Wie geht es Ihnen, Ihren Mitarbeitern und dem Landkreis?

Wir alle arbeiten mit einer gewissen Anspannung, aber auch immer hochkonzentriert, um alles dafür zu tun, dass wir in unserem Landkreis die Ausbreitung des Virus eindämmen und damit Leben retten. Jeder von uns weiß: nur wenn es uns gelingt, die Beschleunigung des Virus bei uns zu reduzieren, werden wir es schaffen, die Infiziertenzahlen in unseren Krankenhäusern auf einem Niveau zu halten, das es den Ärzten ermöglicht, sich schlussendlich auch noch um jeden Patienten kümmern zu können. Hierfür priorisieren wir unsere Arbeit und hierfür erhöhen wir die Kapazitäten, wo immer nötig.

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Am 4. März hatten wir im Kreis Sigmaringen den ersten Corona-Infizierten. Drei Wochen später sind es fast 400. Wann wurde Ihnen bewusst, dass dies eine solche Dimension annehmen wird?

Als ich die Bilder aus Italien gesehen habe, wusste ich, wie ernst man das Corona Virus nehmen muss. Eine meiner ältesten Freundinnen kommt aus Norditalien, ist selbst an Corona erkrankt und berichtete mir bereits im Februar. Zu diesem Zeitpunkt schien das Virus bei uns noch in weiter Ferne. Als dann Südtirol Ende Februar zum Risikogebiet erklärt wurde, war mir klar, dass es aufgrund der vielen Menschen aus unserer Region, die dort über die Fasnetsferien waren, nicht mehr lange dauern würde, bis die ersten Fälle auch bei uns auftauchen.

Auffallend im Landkreis ist, dass der Heuberg, die Kreisstadt und das Lauchertal überproportional betroffen sind. Haben Ihnen die Experten dafür eine Erklärung geben können?

Wir haben diese Frage bei uns im Verwaltungsstab mit den Experten aus Kliniken, Ärztevertretern, dem DRK, der Polizei, der Bundeswehr, den Gemeinden und den Feuerwehren und natürlich auch bei uns im Haus erörtert. Aber anders, als beispielsweise im Hohelohekreis, gibt es bei uns nicht die eine Veranstaltung, bei der sich viele angesteckt haben. Bei uns scheinen die Infektionsquellen vielfältig. Wichtiger als die Frage des „Woher“ ist für uns aber, dass wir es nach wie vor schaffen, jeden Infizierten zeitnah zu kontaktieren und mit ihm gemeinsam seine engen Kontaktpersonen zu identifizieren, um dann beide (Infizierte und Kontaktpersonen) in Quarantäne zu schicken, um damit die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

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Corona-Testcenter in Hohentengen, Fieberambulanz in Sigmaringen, Notbetten in der Kreissporthalle. In Meßkirch ein leeres Pflegeheim als mögliche Notunterkunft. Was könnte noch kommen?

Gemeinsam mit allen Akteuren im Verwaltungsstab haben wir im Landkreis ein Bausteinkonzept entwickelt, das drei große Blöcke beinhaltet: Vor der Klammer steht unser Wille zu testen, zu testen und nochmal zu testen. Hier leisten die niedergelassenen Ärzte und das Testcenter in Hohentengen großartige Arbeit. Im ersten Baustein steht die Versorgung der Patienten, die leicht erkrankt sind und sich zuhause in Quarantäne befinden, im Mittelpunkt. Hier sind die niedergelassenen Ärzte und die Gemeinden gefordert. Für diese Menschen beabsichtigt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) diese Woche Corona-Schwerpunktpraxen in Ostrach und Bad Saulgau und in Sigmaringen eine Fieberambulanz aufzubauen, damit Menschen mit leichten Symptomen dort medizinisch versorgt werden können. Im zweiten Baustein arbeiten die SRH-Kliniken im Landkreis, die Rehakliniken der Waldburg-Zeil-Gruppe, wie auch die Federseeklinik in Bad Buchau am Ausbau der stationären Versorgung für behandlungsbedüftige Menschen mit und ohne Corona. Als Ergänzung dieses Angebots können hier die Betten in der Kreissporthalle dienen, die wir hoffentlich nie wirklich belegen müssen. Beim dritten Baustein kümmern wir uns um den Ausbau der intensivmedizinischen Kapazitäten, d.h. die Schaffung von mehr Beatmungsplätzen, in Zusammenarbeit mit den beiden Nachbarlandkreisen Ravensburg und Bodenseekreis, der Bundeswehr und dem Land Baden-Württemberg.

Wie hat sich der Arbeitsalltag im Landratsamt verändert?

