„Glücksspiel kann süchtig machen!“ Diese Warnung ist so eindeutig wie unmissverständlich und betrifft alle Formen des Glücksspiels. Deutschlandweit gibt es nach Angaben von Sebastian Schneider, Leiter der Suchtberatungsstelle Sigmaringen, rund 200 000 Spielsüchtige und im Kreis Sigmaringen sind es nach seiner Schätzung rund 2000 Betroffene. Nicht jeder Besucher, der in einer Spielhalle an einem Automaten daddelt, ist spielsüchtig. Viele haben einfach Spaß, treffen Freunde, riskieren wenig Geld und verbringen ihre Freizeit in den Spielstätten. Dieser großen Zahl steht die Minderheit der Frauen und Männer gegenüber, die schier täglich mit hoher Risikobereitschaft spielen, viel Geld verlieren und von denen 80 bis 90 Prozent süchtig sind, zitiert Schneider die Einschätzung von Servicemitarbeitern.

„Ambiente ist wichtig“

„Das Ambiente ist wichtig“, weiß der Suchtexperte, dass die Wohlfühlatmosphäre viele Menschen anzieht, die ansonsten zu Hause allein sind, Probleme bewältigen müssen oder einfach Gesellschaft suchen. Die Spielhallenbetreiber verbessern auch deshalb ihr gastronomisches Angebot, und das kundenfreundliche Personal bietet ihrer Klientel eine Willkommenskultur. „Den Kaffee gibt es umsonst, die Servicekraft nimmt sich Zeit zum Gespräch, man fühlt sich wohl und willkommen“, weiß Sebastian Schneider. Problematisch wird es, wenn die Besucher häufiger kommen, und für ihr Spiel das Ambiente weniger wichtig wird. In der dritten Stufe hat sich das Spielen zur Sucht entwickelt, einer anerkannten Krankheit, die das eigene Leben dominiert, Familien zerstört und irgendwann den sozialen Abstieg bringt.

Risikogruppe: Junge Migranten

Eine Risikogruppe sind nach Angaben von Sebastian Schneider junge Männer mit Migrationshintergrund, denn diese Klientel ist familiär und kulturell vorgeprägt. In vielen arabischen oder afrikanischen Ländern gehört Wetten zum Männeralltag und der Nachahmungseffekt auf Jugendliche ist enorm. Schneider nennt für dieses Phänomen den Alkoholgenuss als Beispiel, der in Deutschland gesellschaftlich anerkannt ist und deshalb haben nur drei Prozent aller Deutschen keinen frühen Kontakt mit Alkohol. In Schweden beträgt diese Ablehnungsrate schon 20 Prozent und in den USA 32 Prozent.

Wettbranche sucht jüngere Zielgruppe

Die Wettbranche sucht nach den Erkenntnissen der Suchtexperten im Netz neue, jüngere Zielgruppen und nutzt dafür beliebte TV-Formate wie „Bachelor“. So kann man beispielsweise wetten, welcher Bewerber als nächstes aus der Staffel fliegt. Junge Mütter, die wegen der Kinderbetreuung zu Hause sind, spielen immer häufiger im Internet. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Glücksspielbranche versucht, ihre Klientel immer früher zu erreichen. Ein ähnliches Vorgehen habe die Alkoholbranche gewählt, als man die Alkopops auf den Markt brachte, um gezielt eine jüngere Klientel anzusprechen.

Das Spielcenter samt Pilsbar „Pik Ass“ ist in einem imposanten Gebäude in der Sigmaringer Straße untergebracht. Bild: Siegfried Volk
Das Spielcenter samt Pilsbar „Pik Ass“ ist in einem imposanten Gebäude in der Sigmaringer Straße untergebracht. Bild: Siegfried Volk | Bild: Volk, Siegfried

„Spielen ist nicht mehr verpönt“

„Es wird insgesamt mehr gespielt und mehr Geld ausgegeben“, resümiert der Leiter der Suchtberatungsstelle, und macht deutlich, dass es der Branche in den vergangenen Jahren gelungen sei, ihr Renomme als gesellschaftlich akzeptiertes Freizeitangebot zu verbessern. „Spielen ist nicht mehr verpönt und ist Konkurrenz zu Shopping oder Alkohol“, ergänzt Schneider.

