Sigmaringen und Meßkirch haben ihre Schlösser und Pfullendorf hat sein Obertor. Während in den Nachbarstädten die Prachtbauten der Adligen deutlich machen, wer in früheren Zeiten das Sagen hatte, kann man sich in Pfullendorf auf die Tradition als ehemals freie Reichsstadt stützen. Und das bedeutet, dass man nur dem Kaiser Untertan war. Und der verlieh dem kleinen Ort im Oberen Linzgau auch im Jahr 1220 die Stadtrechte. Es war Kaiser Friedrich II., den man auch „Barbarossa“ nannte. Und der verfügte auch, dass die Stadt befestigt sein müsse.

Das Obertor war bis vor einigen Jahrzehnten der Zugang in die Oberstadt und wurde auch von Landwirten genutzt. 1962 gab es noch landwirtschaftliche Anwesen innerhalb der Stadtmauern.
Das Obertor war bis vor einigen Jahrzehnten der Zugang in die Oberstadt und wurde auch von Landwirten genutzt. 1962 gab es noch landwirtschaftliche Anwesen innerhalb der Stadtmauern. | Bild: Archiv Norbert Hees

Kurzum: Die Pfullendorfer wurden dazu verdonnert, eine Mauer um die Stadt zu bauen. Für die damals rund 600 Einwohner, davon 100 mit Bürgerrecht, war das nicht unbedingt eine Ehre. Es war vor allem eine teure Angelegenheit, auch wenn es Steuererleichterungen gab. Und so schnell ging das auch nicht. In einer Urkunde des Salemer Zisterzienserklosters ist bereits im Jahr 1239 von einem Tor zu lesen. Es dürfte wohl das „Obere Tor“ gewesen sein. Und das steht noch heute. Die anderen drei Stadttore wurden im 19. Jahrhundert abgerissen. Was geblieben ist, das zählt als schönste Doppeltoranlage der Bodenseeregion und ist heute das Wahrzeichen der Stadt, die mittlerweile auf die 14 000 Einwohner zugeht.

Heutzutage ist das im Jahr 2003 sanierte Obertor eine Attraktion für Touristen und ein wahres Schmuckstück, das man auch ab und zu besteigen kann.
Heutzutage ist das im Jahr 2003 sanierte Obertor eine Attraktion für Touristen und ein wahres Schmuckstück, das man auch ab und zu besteigen kann. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Wohl kaum jemand hätte Verständnis, wenn man das Obertor abreißen würde. Denn immerhin kann nicht jede Stadt über so ein Relikt aus dem Mittelalter verfügen. Gerade dieses außergewöhnliche Bauwerk trägt viel dazu bei, dass Besucher der Altstadt immer wieder einen ganz besonderen Charme attestieren. Das war aber nicht immer so.

Dazu kam es allerdings nicht

Als man den monumentalen Bau 1913 renovierte, da soll es Pfullendorfer gegeben haben, die „das Verkehrshindernis“ gerne dem Erdboden gleichgemacht hätten, wie von alten Pfullendorfern glaubhaft und mit Kopfschütteln versichert wird. Es soll sogar die Idee aufgekommen sein, ob man nicht die Panzer aus der Kaserne durch den historischen Stadteingang zwängen könne. Dann würde das Ding schon von selbst zusammenfallen. Doch dazu kam es nicht.

Das Anwesen von Steinmetz Spöttl fiel ebenfalls der Spitzhacke zum Opfer.
Das Anwesen von Steinmetz Spöttl fiel ebenfalls der Spitzhacke zum Opfer. | Bild: Ernst Spöttl

Wobei die Sache mit dem Verkehrshindernis schon eine Berechtigung hatte. Denn die Hauptstraße führte noch durch das Tor hindurch. Links und rechts waren Gebäude direkt angebaut. Auf alten Postkarten ist das noch gut zu sehen. Auch die Landwirte, die teilweise ihre Hofstellen noch in der Innenstadt hatten, trieben das Vieh hindurch. Besonders auch dann, wenn direkt hinter der Stadtmauer der große Viehmarkt stattfand.

