK-Kreisverband (rechts) informierte Besucher über die Wichtigkeit von Sinneserfahrungen in der Altenpflege.
Hubert Jäger vom DRK-Kreisverband (rechts) informierte Besucher über die Wichtigkeit von Sinneserfahrungen in der Altenpflege. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Große Lob zollte Landrätin Stefanie Bürkle in ihrer Begrüßung den Pflegekräften im Landkreis: „Wir müssen dankbar sein für die Menschen aus anderen Kulturkreisen. Ohne diese wäre die Pflege im Landkreis gar nicht vorstellbar.“ In den 18 Einrichtungen mit 870 Dauerpflegeplätzen würden diese Mitarbeiter einfach gebraucht. Die Kreischefin wies aber auch auf ein großes Problem hin: Es fehlen die Kurzzeitpflegeplätze. Nur 20 davon gibt es im derzeit im Landkreis und dazu 58 eingestreute Plätze, die nicht ständig verfügbar sind. Der Bedarf dagegen ist enorm. Bürkle kündigte an, dass der Landkreis eine Stelle für Pflegekoordination schaffen werde, die vom Land mitfinanziert wird. Ebenso soll ein kommunaler Seniorenplan erstellt werden. Eine enorme Leistung bescheinigte die Landrätin den drei Mitarbeiterinnen des Pflegestützpunkte, die 2018 über 1200 Beratungen geleistet haben. Sie waren auch federführend bei der Planung des Aktionstages. Zu ihren Kunden zählen viele der pflegenden Angehörigen, die es im Landkreis gibt. „Zwei Drittel der Pflege wird häuslichen Bereich von den Angehörigen geleistet“, stellte Stefanie Bürkle fest.

Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha sprach ein Grußwort.
Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha sprach ein Grußwort. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Minister Manne Lucha sieht die Pflegeberufe als gesellschaftlichen Indikator. Zwar gebe es Personalzuwachs in der Pflege, aber das sei nicht ausreichend. Das Motto des Aktionstages sei deshalb gut gewählt. Der Bedarf an Pflegekräften sei enorm. „Wir sind ganz klar auf Personal aus dem Ausland angewiesen, aber wird dürfen die Länder nicht entkernen“, stellte Lucha fest. Denn auch dort würden immer mehr Menschen pflegebedürftig. „Als gelernte Krankenschwester“, wie er sich selbst bezeichnete, kenne er sich aus. Als er 1985 seine Ausbildung als Krankenpfleger in der Psychiatrie begonnen habe, da seien auf 30 Plätze 700 Bewerber gekommen. Heute seine es 40 Bewerber für 28 Plätze. „Mit 1,2 Millionen Beschäftigen sind wir die größte homogene Berufsgruppe und bilden das Rückgrat der Republik“, stellte der Grünen-Politiker fest.

Diskussion um Zukunft der Pflege

Weniger flotte Sprüche, dafür eine echte Sorge um die Zukunft der Pflege konnte man bei einer Podiumsdiskussion erleben, die mit Experten aus der Pflege geführt wurde. So stellte Professor Maik Winter, Altenpfleger und Studiendekan an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, unmissverständlich fest: „Viele junge Menschen meiden den Beruf, weil sie denken, Pflege könne jeder.“ Man müsse unmissverständlich darstellen, wie anspruchsvoll dieser Beruf sei.

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Melanie Reimer, Pflegedienstleitung der Sozialstation St. Elisabeth in Pfullendorf, stellte fest: „Wir machen einen tollen Job, aber wir sind zu still.“ In der Diskussion wurde auch deutlich, dass es nicht nur ums Geld geht. Viele Fachkräfte fühlten sich ausgelaugt, von der Bürokratie erschlagen und bei der Dienstplangestaltung zu wenig mit ihren eigenen Bedürfnissen wahrgenommen. Trotzdem gibt es sie noch, auch junge Leute, die in den Pflegeberuf einsteigen. Und die können sogar auch Theater spielen, wie von Schülern der Helen-Weber-Schule in Bad Saulgau gekonnt und humorvoll bewiesen wurde.

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Die Resonanz der Aussteller war ganz unterschiedlich. So gab es bereits erste Bewerbungen für Ausbildungsplätze, aber auch die berühmte „tote Hose“. Ute Reichelt aus Kusterdingen gehört zum Beratungsteam Pflegeausbildung der Bundesregierung und hat schon zahlreiche solche Veranstaltungen besucht und war von der Besucherzahl überrascht. Die sei deutlich höher als in so mancher Großstadt.

Pflegenetzwerk

Im Jahr 2012 wurde auf betreiben des Landratsamtes das Pflegenetzwerk Landkreis Sigmaringen gegründet. In ihm sind die meisten Dienste und Einrichtungen im Bereich der Pflege zusammengeschlossen. Dazu gehören auch Nachbarschaftshilfen, mehrere Ortsverbände des VdK, Beratungsstellen, die AOK und Dienststellen, die sich mit Fort- und Weiterbildung im Landkreis beschäftigen, die Pflegeschulen und die SRH-Kliniken Landkreis Sigmaringen. Das Pflegenetzwerk ist in Regionen aufgeteilt. Die Mitglieder treffen in regelmäßigen Abständen zu Beratungen, Infomations- und Erfahrungsaustausch und zur Planung von besonderen Aktionen. Federführend ist der Fachbereich Soziales der Kreisverwaltung mit dem Pflegestützpunkt. Pflegenetzwerke in dieser Art gibt es bislang nur in wenigen Landkreisen. (kf)