Das Schaalweib ist die jüngste Figur der Narrenzunft Stegstrecker. Und sie ist immer todschick gekleidet, trägt einen langen schwarzen Rock mit in der gleichen Farbe getragenem Oberteil. Der Umhang ist von edelster Natur, er besteht aus durchgefüttertem Wiener Tuch. Die Farben sind von Trägerin zu Trägerin unterschiedlich gehalten. Und sie hat gerade mal 20 Lenze auf dem Buckel. „Eine wunderschöne Gruppe“, schwärmt Professor Werner Mezger, als er diese Pfullendorferinnen als profunder Fernsehkommentator beim Narrentreffen in Bad Waldsee in Augenschein nimmt.

Doch im Grunde verbirgt sich hinter diesem Schaalweib ein steinaltes Frauenzimmer. Es ist einfach nur wiederbelebt worden, per Frischzellenkur geradezu dem Jungbrunnen entsprungen. Der Beweis: Im Zunfthaus der Stegstrecker hängt ein Bild von Schaaldamen aus den 1930er Jahren. Argumentativ stützt sich die Zunft auf einen Zeitungsbericht, der besagt, dass die Schaaldamen es sich zu jener Zeit zur Aufgabe gemacht hätten, die Tradition des Schnurrens zu leben.

Ihr Häs bestand damals aus einfachen Sofaüberwürfen, ein Umhang mit angefertigter Kopfbedeckung. Ihr Gesicht war von einer weißen Leinenwachsmaske bedeckt. So ging es los zum Schnurren. Das Hänsele, als männlicher Begleiter, schaute brav nach dem Rechten und führte die Ladies von Wirtschaft zu Wirtschaft. Da aber ins Gewand des Hänsele alsbald auch Frauen schlüpfen durften, verschwanden die Schaaldamen allmählich aus dem örtlichen Fasnetsgeschehen. Nach heutiger Einschätzung, so die Chronisten der Zunftgewalt, dürften schon Mitte des 19. Jahrhunderts, also vor 160 Jahren, die ersten Schaaldamen an Fasnet in Erscheinung getreten sein.

Dass die Schaalweiber vor genau 20 Jahren zum ersten Mal wieder offiziell bei auswärtigen Narrentreffen einen Auftritt hinlegten, hat aber einen ganz anderen Hintergrund. Die Trachtenfrauen, bis 1997 noch fester Bestandteil der Narrenzunft, beabsichtigten nämlich, dem Trachtenverbund beizutreten, da sie ohnehin übers ganze Jahr hinweg sich zu diversen Anlässen in ihrer feinen Linzgautracht zeigten. Diejenigen unter ihnen, die weiterhin an der Fasnet mitlaufen wollten, stellten derweil Überlegungen an, wie denn ein etwaiges Ersatzhäs aussehen könnte.

Ein Schaalweib beim Umzug auf dem Pfullendorfer Marktplatz mit passend gekleidetem Nachwuchs. Bild: Frank Hellstern
Ein Schaalweib beim Umzug auf dem Pfullendorfer Marktplatz mit passend gekleidetem Nachwuchs. Bild: Frank Hellstern | Bild: Frank Hellstern

Die neu geschaffene Figur wäre jedoch ohne den kulturellen Beirat der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte niemals durchzusetzen gewesen. So wurde in den Zunftarchiven nach einer alten Traditionsfigur gestöbert. Die Schaaldame entdeckten sehr zum Gefallen des gestrengen kulturen Bereirats der damalige Brauchtumsbeauftragte der Zunft und heutige Narrenvater Thomas Obert und der 2011 verstorbene Ehrenzunftmeister Paul Kerle.

Die neue Zunftgruppe ist offizieller Bestandteil der Stegstreckernarren und nach einer Handvoll zu Beginn mit nunmehr über 30 Mitgliedern stattlich angewachsen. Ihr gehören aktuell nur Frauen an. Es könnten laut Statuten aber auch Männer ins Schaalweib-Häs schlüpfen. „Schnurren werden wir vielleicht spontan in kleinen Grüppchen“, sagt die Chefin der Schaalweiber, Nadine Hiestand, mit einem dezenten Hinweis, dass sie und ihre Mitstreiterinnen für den Bühnenauftritt beim Zunftball gerade fleißig am Proben sind.

Seit der Neugründung tat sich eine Änderung auf. Die weiße Leinenmaske, Bergamasker Larve genannt, war in ihrer Beschaffenheit zu anfällig. Also wurde sie, nach erfolgreicher Beantragung beim kulturellen Beirat, durch eine Holzmaske mit feinen Gesichtszügen ersetzt. Fazit der Zunftoberen: Die Wiederbelebung der Schaaldamen erweist sich als außerordentliche Bereicherung der Pfullendorfer Fasnet.

Schaalweiber

Sie sind den Weißnarren der schwäbisch-alemannischen Fasnet zugeordnet. Zwischen den Weltkriegen galt die Schaaldame, vom Hänsele begleitet, als Schnurrerfigur. Historische Hinweise gibt es seit 1850. Die jetzige Zunftgruppe ist 1998 entstanden. Wer sich für die Narrengruppe interessiert und Kontakt aufnehmen möchte, kann dies über die Homepage der Narrenzunft im Internet tun: www.narrenzunft-stegstrecker.de

 

"Wir sind alle tolle Mädels – da gibt es kein Gezicke"

Nadine Hiestand ist 41 Jahre alt, Chefin der Schaalweiber und seit zehn Jahren dabei. Beruflich arbeitet die Verwaltungsangestellte im Büro von Hydronic Hiestand.

Wann hat Sie das Narretei-Syndrom erfasst?

Als Kind war ich unserer Familie die Einzige, bin also aus der Reihe getanzt. Kann mich erinnern, dass ich mir bei Frau Schlageter-Bosch immer ein Leih-Hänsele geholt hatte, um mitzujucken. Als Zwölfjährige lernte ich dann das Schnellen mit der Karbatsche, habe eine eigene zu Hause. 2008 bin ich zu den Schaalweibern gegangen – eine recht kleine Gruppe. Und ich habe meine Schaalweiber animiert, beim Preisschnellen mitzumachen. Vergangenes Jahr waren wir schon zu sechst.

Und Ihre Familie zieht mit?

Ja, bei den Hiestands ist die ganze Familie fasnetsnärrisch. Mein Sohn Maxim ist gerade von den Schnellern zu den Hänsele gewechselt, meine Tochter Alexa von den Schaalweibern zu den Nidlern umgestiegen. Und ihr Vater ist bei den Hexen.

Nadine Hiestand
Nadine Hiestand | Bild: Jürgen Witt

Und wie geht es mit ihrer Gruppe, den Schaalweibern, voran?

Wir sind eine tolle Truppe, alle tolle Mädels – da gibt es kein Gezicke. Jede, die zu uns kommt, wird super integriert. Und wir sind stetig gewachsen: 32 Mitglieder sind wir aktuell, jedes Jahr gibt es mindestens eine Bewerberin. Seit zehn Jahren bin ich dabei, davon fünf Jahre im Vorstand. Im nächsten Jahr steht eventuell eine Wiederwahl an, ich lasse mich gerne aufstellen. Es macht Megaspaß.

Fragen: Jürgen Witt