Wenn Robert Wellisch von einem der schönsten Tage in seinem Leben erzählt, dann strahlt er auch heute, zweieinhalb Jahre später, noch über das ganze Gesicht. „Plötzlich konnte ich wieder alles hören – von 0 auf 100. Sogar die berühmte Stecknadel konnte ich fallen hören.“ Ein wenige Zentimeter kleines Gerät war es, das Robert Wellisch im März 2018 ein großes Stück seiner Lebensqualität zurückgab. Mithilfe eines Mittelohrimplantats schaffte er das, was er selbst nicht mehr für möglich gehalten hatte: Endlich wieder hören zu können.

Kranke Ohren, mit diesem Thema schlug sich der heute 55-Jährige in seiner Kindheit ständig herum. „Immer wieder plagten mich Mittelohrentzündungen“, schildert er. Damals sei es nicht üblich gewesen, wegen solcher Krankheiten ständig zum Arzt zu laufen. „Mein Mutter kannte viele Hausrezepte. So wurden zum Beispiel heiße Kartoffelsäckchen auf den Bereich rund um das Ohr gelegt“, erzählt der Ostracher. Vermutlich waren es dieses chronischen Entzündungen, die den Grundstein legten für den weiteren, schlimmen Krankheitsverlauf bei Robert Wellisch. Denn als er etwa 25 Jahre alt war, litt er zwar nicht mehr an Mittelohrentzündungen, doch massive Hörprobleme machten dem jungen Mann das Leben schwer.

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Odyssee zu verschiedenen Ärzten

„Damals habe ich auf dem Bau gearbeitet. Da geht es sowieso lauter zu“, schildert Wellisch, warum er die stetige Abnahme seines Hörvermögens zuerst nicht bewusst wahrgenommen hatte. Den Fernseher und das Radio einfach ein paar Stufen lauterdrehen, damit schien das Problem gelöst, dass ihm durchaus vieles leiser vorkam als zuvor. Natürlich merkten die Freunde und allen voran Ehefrau Sabine, dass mit seinem Hörvermögen etwas nicht stimmen konnte. „Wir mussten immer ganz laut reden. Einem normalen Gespräch konnte er nicht folgen“, erinnert sich Sabine Wellisch. Als Robert Wellisch das Problem selbst wahrnahm, begann eine Ärzte-Odyssee. Erst mit 42 Jahren wurde ihm dann doch medizinisch geholfen und er erhielt sein erstes Hörgerät. Wellisch war inzwischen bei der Pfullendorfer Firma Geberit angestellt und strebte eine Weiterbildung zum Fachlageristen an. „Ich wollte diese Ausbildung machen, aber ich hörte so schlecht, dass ich zwingend Hörhilfen benötigte“, erzählt er.

Unzählige Modelle ausprobiert

Nun begann eine weitere leidvolle Geschichte, denn von Anfang an, so schildert der 55-Jährige, kam er mit den Geräten nicht zurecht. „Ich hörte die Stimmen der anderen Menschen oftmals nur verzerrt. Mit der Zeit entwickelte ich auch Allergien gegen die Geräte“, schildert er. Unzählige Modelle habe er ausprobiert, es erfolgte keine Besserung – im Gegenteil, das Hörvermögen nahm weiter ab.

Zwei, die trotz einiger Schicksalsschläge immer zusammengehalten haben: Robert und Sabine Wellisch.
Zwei, die trotz einiger Schicksalsschläge immer zusammengehalten haben: Robert und Sabine Wellisch. | Bild: Lorenz, Stefanie

Robert Wellisch ist ein Kämpfer; er wollte diese Situation nicht so hinnehmen. Der Wille, sich nicht damit abzufinden, dass er inzwischen fast taub war, führte ihn im März 2018 schließlich doch noch einmal zu einem Mediziner, dem HNO-Arzt Marc Stiegler in Sigmaringen. Dieser erkannte, dass Robert Wellisch dringend Hilfe von Spezialisten benötigte und überwies seinen Patienten an die HNO-Klinik in Tübingen. Dort wurde bei dem damals 53-Jährigen eine Taubheit von 70 Prozent auf jedem Ohr diagnostiziert. „Herr Wellisch, wir werden sie nächste Woche operieren“ – diesen Satz des Klinikarztes wird der Ostracher sein Leben lang nicht mehr vergessen.

