Die Zeiten haben sich geändert. Beruhigte man früher Kinder mit Erzählgeschichten, so dürften heute wohl oft digitale Dinge genutzt werden. Als die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren ihren eigenen Enkel beruhigen musste, erfand sie einfach die Geschichten vom kleinen Jungen Michel, der ein enormes Talent für Streiche hat, aber auch ein großes Herz für seine Mitmenschen.

Die Masssenschägerei beendet Michel mittels einer Feuerspritze, die er kurz vorher ersteigert hat.
Die Masssenschägerei beendet Michel mittels einer Feuerspritze, die er kurz vorher ersteigert hat. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Und genau dieser Michel begeisterte das Publikum auf der ausverkauften Waldbühne. Zugegeben: Bei der Premiere waren es überwiegend Erwachsene, die sich an den Streichen des pfiffigen Bauernsohns erfreuten, aber es dürfte keine Frage sein, dass diese Inszenierung in den kommenden Wochen auch Tausende von Kindern und Jugendlichen begeistern wird. Und das bestimmt auch deshalb, weil es nicht nur für diese Altersgruppe geschrieben wurde, sondern auch noch von dieser gespielt wird.

Blau angemalt wird Klein-Ida zum „Typhis“-Fall. Die vermeintliche Typhuserkrankung entpuppt sich wieder als Streich von Michel.
Blau angemalt wird Klein-Ida zum „Typhis“-Fall. Die vermeintliche Typhuserkrankung entpuppt sich wieder als Streich von Michel. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Von sechs bis 24 Jahren reicht die Altersspanne der Akteure und wer die Besetzungsliste genau anschaut, der wird schnell merken, dass die 24 Jahre von Jakob Maichle die absolute Ausnahme sind. Er spielt den Knecht Alfred, der viel Verständnis für Michel, aber deutlich weniger davon für die in ihn verliebte Magd Lina (die 14-jährige Charlotte Fanslau) hat. Ob sich das Paar doch noch bekommt, das bleibt offen, nicht aber, dass dieser Michel äußerst begabt ist, wenn es darum geht, Streiche auszuhecken oder Missgeschicke zu produzieren. Bei der Premiere obliegt diese Aufgabe der zwölfjährigen Lea Speh. Auch sie stammt, wie viele andere Akteure, aus einer der Theaterfamilien in Sigmaringendorf und glänzt mit Spielfreude und Textsicherheit.

Drei echte Schafe treibt Michel über die Bühne. Sehr zur Freude der Zuschauer.
Drei echte Schafe treibt Michel über die Bühne. Sehr zur Freude der Zuschauer. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Das gilt auch für Michels Schwester Klein-Ida. Die erst sieben Jahre alte Frida Speh bringt da eine Meisterleistung auf die Bühne. Das gilt aber auch ohne Einschränkung für die anderen rund 50 Mitwirkenden. Beim Theaterverein braucht man sich also keine Sorgen um die Zukunft machen. Allerdings ist fraglich, wer im kommenden Jahr Regie beim Kinder- und Jugendstück führen wird. Karin Maichle hört aufgrund der enormen zeitlichen Belastung auf. Alexander Speh steht vorerst weiter zur Verfügung, wenn sich ein Mitstreiter findet. „Ich würde aber mittelfristig gerne nur noch jedes zweite oder dritte Jahr die Regie machen wollen, hoffe also auf weitere Kandidaten“, machte er deutlich.

Magd Lina (Charlotte Fanslau) und Knecht Alfred (Jakob Maichle, von links) sind ein Liebespaar mit unterschiedlichen Auffassungen beim Thema Beziehung.
Magd Lina (Charlotte Fanslau) und Knecht Alfred (Jakob Maichle, von links) sind ein Liebespaar mit unterschiedlichen Auffassungen beim Thema Beziehung. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Mit „Michel“ ist dem Regieteil auf jeden Fall eine Glanzleistung geglückt. Denn eine solch große Schauspielertruppe beisammen zu halten, ihr die nötigen Kniffe zu vermitteln und bei allem nicht zu vergessen, dass Theaterspielen vor allem auch Spaß machen soll, das ist nicht einfach. Und man baucht auch eine Mannschaft im Hintergrund, die nicht nur für Ton und Licht, sondern auch für ein ansprechendes Bühnenbild sorgt.

Mit den Schwedenhäuschen aus Lönneberga ist das einmal mehr bestens gelungen. Und es darf natürlich auch der Tischlerschuppen nicht fehlen, in den Vater Anton (der 17-jährige Lucas Ziser) seinen Sohn immer schickt, wenn er mal wieder etwas ausgefressen hat. Dass der Schuppen nicht zum Daueraufenthaltsort wird, das ist auch Mutter Alma zu verdanken, die ihren Sohn immer wieder in Schutz nimmt. Marika Münzer (16) spielt diese Rolle mit Hingabe.

„Michel in der Suppenschüssel“: Es war eine glanzvolle Premiere auf der ausverkauften Waldbühne.
„Michel in der Suppenschüssel“: Es war eine glanzvolle Premiere auf der ausverkauften Waldbühne. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Die Aufführung besticht durch zahlreiche Szenen, die begeistern. Als Klein-Ida von ihrem Bruder an einem Fahnenmast hochgezogen wird, da dürfte so manchen Zuschauer die Angst erfasst haben, ob das auch gut gehen würde. Dank Unterstützung des Alpenvereins ist dann auch nichts passiert. Verletzungen gab es auch bei der Massenschlägerei nicht, die Michel mittels einer Feuerspritze beendete. Die hatte er für fünf Öre bei einer Versteigerung erstanden. Dort kam er auch zu einem Kästchen, zu dessen Inhalt auch eine Briefmarke gehörte, für die der Pastor 40 Kronen bezahlte.

Teuer wurde auch die Sache mit der Suppenschüssel, in die der kleine Schelm gleich zweimal über den Kopf steckt und die der Vater zumindest einmal kleben muss. Heimliche Stars waren übrigens die lebenden Hühner, die schon vor Beginn der Aufführung partout nicht in ihrem Verschlag bleiben wollten und sicher auch die Schafe, die Michel trickreich über die Bühne getrieben hat. Übrigens vollkommen ohne Seil. Wie das geht, das bleibt ein Geheimnis.

Auch mit vereinten Kräften geht die Suppenschüssel nicht ab.
Auch mit vereinten Kräften geht die Suppenschüssel nicht ab. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

„Ob es Unfug ist, das weiß man erst hinterher“, lässt Astrid Lindgren ihren Helden Michel einmal sagen. Sicher ist: Diese Aufführung war kein Unfug, sondern der Beweis, dass Kinder und Jugendliche auch Unterhaltung selbst produzieren können. Und das muss nicht immer mit einem Video auf YouTube sein. Wobei: „Michel in der Suppenschüssel“ war schon in weiten Teilen filmreif und auch eine Hommage an die Kinderbuchautorin, der die Welt so viele schöne Geschichten und der Waldbühne auch die Vorlage für die mehrfach aufgeführten Streiche von Pipi Langstrumpf verdankt.

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