Wer auch immer im nächsten Jahr das Glück oder das Pech haben wird, vor das hochlöbliche Streckgericht zitiert zu werden, der muss sich gewaltig anstrengen, will er den Narren ein ähnliches Spektakel bieten, wie man es am Donnerstagabend auf dem Marktplatz erleben konnte. Feuerwehrkommandant Dieter Müller hatte eine ganze Menge aufgeboten, um die Gerichtsverhandlung zu einem Spektakel der Extraklasse werden zu lassen. Vom Doppelgänger, über einen Feuerteufel (Patricia Quecke spuckte sogar echtes Feuer), der umfunktionierten Drehleiter bis zu jeder Menge Blaulichter und Martinshörner fehlte nichts.

Feuerteufel Patricia Quecke (Mitte) ist im wahren Leben Feuerwehrfrau. Da ist das Feuerspucken dann verboten.
Feuerteufel Patricia Quecke (Mitte) ist im wahren Leben Feuerwehrfrau. Da ist das Feuerspucken dann verboten. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Traditionell wird der Angeklagte auf einem Schinderkarren durch die Innenstadt gefahren. Und das natürlich begleitet von der Stadtmusik und vielen Menschen in Nachthemden und Schlafanzügen, die man „Hemdglonker“ nennt.

Der Hemdklonkerumzug ist in Pfullendorf eine sehr alte Tradition.
Der Hemdklonkerumzug ist in Pfullendorf eine sehr alte Tradition. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Doch warum hatte der Kommandant im Käfig eine Gasmaske auf? Musste ein terroristischer Angriff erwartet werden? Ganz im Gegenteil. Die große Zuschauermenge auf dem Marktplatz erwartete ein Frontalangriff auf die Lachmuskeln und ein Großeinsatz der Rettungskräfte. Auch das Rätsel mit der Gasmaske wurde hier gelöst: Es war nicht Dieter Müller, der da auf dem Schinderkarren herangefahren wurde, es war Abteilungskommandant Markus Müller aus Schwäblishausen.

Ein Himmelsbote in der Nacht: Feuerwehrkommandant Dieter Müller schwebte als Unschuldsengel auf den Marktplatz. Wozu so eine Drehleiter doch praktisch sein kann. Schon wieder ein Fall von Amtsmissbrauch?
Ein Himmelsbote in der Nacht: Feuerwehrkommandant Dieter Müller schwebte als Unschuldsengel auf den Marktplatz. Wozu so eine Drehleiter doch praktisch sein kann. Schon wieder ein Fall von Amtsmissbrauch? | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Da war doch selbst das hohe Gericht verwundert. Sollte Dieter Müller sich der Anklage entzogen haben? Von wegen! „Den Falschen habt ihr in den Schinderkarren gezerrt“, tönte es vom Rathausbalkon. Dort stand der Angeklagte putzmunter als „Unschuldsengel“. Und als solcher schwebte er dann auf den Marktplatz herunter. Da Müller bekanntlich nicht fliegen kann, nutzte er die Drehleiter der Feuerwehr als Hilfsmittel und hatte auch bereits Hilfstruppen organisiert. Mit Blaulicht und Martinshorn kamen Feuerwehr, DRK und Polizei auf den Marktplatz gefahren. Dieser närrische „Großeinsatz“ konnte aber Ankläger Oliver Ritter nicht beeindrucken. Amtsmissbrauch und das ständige Fehlen bei den Martinisitzungen der Stegstrecker seien nicht tolerierbar. Weil er den Feuerwehrausflug auf den 11.11. gelegt habe, konnte er „ganz legal“ der Sitzung fernbleiben, verteidigte Müller sich. „So wie all die Jahre auch zuvor, wer zu Martini geht, ist ein Tor, bibbernd und frierend im kalten Bindhaus, da halt ich mich lieber ganz vornehm raus“, machte der Kommandant deutlich.

