Der leichte Farbunterschied, dazu die unterschiedliche Festigkeit des Bodens – für einen Laien fast nicht wahrnehmbar, für Klaus Dollhupf ein klares Indiz, dass im Erdreich etwas Verborgenes ist. Tatsächlich entdeckt der Grabungsexperte an der Stelle dann Holzkohle, dann verbrannte Knochen und identifiziert den Fund als Brandschüttungsgrab. Die Grabstelle wird erfasst und markiert. Dollhupf ist seit fast drei Jahrzehnten als Grabungstechniker beim Landesdenkmalamt tätig und untersucht derzeit mit seinen Kollegen das Waldgebiet zwischen Otterswang und Kappel. Dort baut die Firma Valet & Ott Kies ab und ist nun in den Abschnitt vorgedrungen, in dem sich vier keltische Grabhügel aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert befinden.

Grabungstechniker Klaus Dollhupf hat zwischen den vier Grabhügeln bislang ein weiteres Grab entdeckt.
Grabungstechniker Klaus Dollhupf hat zwischen den vier Grabhügeln bislang ein weiteres Grab entdeckt. | Bild: Volk, Siegfried

Fürst veranlasste schon erste Grabungen um 1890

Die Begräbnisstätte ist seit vielen Jahrzehnten bekannt, und schon um 1890 veranlasste der Waldbesitzer, sprich der Fürst von Sigmaringen, Ausgrabungen bei den Grabhügeln. Gefunden wurden unter anderem Eisendolche und Bronzeteile. Anstatt auf Schatzsuche hat Klaus Dollhupf einen anderen Auftrag: Rund um die vier bekannten Grabhügelstandorte untersucht er das Gelände, ob dort weitere Gräber sind. Grund sind die unterschiedlichen Begräbnisriten der Vorzeit. So gibt es Standorte, in denen Wohlhabende unter einem Grabhügel beerdigt wurden, und später ringsum Familienangehörige oder Clanmitglieder in die Erde kamen.

Große Ausgrabung dauert mehrere Jahre

Von den Untersuchungsergebnissen hängt auch der weitere Verlauf des Kiesabbaus ab. Sollte Klaus Dollhupf tatsächlich ein großes Gräberfeld entdecken, wird das Landesdenkmalamt womöglich eine große und einige Jahre dauernde Ausgrabung veranlassen. Wenn, außer den vier bekannten Grabhügeln, keine weiteren Funde gemacht werden, entscheidet das Landesdenkmalamt mit der Kiesfirma Valet & Ott über das weitere Vorgehen, wobei die vier Gräber auf jeden Fall gesichert werden.

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Unternehmen muss Bergung der Gräber bezahlen

Sollte das Unternehmen das darunter liegende Kiesvorkommen ausbeuten wollen, müsste die Firma die Grabbergung bezahlen, was nach Angaben von Valet&Ott-Geschäftsführer Helge List rund 700 000 Euro kosten würde. Verzichtet seine Firma auf den Abbau dieses Abschnittes, der 800 000 Tonnen Kies bergen soll, dann bleibt das Areal ungenutzt und wird eventuell für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In einigen Wochen fällt dann die Entscheidung über das weitere Vorgehen, bestätigt Helge List: „Die Hügelgräber werden aktuell vom Landesdenkmalamt weiter erkundet, um feststellen zu können, wie umfangreich und wie kostenintensiv eine Hebung der Gräber wäre“, bestätigt der Geschäftsführer.