Mittelohrimplantat als Lösung

Über Hörimplantate wusste er vorher nicht Bescheid. Nun wurde Robert Wellisch über diese medizinischen Geräte informiert. Für Robert Wellisch hatten die Ärzte ein sogenanntes Mittelohrimplantat ausgewählt. Es besteht aus zwei Komponenten: dem Implantat, das ihm bei der Operation unter die Haut im seitlichen Kopfbereich eingesetzt wurde, und einem hinter dem Ohr getragenen Sprachprozessor, der mit dem Implantat verbunden ist. Die Übertragung durch das Gerät funktioniert so: Ein in den Sprachprozessor integriertes Mikrofon nimmt Klänge in Form von Schallwellen auf und leitet sie durch die Haut an das Implantat weiter. Dieses wandelt die Schallwellen in Schwingungen um und regt damit die Hörstrukturen im Mittelohr an, genauso wie es beim normalen Hören geschieht. Dadurch kommt die Klangqualität des Implantats jener des natürlichen Hörens sehr nahe. Die mechanischen Schwingungen wiederum stimulieren die Cochlea (Hörschnecke im Innenohr), welche die Klangsignale an das Gehirn weiterleitet, wo sie zu Höreindrücken verarbeitet werden.

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Ein unglaubliches Gefühl

Nach der gelungenen Operation des linken Ohres musste er zunächst eine Geduldsprobe bestehen: Drei Wochen dauerte es, bis die Ärzte beim Gerät die Erstanpassung durchführen konnten. „In dieser Zeit habe ich keine Schmerzen gespürt, aber auch gar nichts mehr gehört“, berichtet Wellisch. Dann kam der große Tag: Der Audioprozessor wurde das erste Mal eingeschaltet. „Es war einfach nur wow! Ich konnte auf dem linken Ohr alles wieder ganz genau hören – ein tolles, unglaubliches Gefühl“, erinnert er sich.

Mit diesem Gerät, das an der Kleidung angebracht werden kann, steuert Robert Wellisch unter anderem die Lautstärke.
Mit diesem Gerät, das an der Kleidung angebracht werden kann, steuert Robert Wellisch unter anderem die Lautstärke. | Bild: Lorenz, Stefanie

Voller Vorfreude blickte er auf die Operation des rechten Ohres. Doch dann traf die Familie ein harter Schicksalsschlag: Robert Wellisch erlitt im November 2018 einen Schlaganfall. Dadurch verlor er auf dem rechten Ohr sein komplettes Hörvermögen. Die Ärzte glaubten nicht daran, dass ein Implantat unter diesen Voraussetzungen noch Sinn machen würde. Doch Robert Wellisch gab nicht auf und auf sein Drängen hin wurde er im März 2019 doch noch am rechten Ohr operiert. Für die Ärzte ein medizinisches Wunder: Bei der Erstanpassung konnte der Patient auch auf dieser Seite wieder perfekt hören. „Es war unglaublich“, schildert der 55-Jährige noch heute gerührt.

Ausbildung abgeschlossen

Nun konnte er die Ausbildung zum Fachlageristen doch noch abschließen. „Auch mein Hobby, das Taxifahren, konnte ich wieder ausüben – ab jetzt ohne Hörgeräte“, freut sich der Ostracher. Gespräche, Telefonate – alles ist ohne Probleme wieder machbar. Das Handy kann Robert Wellisch sogar direkt mit dem Implantat verbinden. Ehefrau und Sohn freuen sich über den Erfolg: „Jetzt hört er sogar besser als wir“. Mit noch mehr Freude als vorher lebt der Ostracher weitere Freizeitvergnügen aus, wie etwa sein Engagement als Büttel des Narrenvereins Bauzemeck.

Rund sechs Millionen Betroffene

Alleine in Deutschland leiden nach Schätzungen des Deutschen Schwerhörigenbundes rund sechs Millionen Menschen jeden Alters an einem mittel- bis hochgradigen Hörverlust. Um anderen Betroffenen zu helfen, engagiert sich Robert Wellisch als Hörpate (siehe Info-Kasten). „Der Austausch ist wichtig, ich kann anderen, die vor einer Operation stehen, Mut machen. Ich freue mich, dass ich meine Erfahrungen teilen kann“, sagt er. Sein Implantat trägt er mit Stolz. „Ich würde es jederzeit wieder machen. Mein Leben hat sich komplett zum Positiven verändert“, freut sich der Ostracher.