Der Bunsenbrenner ist erloschen; das chemische Experiment beendet. Die Schüler der 10. Klasse der Realschule konnten sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie durch Erhitzen des Glühweins Alkohol und Wasser getrennt wurden. Jetzt heißt es, sich beim Schreiben des Versuchsprotokolls an Details zu erinnern. Wie war das noch mit den Siedepunkten? Statt wie früher im Heft nachzuschlagen, lesen sich die jungen Erwachsenen ihre Notizen durch, die sie auf dem iPad gemacht und gespeichert haben.

Kamera zeichnet Chemie-Versuch auf

Das digitale Klassenzimmer bietet noch mehr: Der Versuch wurde von der Kamera aufgezeichnet und Lehrer Michael Reiser spielt vorne auf dem Smartboard den Film zum Mitschreiben ab. Das Smartboard – vereinfacht ausgedrückt, eine mit Laptop oder iPad verbundene, elektronische Tafel – erweist sich als Multitalent. Ob Arbeitsblätter, Lösungen, Filme – all das kann angezeigt werden.

Lehrer Michael Reiser zeigt auf dem Smartboard einen Film vom gerade eben durchgeführten Chemie-Versuch.
Lehrer Michael Reiser zeigt auf dem Smartboard einen Film vom gerade eben durchgeführten Chemie-Versuch. | Bild: Stefanie Lorenz

Lehrer Reiser kann das Board mit Fingerberührungen benutzen und mit Stiften können direkt auf dem Board Notizen auf Arbeitsblättern eingetragen werden. Sogar mit der bloßen Hand können Notizen entfernt werden – ohne Kreide an den Fingern. Auch das Mikroskop im Chemieraum ist digital und so muss keiner nach vorne laufen, sondern das, was untersucht wird, wird an der Tafel angezeigt.

Tests werden auf Papier geschrieben

Derweil wird in der Parallelklasse ein Mathematik-Test korrigiert. Deshalb liegen jetzt neben den iPads Blätter auf den Schultischen, denn Klassenarbeiten müssen auch in Zeiten der Digitalisierung auf Papier geschrieben werden. Vorne auf das Smartboard hat Lehrer Franz Stopper von seinem iPad aus die Lösungen gestreamt und eine Schülerin greift zu ihrem Gerät, um ein Foto davon zu machen.

Schülerin Hanna Waschull fügt direkt auf dem Smartboard eine Notiz in ein gestreamtes Arbeitsblatt ein.
Schülerin Hanna Waschull fügt direkt auf dem Smartboard eine Notiz in ein gestreamtes Arbeitsblatt ein. | Bild: Stefanie Lorenz

Sie könnte auch abwarten, bis der Lehrer das Bild von der Parabel an der Tafel geteilt hat, sodass jeder die Lösung auf seinem iPad findet. Vorbei sind die Zeiten, als die Lösung handschriftlich ins Heft übertragen werden musste. Wobei im Mathematik-Unterricht die Hefte trotzdem zum Einsatz kommen, etwa wenn die Schüler Geometrieaufgaben lösen. „Wir können ja nicht mit dem Zirkel in den Bildschirm stechen“, schmunzelt Stopper.

Schulstoff wird auf Smartboards gestreamt

Seit diesem Schuljahr sind die 10. Klassen der Realschule voll digitalisiert, Schüler und Lehrer arbeiten mit iPads. Der Schulstoff wird im Unterricht kabellos auf die Smartboards gestreamt; ihre Hausaufgaben teilen die jungen Erwachsenen auf der Nextcloud. „Sie können bei Projekten auch gleichzeitig in einer Cloud arbeiten“, schildert Stopper die Gruppenarbeit ohne gemeinsames Treffen. Auf den digitalen Tafeln kann der Unterrichtsstoff durch Videos, etwa von Youtube, ergänzt werden. Bei der Ausgabe der iPads hat die Schule einen Vertrag mit Bedingungen für deren Nutzung verfasst, wie Rektor Holger Voggel erläutert.

