Herr Reichle, Sie wurden im Oktober 2019 ins Amt gewählt. Gleich in ihrem ersten Jahr galt es, neben den „üblichen“ Amtsgeschäften auch noch die Corona-Krise zu meistern. Wie schwierig war das für Sie?

Diese Krisenerfahrungen haben wir ja alle nicht mehr und somit waren wir – denke ich – alle auf demselben Stand. Was mir sehr geholfen hat, waren die regelmäßigen Telefonkonferenzen, die wir geschaltet haben, einmal pro Woche mit den anderen Bürgermeistern und Landrätin Stefanie Bürkle, um Dinge gemeinsam abzustimmen. Da haben mir die Profis unter den Bürgermeistern, die ihr Amt schon lange ausüben, zusammen mit dem Gesundheitsamt wertvolle Tipps gegeben. Diese Telefonkonferenzen machen wir bis heute.

Wie hat sich das Infektionsgeschehen in Illmensee entwickelt?

Wir hatten zum Glück bislang keine hohen Zahlen. Derzeit sind es sechs infizierte Bürger (Stand: 20. Dezember).

Hatten Sie das Gefühl, dass die Bürger hier vernünftig agieren in der Pandemie?

Unsere Bürger haben sich in sämtlichen Bereichen sehr vernünftig verhalten. Die Abstimmung mit Kindergarten und Schule war natürlich eine Herausforderung in dieser Zeit. Gerade als Träger hatten wir beim Kindergarten Storchennest viele neue Bestimmungen umzusetzen. Die Rektorin der Grundschule, Sabine Fausel, hat sich immer schon frühzeitig umgeschaut und reagiert. Als es etwa am Freitagmittag hieß, dass die Schulen ab Dienstag geschlossen würden, da war sie gut vorbereitet und konnte die Schüler gleich mit Unterrichtsmaterialien für das Homeschooling versorgen.

Wie groß war dann die Enttäuschung bei der Schulleitung, als die beschlossene Erweiterung und der Umbau des Schulhauses in Illmensee, ein Projekt, das die Gemeinde schon seit vier Jahren beschäftigt, aus Kostengründen zunächst einmal geplatzt ist?

Ich hatte Sabine Fausel im Vorfeld ja schon eingeweiht und ihr erklärt, dass wir das Projekt im Moment von der Schiene nehmen müssen. Das geht nicht, weil es zum einen finanziell nicht möglich ist, zum anderen, weil nicht alle Themen geklärt sind, die zwingend im Vorfeld behandelt werden müssen. Das habe ich mit ihr abgestimmt und dabei deutlich gemacht, dass wir die Schule nicht im Regen stehen lassen werden. Die Schule erfährt ihren Umbau, wir müssen nur genau schauen, in welcher Ausführung dies möglich sein wird. Im Moment laufen Gespräche zwischen allen Beteiligten.

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Beim Kindergarten hat der Gemeinderat kräftig an der Gebührenschraube gedreht. Dabei ging es aber auch darum, zeitgemäße Betreuungsmöglichkeit anzubieten.

Die Eltern haben mir zu Beginn meiner Amtszeit gesagt, dass sie eine weitere Krippe brauchen. Mit dieser Aufgabe bin ich gestartet. Als ich hier losgelegt habe, habe ich gemerkt, es gibt weitere Baustellen. Wir brauchten nach Jahren zunächst einmal wieder fundierte Zahlen, es musste ein Kindergartenbedarfsplan ermittelt werden. Auf Grundlage dieser Zahlen haben wir entschieden, dass die zweite Krippe möglich ist. Dazu gehört aber auch, dass dies finanzierbar ist, wir hatten die vergangenen zehn Jahre ja die Gebühren nicht erhöht. Gleichzeitig waren die Betreuungsformen und Zeiten nicht verändert worden. Das haben wir jetzt getan, denn es war wichtig, die Einrichtung den aktuellen Bedürfnissen anzupassen.

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Der höhere Arbeitsaufwand durch die Pandemie und der intensivere Kontakt zu Schulen und Kindergärten hat sicher dazu geführt, dass Ihr erstes Jahr als Bürgermeister sehr arbeitsintensiv war?

