Wie wichtig es ist, rechtzeitig an eine Patienten- oder Vorsorgevollmacht bereits für junge Erwachsene zu denken, führte ein Vortrag im Kolpinghaus vor Augen. Denn das Schicksal von Caspar hätte anders verlaufen können, wenn es eine solche Vollmacht nicht gegeben hätte. Auf Einladung der Katholisch-Evangelischen-Erwachsenenbildung (EKE) berichtete seine Mutter Annunziata Hoensbroech von ihren Erfahrungen und las Passagen aus ihrem Buch „Schicksalsschlag – Der Weg zurück ist kein Spaziergang“.

Autorin lebt heute in Köln, ging aber in Wald zur Schule

Für die in Köln lebende Hoensbroech sei das Buch die „Aufarbeitung einer großen Krise“ gewesen, stellte Astrid Schoch von der EKE einführend fest. Hoensbroech war Schülerin in Kloster Wald und die Pfullendorfer Pfarrgemeinderätin Andrea Keller, ebenfalls eine Absolventin der Schule, hatte den Kontakt hergestellt. „Dies soll kein deprimierender Abend werden, ich möchte Mut machen“, sagte Hoensbroech. Sie erklärte: „Eltern eines erwachsenen Kindes brauchen eine schriftliche Vollmacht, um Einfluss auf deren Behandlung zu nehmen und Entscheidungen im Sinne des Kindes zu treffen.“ Der Pfullendorfer Notfall- und Intensivmediziner Christoph Ochsenfahrt bestätigte nach der Lesung: „Ohne schriftliche Vollmacht ist die Familie nicht entscheidungsbefugt.“

Weil Caspar und sein Zwillingsbruder Jacob einst zu einer abenteuerlichen Motorradreise aufgebrochen waren, existierte für Caspar bereits eine Vollmacht, was sich letztlich als Glücksfall erwies. „Eine Vollmacht sehe ich als einen großen Vertrauens- und Liebesbeweis und eine riesige Wertschätzung. Damit versetze ich einen mir nahestehenden Menschen in die Lage, für mich zu handeln und zu sprechen, wenn ich es nicht kann.“ Annunziata Hoensbroech sagte auch, dass diese Beauftragung mit viel Verantwortung einhergehe, worüber man sich im Klaren sein müsse.

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Caspars Leben hing nach einem Unfall am seidenen Faden

Ihr Buch, sagte Hoensbroech, sei eine sehr persönliche und doch eine Jedermann-Geschichte. Es handle sich nicht um eine Ärzteschelte, denn ohne den Einsatz der Mediziner und Therapeuten wäre Caspar nicht dort angekommen, wo er heute steht. Die gute Nachricht: Der junge Mann, inzwischen Ende 20, hat sich von den schweren Folgen seines Unfalls erholt. „Caspar ist ein fröhlicher Mensch, er hat sein Studium beendet und macht seine ersten Schritte im Arbeitsleben.“ Doch sein Leben hing an einem seidenen Faden. Was war geschehen?

Bild: Johanson, Kirsten

Der Moment, der alles veränderte, war ein Anruf in den frühen Morgenstunden aus Barcelona, wo Caspar studierte. Die Nachricht löschte in Sekundenschnelle alle Unbeschwertheit aus dem Leben der Familie: Nach einem Unfall lag Caspar mit schwerstem Schädel-Hirn-Trauma, kollabiertem Lungenflügel und vielen Knochenbrüchen bewusstlos und künstlich beatmet auf der Intensivstation.

Eltern dürfen Kind nicht automatisch auf Lebzeiten vertreten

Als die Ärzte ihrem Sohn bei einer beginnenden Lungenentzündung ein Antibiotikum verwehrten, setzte seine Mutter das Gegenteil durch, als sie ihm Morphium verabreichen wollten, verhinderte sie dies. Ohne eine Vollmacht wäre das nicht möglich gewesen, denn Caspar war zum Zeitpunkt des Unfalls nicht mehr minderjährig. „Wir freuen uns herzlich über den 18. Geburtstag unserer Kinder, aber wir machen uns nicht klar: Das Kind ist von da an volljährig und mündig.“ Es sei nicht das Naturrecht der Eltern, das Kind auf Lebzeiten vertreten zu können. „Auch für die Mediziner ist es wichtig, denn gibt es eine Vollmacht, stehen sowohl Eltern als auch Ärzte auf juristisch sicherem Boden“, sagt Hoensbroech.

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Die Mutter schilderte die berührende Verbundenheit der Geschwister, erzählte vom engen Zusammenhalt der Familie, die sich nach Kräften um Caspar kümmerte. Es sei ein Familienprivileg, die Hoffnung hochzuhalten. Wo Ärzte nüchterne Fakten präsentierten, von bedeutungslosen Reflexen sprachen und bezweifelten, dass der junge Mann jemals das Bewusstsein wiedererlangen würde, sei sich die Familie stets sicher gewesen: „Caspar spürt unsere Gegenwart.“ Caspar wurde von Barcelona ins Klinikum nach Heidelberg und später in eine Reha-Klinik nach Süddeutschland verlegt, wo er sich zurück ins Leben kämpfte. Denn: „Der Weg zurück ist kein Spaziergang.“