Mächtige Gruben entstehen beim Kiesabbau im Waldgebiet zwischen Otterswang und Kappel. Die im Trockenabbau entstandenen „Löcher“ müssen entsprechend dem Rekultivierungsplan wieder aufgeforstet werden.
Mächtige Gruben entstehen beim Kiesabbau im Waldgebiet zwischen Otterswang und Kappel. Die im Trockenabbau entstandenen „Löcher“ müssen entsprechend dem Rekultivierungsplan wieder aufgeforstet werden. | Bild: Volk, Siegfried

„Deutschland ist eine Kulturnation“

Das Grabungsteam wird noch bis Ende der Woche im Otterswanger/Kappler Wald die Erde untersuchen, Fundstellen einmessen und digital erfassen. Dazu wird von einem Bagger ein vier bis acht Meter breite Suchschnitte freigelegt, das heißt die obere Humusschicht abgetragen, damit das Denkmalteam das Erdreich in Augenschein nehmen kann. Bislang wurde nur ein weiteres Grab entdeckt. Auf die SÜDKURIER-Frage, ob es überhaupt noch wichtig sei, was Vorfahren vor tausenden Jahren getrieben haben, antwortet Grabungsexperte Dollhupf mit Ernst: „Deutschland ist eine Kulturnation, und diesem Anspruch sollten wir auch gerecht werden.“ Einen Schatz hat der sympatische Mann übrigens noch nicht entdeckt, dafür eine goldene Münze, die auf dem Mund eines Toten lag, als er bei einer Grabung in Sindelfingen auf römische Spuren stieß.

Rettungsgrabungen und Kostenbeteiligung

Landesamt für Denkmalpflege

Nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedete Südbaden im Juli 1949 das erste badische Denkmalschutzgesetz. Mit der Verwaltungsstrukturreform des Landes wurde das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg am 1. Januar 2005 aufgelöst und in die vier Regierungspräsidien eingegliedert und 2014 wurde die Organisation durch die Bildung eines Vor-Ort-Präsidiums im Regierungspräsidium Stuttgart neu geordnet. Damit einher ging der Erlass eines neuen Denkmalschutzgesetzes. Grundsatz ist die denkmalpflegerischer Arbeit, Denkmale als Zeugnisse vergangener Zeiten und Kulturen zu erhalten. Dokumente sollen möglichst unverfälscht in ihrer vorhandenen Substanz gesichert und an nachfolgende Generationen als „echtes“ Kulturerbe weitergegeben werden. Der Hauptsitz der Behörde ist in Esslingen.

Rettungsgrabungen

Der Großteil der im Land durchgeführten archäologischen Untersuchungen sind so genannte Rettungsgrabungen, die teilweise unter erheblichem Zeitdruck stattfinden. Rettungsgrabungen werden im Vorfeld von Baumaßnahmen nötig, wenn aus Gründen der Zumutbarkeit keine Erhaltung der archäologischen Fundstelle gefordert werden kann. Dabei reicht die Bandbreite von kleinen Einzelbaumaßnahmen bis hin zu großen Bau- und Infrastrukturmaßnahmen, wie beispielsweise die Erschließung von Gewerbegebieten, Fernstraßenbau oder Pipelinetrassierungen.

Planungsberatung

Archäologische Untersuchungen werden vor allem dort notwendig, wo durch die Umsetzung von Bebauungsplänen Bodeneingriffe notwendig werden und wo mit archäologischen Zeugnissen im Boden gerechnet werden muss. Der ungestörte Verbleib des Denkmals im Boden ist das vorrangige Ziel der Denkmalpflege.

Voruntersuchungen

Ist eine Umplanung nicht möglich, regt das Landesamt an, rechtzeitig vor der Erschließung beziehungsweise den Baumaßnahmen archäologische Voruntersuchungen durchzuführen. Damit soll festgestellt werden, ob, und in welchem Umfang Rettungsgrabungen notwendig sind. Auf dieser Grundlage werden Dauer und Kosten eventuell erforderlicher Maßnahmen kalkuliert. Inzwischen werden Prospektionen regelmäßig im Rahmen des Pilotprojekts flexible Prospektion durchgeführt. Ähnlich wie in anderen Bundesländern wird auch in Baden-Württemberg das Veranlasserprinzip angewendet. Das bedeutet, dass Investoren und Vorhabenträger im Rahmen des Zumutbaren an der Finanzierung der Prospektionen beteiligt werden. (siv)

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