Gewaltig. Um Bürger und Mitarbeiter zu schützen, haben wir unser Haus für den Publikumsverkehr geschlossen. Die Bürger stehen jetzt mit uns über Telefon oder Mail im Kontakt, und wenn die persönliche Kontaktaufnahme erforderlich ist, werden Termine vereinbart. Über 80 Mitarbeiter arbeiten zwischenzeitlich im Gesundheitsamt – mehr als drei mal so viele, wie vor Corona. Wieder andere Mitarbeiter beantworten täglich mehr als 600 Anfragen von besorgten Bürgern. Unsere IT baut digitale Arbeitsplätze in Lichtgeschwindigkeit auf. Mitarbeiter arbeiten im Schichtdienst mit maximal flexiblen Rahmenarbeitszeiten zwischen 6 Uhr in der Früh und 23 Uhr in der Nacht. Wir entzerren räumlich und richten zusätzliche Home-Office Arbeitsplätze ein. Viele Kollegen leisten Überstunden, manche Bereiche arbeiten sieben Tage die Woche. Und auch bei uns gibt es Kollegen, die an Corona erkrankt sind, deren Arbeitsplätze wir dann wieder mit anderen Kollegen besetzen müssen. Dankbar bin ich all meinen Mitarbeitern, dass wir in dieser Zeit so zusammen stehen, und jeder sein Bestes gibt.

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Sind die SRH-Kliniken, an denen der Landkreis beteiligt ist, auf den „Sturm“ sprich viele Corona-Patienten, den viele Fachleute prognostizieren, vorbereitet?

Die Kliniken tun alles dafür, sich für diesen „Sturm“ zu rüsten. Elektive Eingriffe werden seit zwei Wochen nicht mehr durchgeführt. Die Beatmungskapazitäten wurden binnen einer Woche von 6 auf 10 Plätze erhöht. Aktuell wird an einer weiteren Erhöhung gearbeitet. Die Aufnahme von Patienten wurde neu konzipiert. Die Mitarbeiter werden geschult und weiter gebildet. Gespräche mit den Rehakliniken in Bad Saulgau und Bad Buchau wurden geführt, um die Nachsorge sicher zu stellen. Kurz: die komplette Klinik wird umorganisiert. Als Landkreis unterstützen wir unter anderem in der Beschaffung von Schutzkleidung, und ansonsten wo immer wir können.

Wie ist die Kommunikation mit den Bürgermeistern der 25 Kreisgemeinden?

Seit zwei Wochen treffen wir uns zweimal die Woche in einer Telefonkonferenz. Zudem ist Jochen Spieß als Vertreter aller Bürgermeister im Kreis in der täglichen Besprechung des Verwaltungsstabs mit dabei. Kommunen und Landkreis arbeiten eng zusammen und bilden eine Einheit. Über die unkomplizierte und sehr lösungsorientierte Kooperation und Unterstützung untereinander, bin ich als Landrätin sehr froh und dankbar.

Wie bewerten Sie das Krisenmanagement in Stuttgart und Berlin?

Sowohl in Stuttgart, wie auch in Berlin wird – bei allen Widrigkeiten und aller Dynamik – in meinen Augen gut, überlegt und schnell gehandelt. Auch wenn den Bürgern aktuell mit den Ausgangsbeschränkungen manches zugemutet wird, so überzeugen mich doch die getroffenen Maßnahmen und ich finde, sie werden von den Verantwortlichen in der Politik auch gut erklärt.

Wie hat sich Ihr persönlicher Alltag verändert? Wie lange dauert Ihr Arbeitstag?

Nicht nur bei mir – bei vielen meiner Mitarbeiter und auch bei vielen anderen im Landkreis sind die Arbeitstage derzeit lang. Aber: wir ziehen alle an einem Strang und was mich besonders freut ist, wie gut wir uns im Landkreis vernetzt haben. Angefangen von der Ärzteschaft, über die Kliniken, die Rettungsdienste, die Bürgermeister, die Unternehmen, die uns ihre Hilfe anbieten, die Polizei, die Feuerwehr bis hin zur Bundeswehr, aber auch Bürger, Pflegekräfte und Ärzte kommen direkt auf uns zu und bieten uns ihre Hilfe an. Das motiviert.

Was fehlt Ihnen besonders?

Die persönliche Begegnung mit den Menschen. Es ist schon ein Unterschied, ob man sich treffen kann, oder ob man sich nur am Telefon hört. Und dennoch ist es richtig, persönliche Kontakte zu meiden.

Verändert diese Krise auch persönliche Einstellungen und Lebensüberzeugungen?

Ich denke schon. Man erkennt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Fragen: Siegfried Volk

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