Jede Menge Unterstützung gab es für den Anklagen Kommandanten und dazu viel Blaulicht und Martinshörner.
Jede Menge Unterstützung gab es für den Anklagen Kommandanten und dazu viel Blaulicht und Martinshörner. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Dass die Feuerwehr keine Umzüge mehr absperrt, das war dem Ankläger sauer aufgestoßen. „Man stellt sich einen Fasnetmäntig vor, die Stegstrecker sperren ab, das närrische Publikum aber nix mehr zum Gucken hat. Denn alle Narren stehen bei der angebrachten Umzugsabsperrung, und koiner juckt me auf den Stroßa rum“, präzisierte Ritter mit strenger Miene und erhobenem Zeigefinger. Wer nichts könne außer Narrenmarsch, der sei halt gleich total im Arsch, verteidigte sich Müller. Und zudem könne man ja zur Feuerwehr gehen, wenn man mit dem Leben als Narr nicht mehr zufrieden sei.

Viel Volk, Blaulicht und Martinshorn: Das Streckgericht war wieder einmal ein herrliches Spektakel.
Viel Volk, Blaulicht und Martinshorn: Das Streckgericht war wieder einmal ein herrliches Spektakel. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Doch der Ankläger hatte noch mehr parat. Neue Fahrzeuge für die Feuerwehr und einen SUV als Kommandofahrzeug, das man auch als Hausfrauenpanzer oder Penisverlängerung kenne, das sei eine absolute Schande, wo die Stadt doch sparen müsse. Der Angeklagte wollte das so nicht stehen lassen und zeigte auf dem Narrenbrunnen, der den städtischen Haushalt wegen der vielen Reinigungskosten stark belaste. Er jedenfalls fühle sich in seinem neuen Statussymbol sauwohl. Den Vorschlag von Richter Andreas Narr, die Feuerwehr könnte doch den Narrenbrunnen ab und zu ausspritzen, überhörte Müller vermutlich ganz bewusst. Stattdessen gab es Kritik an den Hexen. Müller: „Außer Feinstaub kommt bei mir nichts raus. Der Hexenkarren aber, stinkt wie ein Scheißhaus.“ Auch die Kritik, dass er immer im Mittelpunkt stehen wolle, perlte an ihm ab wie Spritzwasser. „Ein Showauftritt hier und da macht schon vieles klar. Die Feuerwehr ist einfach nur geil. Da gehen wir mit, und zwar ganz steil“, konterte der Mann mit dem goldenen Feuerwehrhelm.

Joe Heim machte mächtig Stimmung gegen den Angeklagten.
Joe Heim machte mächtig Stimmung gegen den Angeklagten. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Richter Narr hatte „selten einen solch selbstherrlichen Schurken gesehen“ und wollte keinerlei Einwände zur Verteidigung gelten lassen. Das Urteil war unausweichlich: „Henker streck ihn, mach ihn länger als lang, damit man danach eine Feuerwehrleiter einsparen kann.“ Da nütze der Antrag auf Freispruch nun gar nichts und Müller musste auf die Streckbank. Sicher hatte Joe Heim einen großen Anteil an dem harten Urteil. Er hatte aus dem Publikum heraus Müller mit allerlei badischen Schimpfwörtern beworfen und immer wieder lautstark darauf hingewiesen, dass man „diesen Dreckseckel“ zum Tode verurteilen müsse.

Zum Schluss veträgt man sich wieder: Ankläger Oliver Ritter, der Straftäter Dieter Müller und Richter Andreas Narr (von links) sangen gemeinsam das Feuerwehrlied und dann natürlich den Narrenmarsch.
Zum Schluss veträgt man sich wieder: Ankläger Oliver Ritter, der Straftäter Dieter Müller und Richter Andreas Narr (von links) sangen gemeinsam das Feuerwehrlied und dann natürlich den Narrenmarsch. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Gar so hart fiel das Urteil nun nicht aus und als Dieter Müller, nun um geschätzte 30 Zentimeter größer, dann endlich den Stegstreckerkittel anziehen durfte, da vertrugen sich alle wieder bestens und man sang gemeinsam das Feuerwehrlied.

Streckgericht

Erstmals 1986 wurden Prominente vor das närrische Tribunal geladen. Mehrere Bürgermeister, Abgeordnete und Vereinsobere mussten sich dem Richterspruch beugen. Anfangs wurde immer gleich mehrere Angeklagte verurteilt. Seit 1993 trifft es in jedem Jahr nur noch eine Person des öffentlichen Lebens. Bislang standen nur zwei Frauen (Gisela Franke 2010 und Roswitha Hofmann 2015) vor dem Streckgericht.