Grenzkontrollen auf der Fahrt an die Adria oder nach Südtirol haben sie nie erlebt. Egal, ob sie in Wien ein Tram-Ticket oder in Amsterdam eine Sonnenbrille kaufen, bezahlt wird mit dem Euro. Aylin Celebi, Hannah Koeberle, Lilli Schilling, Mia Jenter und Chiara Sakru vom Staufer-Gymnasium kennen es gar nicht anders. Sie sind in einem vereinten, friedlichen und wirtschaftlich erfolgreichem Europa aufgewachsen. Sie dürfen am Sonntag zwar noch nicht abstimmen, aber die Europawahl beschäftigt sie durchaus, sagen die Schülerinnen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren. Im Gemeinschaftskundeunterricht wurden die Europawahl und der Brexit thematisiert. Die Briten meinten wohl, der Ausstieg aus der Europäischen Union bringe ihnen Unabhängigkeit, aber am Ende würden sie sich isolieren, ist die Meinung von Hannah. Die Mädchen halten nichts von Anti-Europa-Stimmung.

Anette Ebinger, Schulleiterin Staufer-Gymnasium: „Nicht die Sprache ist primär, sondern das Soziale: in einer fremden Familie in einer fremden Umgebung leben. Es geht um Interkulturalität.“
Anette Ebinger, Schulleiterin Staufer-Gymnasium: „Nicht die Sprache ist primär, sondern das Soziale: in einer fremden Familie in einer fremden Umgebung leben. Es geht um Interkulturalität.“ | Bild: Kirsten Johanson

Eine Art, die europäische Freundschaft zu pflegen, sind Schüleraustausche und Bogy-Aufenthalte (Berufsorientierung am Gymnasium). „Wir feiern im kommenden Jahr 40 Jahre Austausch mit Saint-Jean-de-Braye“, erzählt Schulleiterin Anette Ebinger. „In diesem Jahr hatten wir unseren 31. Austausch mit der Lenzie Academy in Schottland und auch der Kontakt mit Houplines in Nordfrankreich besteht seit gut zehn Jahren.“ Der Erwerb der Fremdsprache stehe dabei nicht im Vordergrund. „Nicht die Sprache ist primär, sondern das Soziale: in einer fremden Familie in einer fremden Umgebung leben. Es geht um Interkulturalität“, so die Rektorin. „Ich finde die Austausche unglaublich wichtig und sie finden die volle Unterstützung der Schule.“

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Gerade erst sind die Siebtklässler vom „échange scolaire“ aus Saint-Jean-de-Braye zurückgekehrt. Aylin, Lilli, Chiara, Hannah und Mia haben in dieser Zeit ein „stage à l‘étranger“, also ein Berufspraktikum gemacht. Die fünf Mädchen sind sich einig, dass Bogy im Ausland eine wertvolle Erfahrung ist. „Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, etwas Neues kennenzulernen. Das Französisch war außerdem eine gute Vorbereitung für die mündliche DELF-Prüfung (Diplôme d‘Etudes en Langue Française). Man gewinnt Selbstvertrauen und wird eigenständiger“, sagt Chiara, die im Büro des kommunalen Sozialamts gearbeitet hat. Wie ihre Mitschülerin Aylin kann sich die 16-Jährige gut vorstellen, nach dem Abitur in Frankreich Medizin zu studieren. „Ich war im Château-Foucher in den ganz normalen Tagesablauf integriert. Habe den Tisch gedeckt, mit den Kleinen gesungen und gespielt, Buchstaben geübt und im Kreis der Erzieherinnen zu mittaggegessen“, berichtet Lilli von ihrer Tätigkeit in einer Vorschule. Sie ist im vergangenen Jahr im Rahmen des Brigitte-Sauzay-Programms einen Monat in Straßburg zur Schule gegangen. „Daraus ist eine echte Freundschaft mit meiner Gastschwester und ihrer Familie entstanden.“

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Hannah und Mia arbeiteten im Büro von Bürgermeisterin Vanessa Slimani und verbrachten einen Tag im Archiv, um über die Partnerschaft mit Pfullendorf zu recherchieren. Mia, die bereits ein Schottland-Bogy absolviert hat, sagt, sie würde nach dem Abitur gerne ein halbes Jahr in Frankreich und ein halbes Jahr in Großbritannien verbringen. Die Mädchen entdeckten im Nachbarland Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. So etwa mehrgängige Abendessen nicht vor 20, 21 Uhr über eineinhalb Stunden Dauer oder Autofahrer, die sich keinen deut um Fußgänger am Zebrastreifen scherten. „Seit ich die Schulkantine in Frankreich kenne, weiß ich unsere Mensa zu schätzen“, fügt Chiara hinzu. Auch die Art des Unterrichts gefällt den Mädchen in Deutschland besser und die Tatsache, dass ihr Schulgebäude nicht eingezäunt ist und sie sich nicht abmelden müssen, wenn sie das Gelände verlassen wollen.

„Bock auf Wa(h)l“ für Erst- und Jungwähler

Während bei der Europawahl die Volljährigkeit ein ausschlaggebendes Kriterium ist, dürfen bei der Kommunalwahl Jugendliche ab 16 Jahren wählen. Johanna Anthus und Laura Hirling der K1 des Staufer-Gymnasiums haben für die Kurstufe am vergangenen Mittwoch eine Infoveranstaltung auf die Beine gestellt.

Laura Hirling (links) und Johanna Anthes aus der Kursstufe.
Laura Hirling (links) und Johanna Anthes aus der Kursstufe. | Bild: privat

„Das ist aus dem eigenen Engagement der Schülerinnen gewachsen“, lobt Schulsozialarbeiter Andreas Roth. Was ist Kommunalpolitik? Welche Themen sind euch wichtig? Wie und was wird gewählt? Diese Fragestellungen wurden in Gruppen bearbeitet. Die Jugendlichen machten sich Gedanken über den Ist-Zustand in Bereichen wie Freizeit und Kultur in Pfullendorf sowie zu Infrastruktur, Bildung, Senioren und Kindern. Dann ging es darum, welche Verbesserungsvorschläge sie haben.

Jugendliche motivieren

Johanna Anthus hatte im Vorfeld den Workshop „Bock auf Wa(h)l“ im Kreismedienzentrum in Sigmaringen besucht, der von Kommunalberater Udo Wenzl geleitet wurde, um Multiplikatoren zu mobilisieren. Ein Ziel des Workshops war, Jugendliche zu motivieren, aktiv gegen Politik- und Demokratieverdrossenheit vorzugehen. „Wer in der Demokratie einschläft, wacht in der Diktatur auf“, lautet die Warnung der Workshop-Organisatoren.