Die Mitglieder der neu gegründeten Bürgerinitiative "Mensch und Natur Oberer Linzgau" empfingen die Teilnehmer der Informationsveranstaltung über die Pläne für einen zweiten Windpark auf der Gemarkung Denkingen. Plakativ zeigten sie ihre Ablehnung: "Drei Windräder sind genug" oder "Störende Geräusche – beklemmende Gefühle. An erholsamen Schlaf ist nicht zu denken." Dieser Protest richtete sich zwar im Prinzip gegen die Betreiber des vor wenigen Wochen in Betrieb genommenen Windparks "Hilpensberg" mit drei Windrädern und betraf gleichzeitig die potentiellen Bauherren des geplanten zweiten Windparks, der in den Wäldern des Spitalfonds Überlingen errichtet werden soll.

Stephan Wiethaler aus Straß sprach neben den gesundheitlichen Risiken auch den Wertverlust von Immobilien an.
Stephan Wiethaler aus Straß sprach neben den gesundheitlichen Risiken auch den Wertverlust von Immobilien an. | Bild: Siegfried Volk

Im rappelvollen Foyer erlebten die rund 120 Besucher dann eine intensive Diskussion, die von Sachlichkeit, Fakten, Überzeugungen und persönlichen Erlebnissen geprägt war. Ortsvorsteher Karl Abt machte zu Beginn klar, dass er das aus seiner Sicht "löbliche Verhalten" der Firma Abo Wind, nämlich eine offene und transparente Informationspolitik zu betreiben, sich auch von Überlingen gewünscht hätte, denn die "Sprengkraft" dieser Entscheidung hätte den dortigen Gremien klar sein müssen. Auf eigener Gemarkung habe die Bodenseestadt den Windradbau mit Hinweis auf Landschaftsbild und Umweltzerstörung abgelehnt, aber gemäß dem St. Florians-Prinzip wolle man nun auf der Gemarkung Denkingen bauen.
 

Ausdrücklich begrüßte Abt Roland Biniossek, Stadtrat aus Überlingen, der sich öffentlich gegen das Vorhaben positioniert hatte und dafür von Oberbürgermeister Zeitler gerügt wurde. Biniossek verzichtete auf eine Wortmeldung und erklärte im SÜDKURIER-Gespräch, dass es ihm um die gute Nachbarschaft zwischen den Kommunen gehe. "Lasst die Leute vor Ort entscheiden, ob sie Windräder haben wollen oder nicht", fordert der Kommunalpolitiker vom Bodensee.

Dann erläuterten Stefan Schuck und Elmar Holz von der Firma Abo Wind das "Windparkvorhaben Denkingen", mit dem vier 235 Meter hohe Anlagen in die Wäldern des Spitalfonds Überlingen zwischen Hilpensberg, Rickertsreute und Denkingen errichtet werden sollen. Aktuell gebe es keine Vorgaben durch einen Regionalplan oder Flächennutzungsplan, so dass man rechtlich auf der sicheren Seite sei, machte Holz deutlich. Wenn alle Genehmigungsbehörden ihr Ok geben, könnten sich die Räder im zweiten Halbjahr 2020 im Wind drehen, erklärte Schuck.

Stefan Schuck von der Firma Abo Wind
Stefan Schuck von der Firma Abo Wind | Bild: Siegfried Volk

"Wenn ich ein WC bauen will, muss ich meinen Nachbarn fragen, aber bei den Windrädern erhalten die Anwohner keine Informationen", kritisierte Alfred Rock die Informationspolitik der Überlinger Verantwortlichen. Der Oberhaslacher fragte nach dem Verbleib der Rotmilane in dem Gebiet, was Bürgermeister Thomas Kugler in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Regionalverbandes Bodensee-Oberschwaben ans Mikro brachte. Eben weil das Thema Artenschutz "zu heiß" war, habe der Verband vor zwei Jahren seine Ausweisungspläne für Windräder auf Eis gelegt, wobei er sich persönlich frage, wie manche Gutachterergebnisse zustande kamen. Er erläuterte umfangreich die Positionen und Schwierigkeiten des Regionalverbandes, wobei man keine Ahnung habe, wie man mit dem Thema Windkraft umgehen solle. Grundsätzlich habe sich die Gesellschaft für die Energiewende entschieden und das Land wolle bis 2020 1000 Windräder bauen.

Christoph Leinß bezweifelte grundsätzlich die Wirtschaftlichkeit von Windrädern in Baden-Württemberg, wo nach seiner Kenntnis 96 Prozent aller Anlagen unter der Kostenschwelle betrieben würden und die benötigten 2000 Volllaststunden nicht erreichten. Zum aktuellen Zeitpunkt könne man zur Wirtschaftlichkeit der Denkinger nichts sagen, bezweifelte Stefan Schuck die Angaben von Leinß und ergänzte, dass die Windhöffigkeit nur einer von etlichen Parametern für den wirtschaftlichen Betrieb sei. Um die Akzeptanz für das Denkinger Vorhaben zu erhöhen, listete er mehrere Maßnahme auf, wie eine jährliche Sachspende von 2000 Euro je Windrad für Denkinger Vereine bis zu einer finanziellen Beteiligung der Bürger in Form von Windsparbriefen.

