Die Ökumene ist ein fester Bestandteil der Linzgaustadt. Die katholische und die evangelische Gemeinde arbeiten eng zusammen und feiern auch gemeinsame Gottesdienste. Es gibt die evangelisch-katholische Erwachsenenbildung und eine gemeinsame Internetseite. Doch das gleichberechtigte Miteinander ist ein Produkt der Gegenwart. Es gab Zeiten, da waren Protestanten in der katholischen Freien Reichsstadt nicht gerne gesehen. Und ihre erste eigene Kirche bekamen sie erst im Jahr 1910. Im benachbarten Sigmaringen hatte man schon 1861 mit dem Bau einer evangelischen Kirche angefangen. Das Grundstück war ein Geschenk von Fürst Karl Anton von Hohenzollern, die Baukosten übernahm König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Und das hatte seinen Grund: In der Folge der Märzrevolution 1848 dankten die Fürsten von Sigmaringen und Hechingen 1849 ab, sodass ihre Fürstentümer 1850 als „Hohenzollernsche Lande“ an das Königreich Preußen fielen. Damit kamen auch viele preußische Beamte nach Sigmaringen. Und die waren evangelisch, so wie ihr König.

Die Christuskirche ist aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Außen hat sich gar nicht viel verändert. Innen schon.
Die Christuskirche ist aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Außen hat sich gar nicht viel verändert. Innen schon. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Evangelische hatten in Baden Vorrang

Im seit 1805 badischen Pfullendorf war das ganz anders gelaufen. Und das, obwohl die Angehörigen der evangelischen Landeskirche einen Vorrang vor der katholischen Mehrheit genossen und der evangelische Großherzog ihr Oberhaupt war. Die katholische Bevölkerung lebte damals in ländlichen Gebieten in Gemeinden mit weniger als 3 000 Einwohnern, worunter auch Pfullendorf zu zählte. Kontakte zu evangelischen Mitbürgern waren nicht sehr ausgeprägt. Seit die Freie Reichsstadt zu Baden gehörte, waren die wenigen evangelischen Mitglieder der Landeskirche Baden und gehörten zum Kirchenbezirk Überlingen-Stockach, was bis heute so ist.

Viele Jahrhunderte war Pfullendorf katholisch geprägt

Jahrhunderte war Pfullendorf dem Katholizismus treu geblieben und hatte die Standesrechte des Klerus zu akzeptieren und auch, dass die Kirche die Oberhoheit über Religion und Sittlichkeit hatte. Wie die anderen Reichsstädte machte man vom Reformationsrecht Gebrauch. Das legte fest, dass die Untertanen der gleichen Religion angehören mussten, wie die Reichsstadt selbst. Viel Auswahl gab es also nicht, aber durchaus mal Probleme.

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Friedhof für Evangelische war außerhalb der Stadtmauern

So stand der Königsbronner Hof auf exterritorialem württembergischem Gebiet und war seit dem Übertritt der Herzöge Ulrich und Christoph zum Protestantismus mit nicht katholischen Beamten besetzt. Wenn die starben, dann wurden sie nicht auf dem katholischen Friedhof beigesetzt, sondern auf einem extra reservierten Platz außerhalb der Stadtmauern, der „Einfang“ genannt wurde. Im 18. Jahrhundert sind mehrere Beerdigungen belegt, bei denen Protestanten auf dem katholischen Friedhof beerdigt wurden, oft aber mit eingeschränktem Ritual und ganz am Rand des Gottesackers, da wo auch die Bettler ihre letzte Ruhe fanden.

