Die Innenstadt hat von den einstmals vielen Brunnen nur noch wenige Exemplare der Wasserspender aufzuweisen. Einer davon ist der prächtige Hechtbrunnen. Wenn man beim Hotel Krone in die Fußgängerzone marschiert, kann man gleich sein Plätschern hören. Was wundert: Außer dem Stadtadler oben drauf ist kein Tier zu sehen. Und ein Hecht schon gar nicht. Warum also heißt der Brunnen so? Man nennt ihn Hechtbrunnen nach dem ehemaligen Gasthaus, das einmal genau gegenüber stand. Genaugenommen steht es da noch immer. Doch innendrin befindet sich seit 1993 das griechische Restaurant Odysseus. Besitzer ist Nikolaos Diamantis. Die Stammgäste nennen ihn Nikos, das ist kürzer.

Einst 8000 Liter Bier pro Monat

Der Mann vom Peloponnes setzt ein breites Grinsen auf, wenn man ihn fragt, ob er denn die Geschichte des Hauses kennt. „80 Hektoliter im Monat“, sagt er dann – 16 000 Halbe. Das war der Bierumsatz im alten "Hecht", als Rosina und Helmut Widmann noch hinter der Theke standen und in der Traditionsgaststätte jeden Tag der Bär steppte. Leer war es hier nie. Und dass man nach Feierabend hier noch ein Bierchen zischte, das gehörte für viele Männer zum normalen Tagesablauf. Allerdings musste man beim Verlassen der Gaststätte gut aufpassen. Denn damals fuhren hier noch Autos.

2018: "Kálli méra" heißt es hier, seitdem aus dem "Hecht" das griechische Restaurant Odysseus wurde. Wirt ist Nikolaos Diamantis. Er beherrscht natürlich auch das ortsübliche "Grüß Gott". Das Segelschiffmodell (rechts) ist eine Erinnerung an die alte Gaststätte. Für Nikos Diamantis passt das prima. "Auch Odysseus war Seefahrer", schmunzelt er und serviert ein Gyros.
2018: "Kálli méra" heißt es hier, seitdem aus dem "Hecht" das griechische Restaurant Odysseus wurde. Wirt ist Nikolaos Diamantis. Er beherrscht natürlich auch das ortsübliche "Grüß Gott". Das Segelschiffmodell (rechts) ist eine Erinnerung an die alte Gaststätte. Für Nikos Diamantis passt das prima. "Auch Odysseus war Seefahrer", schmunzelt er und serviert ein Gyros. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Großer Brand im Jahr 1700

Wenn man in die Geschichte der Stadt zurückblickt, dann wird man feststellen, dass der „Hecht“ eigentlich hätte „Neuer Hecht“ heißen müssen. Vor einem großen Brand im Jahr 1700 lag das Gastronomierecht nämlich auf dem Haus nebenran, das viele Jahre der Familie Nipp gehört hat und jetzt als „Haus am Hechtbrunnen“ vom Sozialverband VdK als Beratungsstelle benutzt wird. Es handelte sich übrigens um Brandstiftung durch die Wirtin vom "Mohren", der damals in der Innenstadt war. Die Frau wurde wegen ihrer Tat der Stadt verwiesen. Trotz ihrer neun Kinder.

Geburtshaus von Sebastian Hyller

Im späteren Hecht war im 17. Jahrhundert die Bäckerei Hyller untergebracht. Und deren berühmter Sohn ist Sebastian Hyller. Der hatte es wirklich weit gebracht. Er war Theologe und Philosoph. 1697 wurde er zum 36. Abt der Reichsabtei Weingarten gewählt, die er dann von 1697 bis 1730 leitete. Abt Hyller ließ die Klosteranlage auf dem Martinsberg wesentlich erweitern und die heutige barocke Abteikirche, die Basilika St. Martin, errichten. Und er genehmigte auch, dass die Wirtgerechtigkeit vom unteren Haus in sein Vaterhaus verlegt werden durfte. Und ist bis heute dort geblieben und ein fester Bestandteil des historischen Stadtkerns.