Viele Besucher aus angrenzenden Ortschaften schilderten ihre gesundheitlichen Probleme, seit der Inbetriebnahme der drei Windräder in Hilpensberg, wofür sie primär Infraschall verantwortlich machen. Von einem permanenten Brummen berichteten die Anwohner, was zu Schlafstörungen, Übelkeit bis hin zu Herzbeklemmungen führe. "Sieben Windräder bestärken sich in der Wirkung und 1000 Meter Abstand ist gar nix", ist Hans Daikeler vom Homa-Hof überzeugt und Stephan Wiethaler aus Straß befürchtet zudem einen massiven Wertverlust der Immobilien. Angesichts solcher Beeinträchtigungen riet Abo-Experte Schuck den Anwohnern, die Genehmigungsbehörden zwecks Überprüfung zu benachrichtigen.

Nachdem ein Denkinger die Idee eines verbilligten Strompreises für wohlwollendes Verhalten gegenüber den Windrädern aufbrachte und Schuck von Bürgerstrommodellen sprach, widersprach Rathauschef Kugler solchen Stromtarifdebatten energisch: "Es gibt keine anderen Strompreise!" Mit etwas Gelächter quittierte das Publikum die Information, dass das Überlinger Büro Planstatt Senner das artenschutzrechliche Gutachten erstellt, worauf Stephan Schuck ergänzte, dass man auch örtliche Experten wie den Naturschutzbund lieferten.

Auf die Frage eines Besuchers, ob auf der Denkinger Gemarkung noch weitere Windräder auf dem Denkinger Gemeindegebiet gebaut werden könnten, erklärte Thomas Kugler, dass überall Anlagen errichtet werden können, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen erfüllt sind. "Wir werden das nicht positiv begleiten und im Gemeinderat gibt es eine klar negative Meinung gegen die Windräder", erklärte der Bürgermeister die eindeutige Ablehnung durch Verwaltung und Gremium, aber am Ende würden die Fakten zählen.

"Die Firma Abo weiß jetzt, wie Denkingen zur Windkraft steht", erklärte Ortsvorsteher Karl Abt, dass dieses Thema die Menschen noch Jahre beschäftigten werde. Er schloss nach rund 2,5 Stunden die Veranstaltung, wobei sich noch viele Besucher mit Fragen an die Experten wandten und die Vertreter der Bürgerinitiative fleißig Unterschriften sammelten.

 

Windparkvorhaben

Firma Abo Wind: Die in Wiesbaden ansässige Firma wurde 1996 gegründet und hat sich auf den Windanlagenbau spezialisiert. Aktuell zählt die Firma 400 Beschäftigte und hat in Deutschland schon rund 100 Windparks realisiert, darunter 170 Anlagen im Wald.

Projekt Denkingen: Bei der Präsentation erläuterten Projektleiter Elmar Holz und Planungsleiter Stefan Schuck das Vorhaben. Geplant sind vier Windkraftanlagen mit je 7,9 Megawatt Leistung. Die Nabenhöhe beträgt 165 Meter und die Gesamthöhe beträgt 235 Meter. Alle Anlagen werden im Wald errichtet und sind mindestens einen Kilometer vom nächsten Wohnhaus entfernt. Der Netzanschluss soll über das Umspannwerk Pfullendorf erfolgen, wozu eine maximal 5,5 Kilometer lange Trasse gebaut werden soll.

Beginn: Bis zum Herbst 2017 sollen die natur- und artenschutzrechtlichen Untersuchungen abgeschlossen werden. Wenn möglich, nutzt Abo Wind den bestehenden Windmasten für entsprechende Messungen. Falls diese Daten nicht übernehmen werden können, werden eigene Messungen vorgenommen.

Antrag: Im ersten Quartal 2018 soll der Genehmigungsantrag entsprechend dem Bundesimmissionsschutzgesetz abgegeben werden. Geplant ist ein förmliches Verfahren mit Beteiligung der Öffentlichkeit. Die Verfahrensdauer wird auf bis zu zehn Monate veranschlagt. Im dritten Quartal 2019 könnte mit der Rodung der Waldflächen begonnen werden und im zweiten Halbjahr 2020 die Inbetriebnahme der Anlagen erfolgen. Nach Angaben von Abo-Wind laufen die Verträge 25 Jahre und für den garantierten Rückbau muss eine Rückbaubürgschaft hinterlegt werden. (siv)