2020: Der Innenraum der Christuskirche nach Corona-Regeln
2020: Der Innenraum der Christuskirche nach Corona-Regeln | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

1857 eigener evangelischer Seelsorger für Pfullendorf

Ab dem Jahr 1854 sammelte Vikar Karl Albrecht Jeep die Evangelischen im Seekreis. So sehr viele werden es wohl nicht gewesen sein und so mancher evangelische Pfullendorfer behielt sein Bekenntnis schön für sich. Im Jahr 1857 bekam Pfullendorf einen eigenen Seelsorger. Der hatte seinen Amtssitz aber in Stockach und musste einen Fußmarsch von sechs Stunden auf sich nehmen, wenn er nach seinen Schäfchen schauen wollte. Später kam die Linzgaustadt zum Pastorat Meßkirch. Am 20. Oktober 1865 hielt Pfarrer Hager den ersten Gottesdienst in Pfullendorf ab. 1865 besuchten bereits 15 bis 30 Personen den Gottesdienst.

Evangelische Kirche wird 1910 eingeweiht

Ab 1869 gab es Religionsunterricht und die Gottesdienste fanden im Rathaussaal statt. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche wurde immer stärker. Die Gemeinde hatte rund 5 000 Mark Kapital angesammelt. Gemeinderat und Bürgerausschuss der Stadt schenkten nochmals die selbe Summe und so konnte das Werk in Angriff genommen werden. Die Grundsteinlegung fand am 5. Juli 1909 statt und ab dem 1. September des Jahres hatte man dann mit Hermann Funck den ersten eigenen Gemeindepfarrer. Er versorgte knapp 200 Seelen, wovon rund 115 in der Stadt wohnten. Der Kirchenbau war eine echte Gemeinschaftsleistung. Am 12. Juni 1910 fand die Einweihung statt. Eine eigenständige Kirchengemeinde wurde man erst im Jahr 1933.

Schöne Erinnerung: So sah der Altarraum vor der ersten Kirchenerweiterung aus.
Schöne Erinnerung: So sah der Altarraum vor der ersten Kirchenerweiterung aus. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Pfullendorf wird eigenständige Kirchengemeinde

Das Ende des 2. Weltkrieges brachte viele Heimatvertriebene nach Pfullendorf und so wuchs die Zahl der Protestanten von 356 im Jahr 1945 auf 1650 im Jahr 1949. Im Jahr 1957 wurde eine Kirchenerweiterung eingeweiht, denn mit der Kaserne waren noch mehr Protestanten nach Pfullendorf gekommen. In Folge bemühte man sich um die Soldatenseelsorge. Ergebnis war das „Haus der Begegnung“, das nach Pfarrer Dietrich Bonhoeffer benannt und 1965 eingeweiht wurde. Es diente auch als Gemeindehaus. Somit hatten die vielen Aktivitäten der Kirchengemeinde nun auch die nötigen Räumlichkeiten.

Das Soldatenheim und Gemeindezentrum „Dieterich-Bonhoefferhaus“.
Das Soldatenheim und Gemeindezentrum „Dieterich-Bonhoefferhaus“. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Erster ökumenischer Gottesdienst wird 1970 gefeiert

Im Jahr 1970 wurde der erste ökumenischer Gottesdienst in Pfullendorf gefeiert und seitdem hat sich viel getan. Das „Haus der Begegnung“ dient nun ganz anderen Zwecken, die Kirche wurde umgebaut und ein kleiner Gemeindesaal integriert und im Oktober 1974 das evangelische Kindertagheim am Jakobsweg eröffnet.

Hat sich kaum verändert und ist noch immer in Pfullendorf: Pfarrer Hermann Billmann. Er ist auch Ehrenbürger. Vor Jahrhunderten undenkbar.
Hat sich kaum verändert und ist noch immer in Pfullendorf: Pfarrer Hermann Billmann. Er ist auch Ehrenbürger. Vor Jahrhunderten undenkbar. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

1977 übernahm Pfarrer Hermann Billmann die Kirchengemeinde. Er lebt auch als Pfarrer im Ruhestand noch in der Stadt und hilft seit einigen Monate wieder aus, weil die Pfarrerstelle wieder vakant ist. Seit 2012 ist er auch Ehrenbürger, und das als Evangelischer in der ehemals katholischen Reichsstadt. Die Zeiten haben sich geändert.

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