Er kam vor sechs Jahren als Fremder und verlässt heute Sauldorf als geschätzter Mitbürger und Freund. Die Rede ist vom altkatholischen Pfarrer Robert Geßmann. Der Geistliche hat mit Rücksicht auf seine schwerkranke Pflegetochter Alma seine Pfarrstelle aufgegeben. Ab Mai wirkt er als Seelsorger in Dortmund. Am gestrigen Sonntag verabschiedete sich die Pfarrgemeinde Sauldorf/Meßkirch und die politische Gemeinde Sauldorf offiziell von dem Geistlichen. Bürgermeister Wolfgang Sigrist brachte seine Wertschätzung in einem Satz zum Ausdruck. Beim Stehempfang im Alten Kindergarten sagte der Rathauschef an die Adresse des bisherigen Pfarrers: "Es war schön, dass Du in den letzten sechs Jahren hier warst." Sigrist bescheinigte dem Geistlichen, stets ein offenes Ohr auch für Anliegen der Gemeinde gehabt zu haben. Für die Sauldorfer Vereinswelt ergriffen Tobias Heckler von den Durbestecher-Narren und Reiner Abreder vom Musikverein das Wort. Heckler würdigte die Rolle des gebürtigen Kölners und bekennenden Karnevalisten Robert Geßmann bei der Fasnet. Martin Schnegg von den Meßkircher Mennoniten sprach im Namen der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Der Pastor würdigte den Beitrag der altkatholischen Gemeinde unter Leitung von Pfarrer Geßmann für den ökumenischen Prozess in der Raumschaft. Er stellte fest: "Robert Geßmann hat immer wieder Neues gewagt. Dabei ging es ihm aber nie um seine Person, sondern immer um die Sache an sich." Zusammen mit Geßmann, so Schnegg, sei in den letzten sechs Jahren in Meßkirch Reich Gottes gebaut worden.

Die Musikkapelle Sauldorf ehrte Pfarrer Geßmann (im Vordergrund zusammen mit dem Dirigenten Matthias Wischnewski) mit einem Ständchen vor der Kirche.
Die Musikkapelle Sauldorf ehrte Pfarrer Geßmann (im Vordergrund zusammen mit dem Dirigenten Matthias Wischnewski) mit einem Ständchen vor der Kirche. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Dieses starke Engagement für die Sache der christlichen Botschaft unterstrich auch der altkatholische Dekan Joachim Sohn in seinem Grußwort. Sohn betonte besonders die Bereitschaft Geßmanns, innerhalb des Dekanats immer wieder Aufgaben zu übernehmen. Der Dekan formulierte Respekt und Anerkennung für den Schritt Geßmanns, mit Rücksicht auf seine erkrankte Pflegetochter Wohn- und Wirkungsort nach Nordrhein-Westfalen zu verlegen. Sohn: "Es gibt Momente im Leben eines verheirateten Pfarrers, in denen die Gemeinde hinter den Interessen der Familie zurückstehen muss." Würde man dies nicht anerkennen, könnte die Ehe eines Pfarrers überhaupt nicht erst erlaubt werden.

Geßmann ging auf diesen Aspekt ein. Seine vier Jahre alte Pflegetochter brauche eine wöchentlichen Behandlung, die sie nur in Hamburg erhalten könne. Der Weg von Sauldorf über den Flughafen Zürich nach Hamburg komme, so hatte schon Sohn festgestellt, einer halben Weltreise gleich. Von Dortmund aus sei die Strecke mit dem ICE sehr viel leichter und bequemer zu meistern. Die Behandlung in der Hansestadt zeige, so berichtete Geßmann, erste Erfolge, die zur Fortsetzung der Therapie ermunterten. Vor dem Stehempfang hatte die altkatholische Gemeinde zur Eucharistiefeier in die Sauldorfer Pfarrkirche eingeladen. Nach der Messfeier wurden die Gottesdienstbesucher von der Musikkapelle Sauldorf vor der Kirche zu einem Ständchen erwartet. Pfarrer Geßmann wird von seinem bisherigen Wohnort in Singen in der ersten Maiwoche nach Dortmund umziehen.

Robert Geßmann (links) wurde von Martin Schnegg, Sibylle Konstanzer und Ulrich Marx als Vertreter der Ökumene verabschiedet.
Robert Geßmann (links) wurde von Martin Schnegg, Sibylle Konstanzer und Ulrich Marx als Vertreter der Ökumene verabschiedet. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

"Unsere altkatholische Pfarrgemeinde hat 95 Mitglieder"

Wilfried Reichle ist seit 2006 Vorsitzender des Kirchenvorstandes der altkatholischen Pfarrgemeinde Sauldorf/Meßkirch.

Wilfried Reichle
Wilfried Reichle | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Herr Reichle, wie groß ist die Pfarrgemeinde?

Wir haben 95 Mitglieder, die allerdings in einem großen Gebiet verstreut leben. Der Einzugsbereich der Pfarrgemeinde reicht von Liggersdorf im Süden bis nach Balingen im Norden. Die westliche Grenze ist die Kreisgrenze nach Tuttlingen und im Osten geht unser Einzugbereich bis kurz vor Ravensburg.

Was bedeutet für die Pfarrgemeinde der Weggang von Pfarrer Robert Geßmann?

Da tut sich natürlich zunächst einmal eine große Lücke auf, von der wir hoffen, dass wir sie so schnell wie möglich schließen können. Wir sehen aber in dieser Lücke durchaus auch eine Chance für unsere Gemeinde. Wir müssen unsere Ressourcen neu entdecken und aktivieren.

Für wie realistisch halten Sie die Erwartung, bald einen neuen Pfarrer zu bekommen?

Die Stelle wird demnächst von unserem Bischof ausgeschrieben. Danach können sich Pfarrer um diese Stelle bewerben. Allerdings sieht die Pfarrerversorgung auch im altkatholischen Bereich derzeit nicht so gut aus. Es würde mich deshalb überraschen, wenn sich schon in der ersten Ausschreibungsrunde jemand bei uns bewerben würde. (hps)