Bis Ende der 50er-Jahre wurde im Pfrunger-Burgweiler Ried eine alte Handwerkskunst gepflegt: das Torfstechen. Viele Landwirte nutzten Torf, um zusätzliches Brennmaterial für den Winter zu gewinnen. Torf ist eine organische Ablagerung, die in Mooren entsteht. Getrocknet ist der Torf brennbar. Er bildet sich aus der Ansammlung nicht oder nur unvollständig zersetzter pflanzlicher Substanz und stellt die erste Stufe der Inkohlung, also der Entstehung von Kohle, dar. Als "trostlose Wüste" bezeichnet wurde das Ried im 19. Jahrhundert, als im Auftrag des württembergischen Königs Wilhelm II. Siedler das Ried urbar machen sollten. Als allerdings im 20. Jahrhundert Fabrikanten dem Moor "auf den Grund" gingen, um industriellen Brenntorf zu gewinnen, sagten sich die Anwohner: "Das können wir auch" und begannen mit dem Torfstehen von Hand. Zur Zeit der Jahrhundertwende wurden die Flächen vermessen und konnten erworben werden.

Im Ried sind verschiedene Moorarten vorhanden. Das langfaserige Hochmoortorf war als Brennmaterial nicht so gut geeignet. "Den besten gab es in den Spöcker Fohren, dem Randgebiet der Hornung", kennt sich Josef Unger noch aus. Begonnen hat man mit dem Torfstechen nach den Eisheiligen im Mai. "Wenn ein Stück Torf einen Frost bekam, brach es auseinander", so Unger. Vor Beginn des Stechens musste die vorgesehene Fläche "abgeräumt" werden. Das bedeutet, dass die Oberschicht bis zu etwa 30 Zentimeter Tiefe abgetragen wurde, um an die Torfschicht zu gelangen. Das anfallende Räumgut wurde dazu eingesetzt, die Stichgrube des vorigen Jahres aufzufüllen und diese so zu rekultivieren. "Auf abgestochenen Flächen wuchsen durch Samenflug schon bald Birken. Zum Teil wurden sogar Erlen und Fichten gepflanzt", so der Landwirtschaftsmeister.

Hierzulande ist der Begriff "Wasen" für Torf ebenfalls gebräuchlich. Zum Stechen gab es ein "Wasenspätle", ein Spaten, der einen Wasen in der Größe von etwa zehn auf zehn Zentimetern und einer Länge von 30 Zentimetern ergab. Einer hat den Wasen gestochen, ein anderer musste diesen an der Aufbockstelle auffangen und daraus einen Wasenbock errichten. Dazu wurden zwei Wasen nebeneinandergelegt, die nächsten zwei quer darüber bis zu einer Höhe von zehn Wasen. "Mit einem Pferde-, Kuh- oder Traktorgespann oder einem einrädrigen Schubkarren wurde dieser abgefahren und auf der Wiese aufgeschichtet", erzählte Unger weiter. "Mein Vater hat sogar eine Schnur gespannt, damit es gerade wurde." Etwa zehn Schichten wurden aufeinandergesetzt und später wurde alles "umgebockt". "Das sagte man, wenn die trockenen Schichten etwa sechs Wochen später nach unten kamen und die nassen nach oben", so der Experte.

Josef Ungers Familie hatte einen Wasenstich von 56 Ar. "Mit dem Torfstechen sind wir groß geworden", erinnerte er sich an seine Kindheit. "Die Auflassung von Torfstichen ist von 1909, ich kenne das nun 90 Jahre." Das Wasenstechen ging pro Saison etwa eine Woche und ein Wasenstecher schaffte am Tag etwa 10 000 Stück. "Alois Zoll schaffte 12 000", merkte er anerkennend an. "Es gab einen regelrechten Wettbewerb", verriet Unger. "Wer Schöne gestochen hat, wurde gelobt, wenn einer keine Schönen hatte, sagte man, er hätte 'Landjäger' gestochen", lachte er.

Großen Spaß bereitete ihm beim Torfstechen der Austausch in der Mittagspause. "Dann lief man über das Feld und fragte die anderen, wie viel sie schon haben. Das war eine wunderbare Sache, wenn 5000 schon fertig waren, da hat man sich gefreut." Über das ganze Ried waren Hütten verteilt, die zur Torfaufbewahrung dienten und ihren Dienst als Raststätte erfüllten. Neben den Birken, die auf den gestochenen Wasenflächen zu wachsen begannen, sind die Hütten die letzten Hinweise, die an diese Zeit erinnerten. Und das Schicksal der Birken wurde mit der Wiedervernässung des Rieds besiegelt. "Wir sind nicht nur wegen des Torfs mit dem Ried ganz eng verbunden. Wir haben das Ried geschätzt und auch geschützt." Heute ist es, wie wenn nichts gewesen wäre: "Nach wenigen Jahren hat man nicht mehr gesehen, dass dort einmal Torf gestochen wurde."