Eine Engstelle für den Verkehr

Für Lastwagen ging es in späterer Zeit manchmal recht eng zu und mit dem zunehmenden Verkehr machten sich die Stadtoberen Gedanken, wie man die Situation verbessern könnte. Eigentlich gab es nur die Möglichkeit, die Gebäude abzubrechen, die von der Innenstadt aus gesehen links vom Tor standen. Das waren die zwei Steinmetze Bräg und Spöttl. Und die hatten auch noch jeweils eine kleine Landwirtschaft. Die Häuser waren alt. Genauer gesagt „ein altes Glump“, wie Steinmetzmeister Ernst Spöttl erzählt.

Von Komfort konnte keine Rede sein

Seine Großeltern hatten das Anwesen nach dem Ersten Weltkrieg gekauft. Vorher war eine Kutschenwerksatt dort untergebracht. Jetzt zog das Steinmetzhandwerk ein. Insgesamt umfasste das Anwesen drei Häuser, in denen insgesamt sieben Familien wohnten. Von Komfort konnte keine Rede sein. Und so war Ernst Spöttls Vater Karl nicht abgeneigt, seine Immobilien der Stadt zu überlassen, wenn er dafür einen Ausgleich bekäme. Das klappte auch mit dem Nachbarn und so wurden die Anwesen Bräg und Spöttl dem Erdboden gleichgemacht. Heute ist dort ein Parkplatz und nebendran das heutige Wohngebäude der Spöttls. Durch den Abriss wurde auch der Blick auf den „Alten Löwen“ frei.

So ändern sich die Zeiten: Wo früher Grabsteine ausgestellt wurden, da befindet sich heute ein Parkplatz. Links die Galerie "Alter Löwen", rechts das Wohnhaus von Ernst Spöttl.
So ändern sich die Zeiten: Wo früher Grabsteine ausgestellt wurden, da befindet sich heute ein Parkplatz. Links die Galerie "Alter Löwen", rechts das Wohnhaus von Ernst Spöttl. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Mit Schreiben vom 5. Juni 1968 erteilte das Landratsamt Überlingen (Pfullendorf gehörte damals noch nicht zum Kreis Sigmaringen) die Abrissgenehmigung. Die Gebühr betrug damals übrigens 10 Mark. Die Bevölkerung soll dem Vorhaben positiv gegenübergestanden haben. Denn schließlich brachte die Maßnahme eine wesentliche Verkehrsverbesserung. Und weil die 750-Jahr-Feier der Stadt bereits in Sicht war, gab es öffentliche Zuschüsse.

Durchfahrt ist heute verboten

Heutzutage ist die Durchfahrt durch das Obertor verboten, wenngleich auch manchmal auswärtige Lastwagen es doch versuchen, weil ihr Navigationsgerät die örtlichen Verhältnisse nicht so genau kennt. Den 38 Meter hohen Obertorturm kann man übrigens ab und zu besteigen und hat dann einen herrlichen Blick von oben. Und man kann dann auch gut sehen, wo die abgerissenen Häuser einmal gestanden haben.

"Dann machte es ratsch"

Ernst Spöttl, Steinmetzmeister, ist 71 Jahre alt und wohnte in einem Gebäude neben dem Obertor.

Herr Spöttl, wie war das früher so?

Direkt am Tor war das Anwesen von Steinmetz Bräg und dann kam mein Vater Karl mit seinem Steinmetzbetrieb. Beide Handwerker hatten auch eine Landwirtschaft. Wir hatten drei Gebäude, die miteinander verbunden waren.

Wie kam es zum Abriss?

Stadtrat Willi Nusser kam als Erster mit der Idee zu uns, die Anwesen Bräg und Spöttl abzureißen und die Hauptstraße um das Obertor herum zu führen. Bald danach stand auch Bürgermeister Hans Ruck mit dem gleichen Anliegen in der Tür.

Wie war die Reaktion?

Mein Vater war zuerst etwas kritisch. Für ihn war klar, dass man sich bei richtigen Voraussetzungen einigen könnte. Und das geschah dann auch.

Wie war das, als der Abriss begann?

"Jetzt fangen wir mal ein", sagte der Baggerfahrer und dann machte es "ratsch". Für mich war das nicht so schlimm. Es waren alte Gebäude und ich freute mich schon auf eine Verbesserung. Vor allem eine richtige Heizung ohne Eisblumen an den Fenstern im Winter.

 

Fragen: Karlheinz Fahlbusch