Das alles nimmt natürlich viel Zeit in Anspruch. Mir ist es aber wichtig, unseren Einrichtungen gerade in Zeiten des Umbruchs beizustehen. Ich habe für mich gesagt, dass es jetzt einfach so ist, dass bestimmte Bereiche zwingend sauber aufgestellt werden müssen. Wenn sie dann einmal stehen, dann werde ich mich wieder mehr zurücknehmen können.

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Wie hat sich die Zusammenarbeit im Rathaus entwickelt? Bei ihrem Vorgänger gab es ja auch einige Konflikte.

Die Zusammenarbeit ist sehr gut. Es macht Spaß, hier zu arbeiten und jeder kann sich auf den anderen verlassen. Wir arbeiten Schulter an Schulter. Um bei der Verwaltung einer so kleinen Kommune erfolgreich zu sein, bedarf es einer engen Zusammenarbeit aller Mitarbeiter. Das ist eine Grundvoraussetzung.

Das Miteinander mit dem Gemeinderat wirkt von außen sehr entspannt.

Mir war es von Anfang an wichtig, die Räte bei allen Entscheidung mit ins Boot zu nehmen sowie frühzeitig und umfassend zu informieren. Das ist in der Vergangenheit leider nicht immer passiert, deshalb stimmen wir viel ab, um das Vertrauen zur Verwaltung wieder aufzubauen, das über Jahre hinweg nicht mehr vorhanden war.

Jetzt steht ja eigentlich die Fasnet an. Blutet Ihr Herz als ehemaliger Zunftmeister wegen der aktuellen Situation durch Corona?

Es ist alles auf den Kopf gestellt. Der Narrenverein agiert vorsichtig und das ist richtig so. Geplant sind kleine Aktionen, wie die Reaktivierung des Narrenblättles. In den 70-er Jahren hatte das Narrenblatt in Illmensee einen hohen Stellenwert. Das ging irgendwann verloren. Es ist schön, dass das jetzt wieder belebt werden soll.

Wie sieht die Situation bei den privaten Bauplätzen aus?

Zwei Gebiete werden derzeit alternativ geprüft für neue Bauplätze. Wir brauchen unbedingt Entwicklungsmöglichkeiten, die Nachfrage ist groß. Das Neubaugebiet „Im Grund“ ist komplett besetzt.

Viel Wirbel gab es wegen der Situation am Ruschweiler See. Wie ist der aktuelle Stand?

Die klaren Regeln, die es in diesem Bereich bereits gibt, müssen besser kommuniziert werden. Es muss offenliegen, wo gebadet werden kann und wo nicht. Mit dem Regierungspräsidium ist abgesprochen, dass wir eine Tafel aufstellen mit Informationen zum Baden, aber auch zu den Naturschutzbestimmungen am Ruschweiler See.

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Und wie sieht es am Ilmensee aus?

Wir haben mit dem Pächter abgestimmt, dass es keinen Zaun direkt am Wasser mehr gibt. Alternativ ist alles mit Hinweistafeln versehen, sodass wir auch haftungstechnisch abgesichert sind. So haben die Bürger die Möglichkeit, den See zu nutzen, und sie wissen, dass sie dies auf eigene Gefahr tun.

Was sind Ihre Ziele für das Jahr 2021?

Wichtiges Ziel ist für mich, mit dem Gemeinderat ein Gemeindeentwicklungskonzept auf die Beine zu stellen. Da spielen viele Themen eine Rolle, etwa das Seefreibad, die bessere Aufstellung der Gemeinde als Tourismusregion oder auch die Schaffung von E-Ladesäulen in Illmensee, die es bislang noch nicht gibt. Statt viele kleine Baustellen aufzumachen, möchte ich das große Ganze betrachten und Prioritäten abstimmen. Ich habe das komplette Jahr gebraucht, um mir einen Überblick darüber zu verschaffen, wo Illmensee gerade steht und welche Baustellen es gibt. Wichtige Themen im neuen Jahr werden auf jeden Fall der Breitbandausbau und die Wasserversorgung mit einem zentralen Hochbehälter auf dem Birkhof sein.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für das kommende Jahr?

Mein Wunsch ist, dass das, was uns vor allem im zwischenmenschlichen Bereich lieb und teuer ist, im nächsten Jahr wieder möglich sein wird, wenn die Pandemie hoffentlich in den Griff bekommen werden kann.