Damals und heute

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"Zum Backen wollten die Frauen keinen Torf"

Billiges Brennmaterial zum Heizen: Für den Landwirt Karl König war es etwas Tolles, wenn die Eltern im Ried zum Torfstechen waren und er als Kind folgende Einladung hörte: „Kommt nach der Schule ins Ried, wir haben das Essen dabei!“. „Das war für uns eine Freude, das war regelrecht eine Sensation, dabei zu helfen“, erinnert sich der 85-Jährige. „Im Ried war zur Heuernte wahnsinnig viel los, einmal sind bis zu 400 Leute gezählt worden.“ Als Grund für den bäuerlichen Torfstich nennt er die billige Heizmöglichkeit über das Holz hinaus. „Zum Anheizen nahm man Holz, danach legte man Wasen auf“, erzählt er weiter. „Wenn der Torf trocken war, holte man ihn heim und beheizte damit die Öfen und Dampfmaschinen. Nur zum Brotbacken wollten die Frauen den Torf nicht, da schmeckte das Brot komisch“, lächelt er über die Grenzen des Torfs. Je nach Bedarf waren etwa 30 000 bis 40 000 Wasen pro Saison notwendig, um gut warm über die Runden zu kommen. „Es hat nichts gekostet, weil es ja Eigentum war.“

Torfhütten: Nahezu jedes Haus hatte seinen Torfstich und heute seien die Eigentümer auf der ganzen Welt verteilt, da die Grundstücke vererbt wurden. Die Eigentümerverhältnisse gingen damals schon bis Ravensburg und Wangen. „Und wenn eine Tochter in einen anderen Ort geheiratet hat, hat man ihr einen Wasen mitgegeben.“ Fast jeder, der Torf stach, hatte eine Hütte auf dem Grundstück. „Dort wurde der Torf getrocknet, aber es war auch ein guter Platz für eine Vesper“, erklärt er die Nutzungsvielfalt. „Diese Torfhütten waren charakteristisch fürs ganze Ried.“ Heute zerfallen sie bis zur Unkenntlichkeit.

Kommerzielle Nutzung: „Ende der 50er-Jahre hat man damit aufgehört, es ging schleichend“, fährt König fort. „Irgendwann kamen die Heizungen und die waren für eine Torfbefeuerung nicht mehr geeignet.“ Als Folgekultur des Torfstechens seien viele Birkenwälder entstanden. „Auf dem offenen Boden kamen Birkensamen angeflogen und teilweise wurden Erlen angepflanzt.“ Teilweise haben Kleinlandwirte auch Torf verkauft, „aber die ganze industrielle Torfgewinnung hat sich nie gelohnt.“ Diese wurde 1928 komplett stillgelegt, nachdem 1912 Robert Bosch das Ried erwarb. „Ich erinnere mich noch, dass mir mein Vater vom Ersten Weltkrieg erzählte, dass die Franzosen im Ruhrgebiet Kohle geholt haben und Bosch heizte mit dem Torf aus dem Burgweiler Ried.“

Das Ende des Torfabbaus: Von 1910 bis 1912 war der Fabrikant Heinrich Otto aus Stuttgart Besitzer der Torfwerke Ostrach und Pfrungen Ried. Er erwarb auch die Torfstreufabrik und erweiterte das Torfbrikettwerk. Doch sein Interesse am Torfgeschäft erlosch und er verkaufte 1912 an Bosch, der vermutlich als Jagdgast das Pfrunger Ried kennengelernt hat. „Der Kauf des Rieds hat vermutlich erst Ordnung ins System hereingebracht“, spekuliert König. Die Verladehalle für den Torf stand am Holzhof. Dann hat sie die Göge-Gesellschaft gekauft, abgebaut und in Hohentengen als Festhalle wieder aufgebaut. Etwa 1966 zündelten Buben an dieser Halle und sie brannte komplett nieder. 1933/34 wurde das Ried kultiviert. „Da wurde Hanf angepflanzt, der das Ried urbar gemacht hat“, erzählt er weiter über die Geschichte dieses Landstrichs. „Ich kann mich dran erinnern: etwa 1941 hat eine Raupe innerhalb von zwei Tagen den ganzen Hanf gefressen.“

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