Dass es sich dabei um ein Schauspiel der besonderen Art handelt, dürfte mittlerweile jedem Zuschauer klar sein. Denn schon seit dem Jahr 2006 wird anlässlich des Pfullendorfer Adventszaubers diese ungewöhnliche Aktion angeboten. Die Menschen sind jedes Mal begeistert. Doch nur wenige wissen, dass der knapp fünf Minuten dauernde Engelsabstieg einer immensen Vorbereitung bedarf. Und das vor allem für die Frauen und Männer von der Bergwacht Sigmaringen.

Dieter Sorg ist der Bereitschaftsleiter, wohnt eigentlich in Krauchenwies und ist beruflich in der Herstellung von Medizintechnik tätig. "Schön, dass sie da sind", sagt er und öffnet die Tür zum Bergwachtheim in der Burgstraße in Dietfurt, dem kleinen Ortsteil von Vilsingen, der unweit der Donautalstraße zwischen dem Bahnhof Inzigkofen und Gutenstein liegt. Und direkt unterhalb der Burgruine Dietfurt mit der geheimnisvollen Kulthöhle des Neutempler-Ordens. Beides wird von der Bergwacht gehegt und gepflegt. Das gilt natürlich auch für das Material wie Haken und Seile, das gebraucht wird, wenn jemand in den Felsen des Donautals verunglückt und geborgen werden muss. Der Engelsabstieg fällt da total aus dem Rahmen. "Aber es macht uns noch immer jedes Jahr sehr viel Spaß", sagt Gerhard Grom, der eigentlich Revierförster in Mengen, aber schon viele Jahre bei der Bergwacht aktiv ist. "Und den Engel vom Turm herabzulassen, dass ist viel leichter, als Verletzte zu bergen", fügt er lachend hinzu.

"Abbauen geht schneller. Da sind wir in eineinhalb Stunden fertig"

Rund zweieinhalb Stunden brauchen die Bergwachtler, um alles für die Aktion über dem Marktplatz von Pfullendorf klar zu machen. Alleine schon der Aufstieg auf den Kirchturm erfordert eine Menge Puste. Auf etwa 35 Metern Höhe werden dann die beiden 120 Meter langen Seile verankert, an denen die Trage hängt, die dem Engel als Sitz dient. "Abbauen geht schneller. Da sind wir in eineinhalb Stunden fertig", sagt Dieter Sorg und öffnet eine der Aluminium-Kisten, in denen die Karabinerhaken, Laufrollen und die anderen Teile verstaut sind, die man unbedingt braucht. Im Laufe der Jahre hat sich alles bestens eingespielt. Einen Probelauf gibt es aber trotzdem. "Man weiß nie", sagt der Bereitschaftsleiter mit vielsagendem Blick. So hatte sich im vergangenen Jahr eines der Seile an einem Vorsprung des Stadtkassengebäudes verheddert und musste erst wieder mühsam befreit werden. Wenn auf dem Markplatz mehr als tausend Menschen den Blick zum Himmel richten, dann darf so etwas nicht geschehen.

Eigentlich ist es eine Art Seilbahn, die von den Bergrettern da eingerichtet wird. "So was ist für uns nichts Besonderes und gehört zum Echtbetrieb", erklärt Gerhard Grom. Für den Engelsabstieg wurde der Sitzgurt eines alten Gleitschirms umfunktioniert. Der Engel wird übrigens mit einem Gurt gesichert. Man geht keinerlei Risiko ein. Bis zu welcher Windstärke ist eigentlich der Abstieg überhaupt möglich? "Da gibt es keine Vorschrift", sagt der Chef. Man verlasse sich da auf die Erfahrung und wenn man das Gefühl habe, dass es zu gefährlich ist, dann bleibt der Engel auf dem Turm. "Das war bislang aber noch nie der Fall und wir gehen davon aus, dass es auch am kommenden Samstag keine Probleme geben wird", sagen die Bergwachtler und überprüfen nochmal genau, ob alles vorbereitet ist.

Die speziellen Statikseile wurden dieses Jahr von der Wirtschaftsinitiative Pfullendorf (WIP) neu beschafft. Aus Sicherheitsgründen. Denn so ein Seil muss eine enorme Spannung aushalten. Zwischen dem Kirchturm und der Verankerung unter dem Dach von Elektro-Stadelhofer gibt es nur Luft und keine Stützen. Die ungewöhnliche Aktion gehört übrigens fest zum Terminplan der Bergwacht. "Der Tag vor dem zweiten Advent findet für uns in Pfullendorf statt. Da gibt es nichts zu rütteln", bekräftigt Dieter Sorg. Und wer die Frauen und Männer von der Bergwacht kennt, der weiß: Auf die ist Verlass. Nicht nur in Notfällen. Auch beim Engelsabstieg.


Bergwacht Sigmaringen

Zur Bereitschaft Sigmaringen der Bergwacht gehören derzeit 137 Mitglieder. Von diesen sind rund ein Drittel aktive Bergwachtfrauen und -männer sowie 24 Mädchen und Jungen der Bergwachtjugend. Die anderen sind frühere Aktive und Fördermitglieder. Das Einsatzgebiet umfasst vor allem das Donautal mit seinen Nebentälern zwischen Sigmaringen und Beuron. Hier machen die vielen Kletterfelsen, die Wander- und Radwege immer wieder Einsätze der Bergretter notwendig. Sie werden aber auch von außerhalb dieses Gebietes für Rettungen aus unwegsamem Gelände oder Sucheinsätze angefordert. Die Bergwachtbereitschaft Sigmaringen gehört sowohl zur Bergwacht-Württemberg als auch zum DRK-Kreisverband Sigmaringen.

Weitere Informationen unter: www.bergwacht-sigmaringen.de