Ein kalter Morgen im Januar. Gebetsfahnen und eine tibetische Flagge wehen über dem Deggenhausertal im Wind. Hier hat Ogyen Norling seinen Sitz, ein gemeinnütziger Verein und eine buddhistische Gemeinschaft, die den Mönch Tulku Sonam Choedup Rinpoche in seiner Lehrtätigkeit unterstützt. Rinpoche ist ein tibetischer Ehrentitel und bedeutet „der Wertvolle“. Tulku ist die Bezeichnung für jemanden, der als Wiedergeburt einer bestimmten Person anerkannt wird.

Die tibetische Fahne weht über dem Deggenhausertal. Was hier kein Problem darstellt, würde im von China unterdrückten Tibet streng bestraft.
Die tibetische Fahne weht über dem Deggenhausertal. Was hier kein Problem darstellt, würde im von China unterdrückten Tibet streng bestraft. | Bild: Johanson, Kirsten

Noch wohnt Tulku Sonam in Oberboshasel in einer Ferienwohnung, plant allerdings gerade einen Umzug nach Mengen. In Pfullendorf hat er vor kurzem im Yogastudio von Ute Abberger Anleitungen zu Meditation gegeben. Die Veranstaltungen waren ausgebucht und weitere sind geplant. „Immer mehr Europäer interessieren sich für Meditation. Es ist Medizin für den Geist“, stellt er lächelnd fest.

In seiner Unterkunft in Oberboshasel steht ein buddhistischer Altar. Im Vordergrund sieben Schalen mit Wasser. Sie werden jeden Morgen frisch gefüllt.
In seiner Unterkunft in Oberboshasel steht ein buddhistischer Altar. Im Vordergrund sieben Schalen mit Wasser. Sie werden jeden Morgen frisch gefüllt. | Bild: Johanson, Kirsten

Tulku Sonam ist Lehrer und vermittelt den Buddhismus in der Nyingma-Tradition – man könnte auch sagen, er hilft seinen Schülern bei der Suche nach Harmonie, Glück, Weisheit und dem inneren Frieden, erklärt er. Jeder wolle doch glücklich sein und das Leben genießen, sagt der 40-Jährige mit dem glatt rasierten Kopf und den weichen Gesichtszügen.

Unterstützung für Bildungsprojekt in Tibet

Seine Hauptgebiete sind Dzogchen („die große Vollkommenheit“) und tibetische Astrologie, er bietet Segnungen an, hält Rituale, Unterweisungen und Zeremonien ab. Das Geld, das Tulku Sonam dadurch einnimmt, fließt in sein Bildungsprojekt in Tibet, das aktuell zehn Kinder unterstützt.

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„Ich wollte mehr erfahren über das, was da draußen ist“

Anders als im beschaulichen Bodenseehinterland ist im von China unterdrückten Tibet das Besitzen und öffentliche Zeigen der tibetischen Flagge streng verboten, es drohen harte Strafen. Die kulturelle, religiöse und politische Unfreiheit in seiner abgeriegelten Heimat waren Gründe dafür, dass Tulku Sonam 1998 über Nepal nach Indien flüchtete: „Die Gesellschaft in Tibet ist nicht frei, ich wollte mehr erfahren über das, was da draußen ist“, erklärt er.

Wie er sein Treffen mit dem Dalai Lama erlebte

Im indischen Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung, traf er den Dalai Lama, die höchste Führungsfigur der tibetischen Buddhisten. „Begegnet ein Tibeter dem Dalai Lama, dann ist es, als würde er seine verlorene Mutter wiederfinden, viele beginnen zu weinen, auch ich war sehr bewegt“, beschreibt Tulku Sonam das Zusammentreffen.

Mit 13 Jahren ins Kloster

Seine Lebensgeschichte, die ihn von Ost-Tibet über viele Umwege nach Oberboshasel führte, ist sehr bewegt. Als 13-Jähriger kam er ins Serta-Kloster in Larung Gar, dem weltweit größten Zentrum für buddhistische Studien. „Hier leben 20 000 Mönchen und 7000 Nonnen“, erzählt er. Sieben Jahre verbrachte er dort.

Meditieren lernt man nicht von heute auf morgen

„Love and compassion“, diese zwei Begriffe verwendet der Mönch häufig: Liebe und Mitgefühl. In der buddhistischen Lehre hängen Glück und Leiden ganz wesentlich vom Geisteszustand ab. Sich mal eben hinsetzen und meditieren funktioniere nicht, weiß der 40-Jährige. Man brauche Geduld und Übung. Leichter falle es unter der Anleitung eines qualifizierten Meisters, sagt Tulku Sonam. Denn es gebe verschiedene Techniken, um zum Beispiel durch Atmung oder das Rezitieren von Mantras seinen Geist in einen Zustand zu versetzen, sodass er negative, destruktive Gedanken ziehen lässt. Ein fokussierter, befreiter und klarer Geist stelle sich nicht auf die Schnelle ein.

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Als junger Erwachsener zog er sich drei Jahre in eine Höhle zurück

Tulku Sonam zog sich im Alter von 23 Jahren in Tibet alleine in eine Höhle zurück, um sich selbst zu finden und seinen Geist zu schulen, das Meditieren zu vervollkommnen, zu beten und buddhistische Schriften zu studieren. „Ich hatte einen batteriebetriebenen CD-Player und hörte auch CDs, die sich mit den Lehren befassten. Meine Brüder und andere Dorfbewohner versorgten mich mit Essen und Batterien.“ Es habe ein Jahr gedauert, bis er mit der Höhle als Bleibe im Reinen war. Heute meditiere er täglich eine Stunde am Morgen und eine Stunde am Abend.

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