Das könnte Sie auch interessieren

„Zum Beispiel sind die Schüler dafür verantwortlich, dass das Gerät geladen ist, und sie müssen dafür Sorge tragen, dass es in Pausen und während des Sportunterrichts im abgeschlossenen Raum untergebracht ist“, schildert der Schulleiter. Die Schüler können selbst keine Apps herunterladen, dürfen aber in ihrer Freizeit das Internet und E-Mail-Programme nutzen. „Die Hoheit über die Geräte haben die Lehrer, sie können diese auch sperren, wenn es nötig ist“, stellt Voggel klar.

Florian Marquart, Lehrer und Netzwerkadministrator, freut sich über den neuen Informatikraum, hier den 3-D-Drucker.
Florian Marquart, Lehrer und Netzwerkadministrator, freut sich über den neuen Informatikraum, hier den 3-D-Drucker. | Bild: Stefanie Lorenz

Mit der Umstellung sind die Schüler gut zurechtgekommen. „Durch das Handy bin ich den Umgang mit solchen Geräten gewohnt“, sagt etwa Vanessa Biskup. Technisch gebe es kaum Probleme, nur wenn Updates auf den iPads ausgeführt werden, dann könne man sie kurzfristig nicht benutzen. Klassenkameradin Wiktoria Sawicka freut sich, dass die Schüler nicht mehr so viel schleppen müssen, denn auch die Bücher sind digital abrufbar. „Und man hat nicht mehr so viele lose Blätter“, sagt sie. Dass der Lehrer Arbeitsblätter direkt auf das Gerät schickt und so auch diejenigen, die krank waren, direkt Zugriff darauf haben, nennen Shirin Klee und Andrea Tataj als weiteren Vorteil.

Eltern haben einen eigenen Zugang

Auch die Eltern profitieren von der Digitalisierung. „Sie haben einen eigenen Zugang und können Kinder dort direkt krank melden“, schildert Schülerin Hanna Waschull. Klassenkameradin Elvira Jashari ergänzt, dass die Eltern nachschauen können, welche Hausaufgaben zu erledigen sind. Dass die Schüler fit werden im Umgang mit digitalen Geräten, die später zum Berufsalltag gehören, ist Rektor Voggel und dem Kollegium wichtig.

Eine Schülerin fotografiert mit ihrem Gerät ein Lösungsblatt auf dem Smartboard ab.
Eine Schülerin fotografiert mit ihrem Gerät ein Lösungsblatt auf dem Smartboard ab. | Bild: Stefanie Lorenz

Tamara Neusch erzählt, dass sie beim Praktikum bei einem Architekten ihre Aufzeichnungen digital erledigt hat. Gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen Hanna Haas und Celina Jäger weist sie darauf hin, dass die neue Technik umweltfreundlich sei, da weniger Papier sowie Tinte für Ausdrucke und Kopien verwendet werde. Die Frage, ob jetzt höhere Stromkosten entstehen, verneint Holger Voggel. „Wir haben auf LED-Technik umgestellt und die Stromkosten für die früher verwendeten Beamer fallen weg“, erläutert er.

Klasse dreht einen Werbespot

Franz Stopper, der mit Florian Marquart Netzwerkadministrator ist, hebt die Möglichkeiten der neuen Technik hervor. Mit einer 5. Klasse vertont er ein Gedicht und in der 10. Klasse wird ein Werbespot gedreht. Im neuen Informatikraum zeigt Marquart den 3-D-Drucker und was damit alles entstanden ist. Er betont, dass es bei der Digitalisierung nicht darum gehe, möglichst viele Geräte anzuschaffen, sondern ein sinnvolles pädagogisches Konzept für den Umgang damit aufzustellen. Noch in den Startlöchern stehe eine Informatik-AG.

Stundenkontingent ist gering

Nur zwei Stunden sind das Kontingent, welches das Land den Lehrern an einer Realschule als Administratoren pro Woche zur Verfügung stellt. Das reicht nicht aus, aber zum Glück bereitet es den beiden Freude, ihre Zeit in die Digitalisierung zu stecken. „Wir machen es gerne, wir sind so ein bisschen Nerds“, schmunzelt Marquart.