Hochleistungssport wird hier nicht betrieben und es geht auch nicht um Punkte oder Sekunden. Wobei das so nicht ganz stimmt. Für die Menschen, die sich dienstags in der Turnhalle der Sechslindenschule treffen, es ist durchaus eine Leistung, was sie da tun. Immerhin hat jeder von ihnen Probleme mit einem Organ, das unverzichtbar ist: dem Herzen. 74 Mitglieder hat die Herzsportgruppe des TV Pfullendorf. Und die kommen aus Meßkirch, Wald, Herdwangen-Schönach, Heiligenberg und Ostrach zu den Übungsstunden. Herzsportgruppen gibt es nicht überall – in Pfullendorf seit dem 9. Dezember 1988. Damals hatte man erkannt, "dass etwas geschehen muss", wie es der stellvertretende Vorsitzende Hans Rueter beschreibt.

Spektrum reicht von 35 bis 82 Jahre

Er hatte 1995 seinen ersten Herzinfarkt, bekam einen Stent gesetzt und drei Bypässe. 1996 hatte er seinen zweiten Infarkt. Es sei "der Stress am Arbeitsplatz gewesen", der dazu geführt hatte. Mittlerweile ist Rüter 82 Jahre alt und fühlt sich gut. Altersmäßig bildet er das eine Ende der Skala. Aber auch 35-Jährige sind dabei. "Mit dem Herz, das ist schon so eine Sache", sagt Rueter. Und genau genommen gilt das auch für die Gruppe. Denn die wird von ausgebildeten Therapeuten geleitet.

Ein Arzt muss immer dabei sein

Novum: Ein Arzt muss immer vor Ort sein. Das ist so vorgeschrieben, um bei einem Notfall sofort reagieren zu können, bis der Notarzt eintrifft. Den haben die Gruppenmitglieder alle schon einmal kennengelernt. Denn Herz- und Kreislauferkrankungen zählen zu den größten gesundheitlichen Problemen unserer Zeit. In Deutschland sterben jährlich rund 85 000 Menschen an einem Herzinfarkt. Aber etwa die gleich hohe Zahl überlebt. Umso wichtiger ist eine intensive Nachsorge nach der Klinikbehandlung. Und dazu gehört eben auch die Herzsportgruppe. Wer Risikofaktoren dauerhaft minimieren will, der ist hier gut aufgehoben. 

 

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Gemeinsam übt es sich leichter

In Pfullendorf ist auch noch ein Arzt Vorsitzender der Gruppe. Dr. Taibi El-Amrani arbeitet im SRH-Krankenhaus in der Linzgaustadt und ihm ist die Gruppe sehr wichtig. "Wenn wir für die Betroffenen etwas tun können, dann müssen wir das auch machen." Die Bewegung in einer Gruppe mit Menschen, die gleichermaßen betroffen sind, habe nicht nur medizinische, sondern auch psychosoziale Vorteile. "Du weißt, dass du nicht alleine bist", sagt der leitende Oberarzt der Chirurgie und Notfallmediziner.

Kontrolle von Puls und Blutdruck

Wer kann, der sollte bei einer Herzsportgruppe mitmachen. Die Indikationen sind vielfältig und reichen vom klassischen Herzinfarkt über andere Probleme mit dem Herzen bis zur Hypertonie, aber auch für ältere Menschen ohne Organerkrankungen, die mobil bleiben wollen. Der Haus- oder Facharzt muss die Herzgruppengymnastik empfehlen. Die macht dann aber auch richtig Spaß, wie der Beobachter unzweifelhaft feststellen kann. Gymnastische Übungen in unterschiedlichen Ausrichtungen, aber auch mal ein Ballspiel gehören zur Gruppenstunde. Und auch Entspannungsübungen, die für Herzpatienten sehr wichtig sind. Puls- und Blutdruckkontrollen sind obligatorisch.

Teilnehmer fühlen sich wohler

Und was bringt das Ganze? Mehr Lebensqualität, man fühlt sich wohler, das körperliche und seelische Wohlbefinden steigt, sagen viele Teilnehmer. Außerdem lerne man, Belastungen richtig einzuschätzen. Und das bedeutet, dass man auch für den Beruf und die Freizeit eine Menge mitnehmen könne. Dazu kommt der gesellige Aspekt: Treffen, Ausflüge und auch eine Weihnachtsfeier und ein Grillfest gibt es.

Dr. El-Amrani: "Die Motivation ist sehr groß"

Drei Fragen an Dr. Taibi El-Amrani, den Vorsitzenden der Herzsportgruppe.

Was ist der Vorteil, wenn Herzgeschädigte in einer Gruppe Sport machen?

Die Motivation der Patienten ist sehr groß. Hier ist man Gleicher unter Gleichen, kann seine Belastungen richtig einschätzen und es entstehen ja auch Freundschaften unter den Herzerkrankten. Außerdem wird die Wiedereingliederung in den Beruf gefördert.

Ist das für jeden geeignet oder gibt es Einschränkungen?

Eigentlich gibt es kaum Einschränkungen, weil wir die Gruppeneinteilungen nach den individuellen Belastungsstufen vornehmen. Wir sind dabei, auch andere ältere Menschen ohne Herzerkrankungen zu integrieren. Das gilt auch für solche mit Gefäßerkrankungen wie Raucherbeinen.

Für welche Personengruppe ist eine solche Gruppe besonders zu empfehlen?

Herzerkrankte Patienten nach einem Herzinfarkt und erfolgter Operation und sonst allgemein herzerkrankte Patienten, auch mit Herzklappenersatz. Auch wer an Bluthochdruck leidet, Diabetiker ist oder Übergewicht hat, der ist bei uns richtig.

Fragen: Karlheinz Fahlbusch