Betreiber in Pfullendorf stellen Befreiungsanträge

Diese Entwicklung zeigt sich auch bei den Einnahmen aus der Vergnügungssteuer, die die Kommunen selbst bestimmen können, wobei der Steuersatz der Stadt Pfullendorf 18 Prozent beträgt. Im vergangenen Jahr flossen von den bestehenden 14 Spielhalllen, die quartalsmäßig ihre Vergnügungsteuer abrechnen, 541 000 Euro in die Kassen, im Jahr zuvor sogar 600 000 Euro, bestätigte die Kämmerei. Eine Änderung des Landesglücksspielgesetzes, das einen Mindestabstand von 500 Metern zwischen Spielstätten und Einrichtungen, in denen regelmäßig Kinder und Jugendliche sind, sorgt in der Branche deshalb für Aufruhr.“ Die Anträge der Pfullendorfer Spielhallenbetreiber auf Erlaubnis nach dem Landesglücksspielgesetz waren alle verbunden mit einem Antrag auf Befreiung der Spielstätten von der neuen Abstandsregelung, hatte der SÜDKURIER im April berichtet.

3 Widerspruchsverfahren laufen noch

Diese Anträge waren von der Verwaltung geprüft worden, und man gab den Befreiungsanträgen statt, allerdings zeitlich befristet bis maximal 30. Juni 2021, wogegen die Spielhallenbetreiber Widerspruch einlegten. Auf Anfrage des SÜDKURIER erklärte Manuel Oberdorfer, Leiter des Ordnungsamtes, dass es derzeit noch drei laufende Verfahren gibt, ein Widerspruch beim Regierungspräsidium Tübingen zur Entscheidung vorgelegt wurde. Zwei Widersprüche richten sich dabei gegen die zeitliche Befristung der Gestattung und ein Betreiber will die Entscheidung per se nicht akzeptieren.

Beratungstelle: „Es gibt verschiedene Spielertypen und Phasen bis zur Abhängigkeit.“

Glückspielsuchtenwicklung

Phase 1 ist die Abenteuer- und Gewinnphase, die einen risikolosen Konsum darstellt. Erste Gewinne, regelmäßige Spielhallenbesuche, zunehmende Risikobereitschaft und Glücksspiel etabliert sich als Freizeitverhalten.

Phase 2 ist die Verlustphase, ein kritisches Gewöhnungsstadium. Die Spielintensität steigt, die Verluste erhöhen sich, Schulden, Lügen, Kreditaufnahmen, aber noch ist eine Kontrolle möglich.

Phase 3 ist die Verzweiflungsphase und der Spieler hat das Suchtstadium erreicht, ist abhängig. Dauerhaftes, zwanghaftes Spielen, Kontrollverlust, Panik- und Schuldgefühle, Entfremdung vom sozialen Umfeld und sozialer Abstieg.

Spielertypologie

Soziale Spieler suchen Unterhaltung, Spaß und Freizeitgestaltung.

Professionelle Spieler bilden eine kleine Gruppe und finanzieren ihren Lebensunterhalt mit Spiel.

Problematische Spieler sind suchtgefährdet. Sie haben erste Schuldgefühle, vernachlässigen Pflichten und haben erste, höhere Geldverluste.

Pathologische, süchtige Spieler haben schwerwiegende Probleme.

Der Erfolgsspieler sucht Erfolg, Macht, Bedeutung, Kontrolle und Erregung.

Der depressive Typ bewältigt Frustrationen, flüchtet vor Lebensproblemen und füllt leere Zeit.

Wer entwickelt am ehesten glücksspielsüchtiges Verhalten? Nach Angaben der Suchtberatungsexperten sind dies vornehmlich junge Männer, Menschen mit niedrigem Bildungsgrad, Arbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund, Tabletten- und Drogenkonsum oder Menschen, die mit ihrer Lebenssituation unzufrieden sind oder viele Problemen haben.