Sie haben ein Buch über das Familienleben beziehungsweise Kindererziehung geschrieben? Wie kamen Sie auf die Idee?

2015 habe ich die Ausbildung zur zertifizierten neuro-linguistischen Programmiererin (NLP) gemacht, weil ich im Alltag mit meinen zwei Kindern und mehreren Unternehmen immer wieder spürte, wie das NLP Stress reduziert und Ordnung schafft. Diese Methode mit den vielen verschiedenen Übungen hat mein Leben verändert und lässt mich eine entspannte und liebevolle Mutter sein. Im Frühjahr 2018 habe ich dann von einer Freundin erfahren, dass es heutzutage relativ einfach ist, eigene Bücher im Internet zu veröffentlichen. Ohne Verlag. Da dachte ich, das mache ich auch! Ich wollte anderen Müttern und Vätern weitergeben, wie NLP meinem Leben als moderner Mama einen Rahmen gibt und sich das gemeinsame Leben vereinfacht.

Es gibt hunderte Ratgeber von Fachleuten, mit schlauen Tipps für Eltern bei der Kindererziehung. Was unterscheidet Ihr Buch?

Ich rede nicht vom „grünen Tisch“. Ich habe erlebt, welche Probleme sich im Familienalltag auftun, wenn man Kinder, Beruf und die eigenen Bedürfnisse unter einen Hut bringen möchte. Und wie man daran scheitern kann. Die Übungen, die ich durch die Ausbildung zur NLP-Trainerin kennengelernt habe, verbesserten unser Leben nachhaltig – das erlebe nicht nur ich, sondern auch mein Mann und meine Töchter am eigenen Leib.

Seit Wochen sind Schulen und Kindergärten geschlossen. Eltern und Kinder sind tagaus, tagein zusammen. Sind Sie auch Betroffene? Wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Natürlich waren auch meine Töchter in den vergangenen Wochen nicht in der Schule. Unser Alltag hat sich vor allem dadurch verändert, dass der normale Rahmen, die normalen Tagesstrukturen weggefallen sind. Und gerade jetzt bin ich so dankbar für mein Wissen, denn ohne den Überblick, den mir diese Lebenshaltung gibt, wäre ich wahrscheinlich angesichts der vielen Aufgaben hoffnungslos verloren.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Konfliktpotenziale?

Naja, vor allen Dingen waren die Eltern in den letzten Wochen dafür zuständig, dass ihre Kinder den Lernstoff durcharbeiten, den die Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung gestellt haben. Die wenigsten Eltern sind Lehrer, woher sollen sie also wissen, wie man neue Lerninhalte bestmöglich vermittelt? Dazu kommen die diversen Gefühle aller Beteiligten, die in dieser besonderen Zeit nicht unbedingt angenehm sind. Wenn man dann auch noch mehrere Kinder in verschiedenen Klassenstufen unterstützen muss, kann das schon mal überfordernd sein. Nicht zu vergessen ist auch, dass viele Eltern trotz allem ihren beruflichen Aufgaben nachkommen müssen. Puh, da kommt ganz schon viel zusammen.

Wie lösen Sie Konflikte und Streitigkeiten?

Wir streiten natürlich auch mal – und das darf auch sein. Jeder von uns weiß, dass nach einem Streit auch die Versöhnung kommen wird. Alle Familienmitglieder haben in ihrer individuellen Wahrnehmung ja irgendwie recht und den Konflikt versuchen wir dann bestmöglich zu hinterfragen. Je nach Situation gehe ich bei Streitigkeiten bei den Kindern schon mal dazwischen, sollte es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommen. Wenn der Konflikt aber überschaubar ist, lasse ich die Kids ihren Streit auch mal untereinander austragen und gehe nicht dazwischen. Und es kommt auch mal vor, dass wir im Streit auseinander gehen, jedoch gehen wir nie in diesem Modus ins Bett. Jeder soll mit einem guten Gefühl einschlafen können, das ist mir sehr wichtig.

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Für das aktuelle Kontaktverbot können weder Eltern noch Kinder etwas. Dennoch müssen Sie die Konsequenzen aus dieser Anordnung ertragen. Kann man diese Situation Kindern richtig erklären?

Bei uns wurde das Thema gleich von Anfang an ausführlich besprochen. Ich habe den Kindern erklärt, dass für diese Situation keiner eine Schuld trägt und dass das, was jetzt kommen wird, nicht meine Idee ist, sondern es gerade allen Eltern und Kindern so ergeht. Der Tagesablauf, also der Rahmen unseres Familienalltags, wurde gleich zu Beginn in der Familie festgelegt, sodass unsere Kinder wussten, dass das Lernen zuhause nun ganz normal am Vormittag weitergeht. Ich finde es ist sogar superwichtig, dies den Kindern zu erklären – und ja, ab einem gewissen Alter können und müssen sie das meiner Ansicht nach verstehen. Je mehr wir Eltern unseren Kindern etwas vorleben, desto leichter können Kinder uns darin folgen. Bei uns wird vonseiten der Töchter schon gar nicht mehr gefragt, ob Freundinnen kommen oder ob sie mit zum Einkaufen gehen dürfen, und auch nicht, ob wir Oma und den Opa besuchen. Einmal besprochen, vorgelebt und durchgezogen.

Ohne Schulbetrieb, Freizeitaktivitäten, Vereine und Ähnlichem hocken Kinder und Eltern zusammen. Erleben manche Eltern jetzt völlig andere Seiten an Ihren Kindern beziehungsweise Ihrer bisherigen Erziehung?

Ich selbst sehe nun meine Kinder sieben Tage die Woche für 24 Stunden, was bisher durch Schule und Berufsleben nicht immer der Fall war. Jetzt merke ich auch, wie sie sich selbst organisieren können, wie diszipliniert sie beispielsweise morgens an den Hausaufgaben bleiben. An manchen Tagen merke ich, dass ihnen der Freizeitbetrieb fehlt. Ich denke aber nicht, dass Eltern ihre Kinder in dieser speziellen Zeit nun ganz anders erleben als sonst. Natürlich werden Dinge, die bisher nicht gut gelaufen sind, nun deutlicher sichtbar, einfach weil alle den ganzen Tag zusammensitzen und es kaum Möglichkeiten gibt, sich der Situation zu entziehen. Das empfinde ich jedoch als wundervolle Chance, genauer hinzusehen und sich zu überlegen, welche Werte uns als Eltern wichtig sind. Wir dürfen aber auch sehen, dass die aktuelle Lage viel von unseren Kindern fordert.

Was unterschätzen Eltern am meisten, wenn sie so viele Stunden mit den Kindern verbringen dürfen/müssen?

Kinder sind in der Lage, sich selbst zu helfen, wenn sie in einer blöden, langweiligen, unbefriedigenden Situation stecken. Natürlich können Eltern ihren vierjährigen Kids nicht dasselbe zumuten wie einem 14-jährigen Teenager, aber sie müssen auch nicht jeden Tag das volle Wohlfühlprogramm bieten. Kinder sind so kreativ, wenn wir sie lassen und auch mal aushalten, dass die Kleinen sich ärgern oder langweilen.

Fragen: Siegfried Volk

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