2018: Bei der Altstadtsanierung wurde das Gebäude des "Hecht" weitgehend entkernt und das wunderschöne Fachwerk meisterhaft saniert. Der Eingang befindet sich seitdem an der linken Seite. Aus der Traditionsgaststätte wurde das Restaurant Odysseus. Und das ist aus der Altstadt nicht mehr wegzudenken.
2018: Bei der Altstadtsanierung wurde das Gebäude des "Hecht" weitgehend entkernt und das wunderschöne Fachwerk meisterhaft saniert. Der Eingang befindet sich seitdem an der linken Seite. Aus der Traditionsgaststätte wurde das Restaurant Odysseus. Und das ist aus der Altstadt nicht mehr wegzudenken. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Wirt mit Hang zur Seefahrt

In den 60er Jahren waren es Adolf Beck und seine Frau Sophie, die den "Hecht" prägten. Der Wirt wollte ursprünglich einmal zur christlichen Seefahrt. Und deshalb hatte er einen Hang zu allem, was irgendwie maritim war. Die Gaststube wurde von einem großen Leuchtturm dominiert, Steuerräder, Fischernetze und Schiffslaternen waren aufgehängt. Natürlich durften auch wunderschöne Modelle von Windjammern nicht fehlen. Ein solches Modell steht übrigens auch heute noch in der Gaststätte. Wirt Nikos wollte die alte Tradition nicht ganz sterben lassen. „Und auch die Griechen hatten Segelschiffe“, sagt er. Immerhin sei ja auch der Namensgeber seines Lokals, der Sagenheld Odysseus, ein berühmter Seefahrer der Antike gewesen. Und deshalb steht jetzt ein Segelschiff zwischen griechischen Skulpturen.

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Tanzverbot einfach ignoriert

Über den Ruf des "Hecht" gibt es unterschiedliche Ansichten. Da war immer sehr viel los und manchen Pfullendorfern war das suspekt. Man vermutete auch, dass im "Hecht" schon mal ein Joint unter dem Tisch den Besitzer gewechselt hat. Ehemalige Gäste bestreiten das aber vehement. Und auch an Straftaten in dieser Richtung kann sich niemand erinnern. Vielleicht wurde da auch was verwechselt.

Denn dass man in den Gaststätten der Linzgaustadt die Vorschriften oft etwas flexibel ausgelegt hat, das kann man schon in alten Ratsprotokollen nachlesen. So war auch das sehr umfangreiche Tanzverbot manchen Wirten ein Dorn im Auge und man ließ es darauf ankommen, ob der Magistrat eine Strafe verhängen würde. So waren 1789 an Aschermittwoch Tanzveranstaltungen verboten. Im "Adler" und im "Hecht" wurde trotzdem getanzt. Übrigens auch später, als es längst kein Tanzverbot mehr gab.

Nur Fachwerk ist richtig alt

Doch das ist lange her und um die Gaststätte ranken sich auch in den nachfolgenden Jahrhunderten allerlei Geschichten. Tatsache ist, dass das Gebäude heutzutage zu den schönsten in der Altstadt zählt und von vielen Touristen bewundert wird. „Ein wunderschönes altes Haus“, hört man oft. Dabei ist das Gebäude eigentlich gar nicht so alt. Besser gesagt: Das Fachwerk schon. Und das war's dann auch. Denn bei der großen Altstadtsanierung wurde das Gebäude komplett entkernt. Nur das historische Fachwerk blieb stehen und wurde restauriert. Es war mehr ein Skelett, was da lange zu sehen war. Der Eingang, der früher direkt an der Frontseite zur Hauptstraße war, wurde auf die linke Seite verlegt. Und auch der Leuchtturm innendrin wurde „abgebrochen“.

Die ganze Maßnahme hat einige Zeit gedauert und als das Gebäude dann wieder im neuen Glanz erstrahlte, da strahlte auch Nikos. Denn er war der erste Wirt nach der Sanierung und ist bis heute im Geburtshaus von Abt Hyller geblieben. Mittlerweile gehört ihm auch das Gebäude. Manchmal sieht man Nikos mit einem Farbkübel. Dann überdeckt er kleine Schrammen am Außenputz. „So ein schönes Haus darf man nicht sich selbst überlassen.“

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"Gäste waren immer großzügig"

Rosina Widmann war die letzte Wirtin vom Gasthaus Hecht. Die 91-Jährige lebt jetzt in der Spitalpflege und erinnert sich gerne an alte Zeiten.

Frau Widmann, in Pfullendorf wird behauptet, der "Hecht" hätte zu damaligen Zeiten den höchsten Bierumsatz gehabt. Ist da was dran?

Aber auf jeden Fall. Sogar die Herren von der Brauerei konnten es oft kaum glauben. Bis zu 80 Hektoliter gingen pro Monat über den Tresen. Vor allem Export und Pils.

Was für Gäste hatten Sie denn?

Das war ganz unterschiedlich. Vom Handwerker nach dem Feierabend bis zu kompletten Familien und auch viele junge Leute. Und natürlich auch Soldaten.

Stimmt es, dass Sie immer Geld für soziale Zwecke gesammelt haben?

Dank unserer Gäste war das möglich. Die waren immer großzügig und so konnten mein Mann Helmut und ich für das damalige Altenheim den ersten Fernseher und die erste Sprechanlage anschaffen. Und an Weihnachten gab es immer kleine Geschenke für die Bewohner.