Das brachte selbst den Historiker Peter Schramm zum Staunen: Rund 50 Menschen ganz unterschiedlichen Alters warteten am Pfingstmontagmorgen vor dem Obertor, um an einer Besichtigung teilzunehmen. Wobei Besichtigung nicht der richtige Begriff ist. Denn zu sehen gibt es in dem mächtigen Torturm nicht so viel. "Aber sie haben von da oben die wohl beste Sicht über Pfullendorf", sagte Schramm. Immerhin sei der Turm 36 Meter hoch. Nur der Wasserturm könne mit noch etwas mehr Höhe punkten, aber in ihn könne man ja nicht hinein.

Die abgebrannte Marktsiedlung des Grafen Rudolph von Pfullendorf soll den damaligen Pfullendorfer Ortspfarrer Ulrich zum Bittgang bei König Friedrich II. veranlasst haben. Der kam nämlich nach Weingarten und eine Abordnung aus dem Linzgau begab sich zu Fuß dorthin. Offensichtlich erfolgreich. Denn Friedrich II. erhob Pfullendorf bei einem Reichstag in Frankfurt am Main Ende April 1220 zur königlich-staufischen Stadt, was am 2. Juni 1220 in Worms beurkundet wurde. Pfullendorf gehört zu den wenigen Städten, deren Stadterhebungsurkunde noch im Original erhalten ist. Es wurden vier Stadttore mit Wehrtürmen und eine Stadtmauer errichtet. Nachdem die Staufer 1268 in männlicher Linie ausgestorben waren, zog König Rudolf von Habsburg im Jahre 1282 die Stadt unmittelbar an das Reich. Von da an bis zum Jahre 1803 war Pfullendorf eine Reichsstadt. "Und das bedeutete, dass sie nur dem Kaiser verpflichtet war. Nicht wie Mengen oder Meßkirch", betonte Schramm nicht ohne Stolz und noch heute führe die Stadt den Reichsadler im Wappen. Im Jahr 1280 findet man die erste urkundliche Erwähnung des Turms. "Und nur was geschrieben steht, das zählt für den Historiker", erklärte Schramm, der die Stadtgeschichte so gut kennt wie sonst kaum jemand.

Dass in vielen Städten anfangs des 19. Jahrhunderts die Bauwerke des Mittelalters abgerissen wurden, das erregt Schramms Missfallen. In Pfullendorf sei wenigstens das Obere Tor zum Glück erhalten und auch noch etwas 60 Prozent der Stadtmauer, die einst die Stadt vor Feinden schützen sollte. Pfullendorf sei auch nie zerstört worden. Das hängt nach den Erkenntnissen des Geschichtskenners Schramm aber nicht mit der Befestigung zusammen. "Die Pfullendorfer waren sehr intelligent. Sie haben sich einfach ergeben", schmunzelte Schramm. Es habe dann zwar Plünderungen geben, aber immerhin blieb die Stadt erhalten.

Trotzdem war es wichtig, die Feinde rechtzeitig zu erkennen. Und dazu war der Turm am Oberen Tor natürlich bestens geeignet. Die Zünfte der Stadt mussten das Personal stellen, das die Stadttore aus Eichenholz bewachte. Wie weit man oben vom Turm sehen konnte, das war am Pfingstmontag relativ einfach festzustellen. Stadtführerin Sigrid Nipp unternahm mit den Neugierigen den Aufstieg. Mehrere Stockwerke und 131 bis 138 Stufen – je nach Zählweise – galt es zu überwinden. "Do merkscht jede Zigarrette", stöhnte eine Turmbesucherin. Im Mittelalter dürfte der Tumwächter dieses Problem nicht gehabt haben, denn Tabak war da in der Region noch unbekannt. Aber zweifellos dürfte sich der Mann auch über den Ausblick gefreut haben, so wie die Turmbesteiger, die sich wohl ohne Ausnahme einig waren: ein tolles Erlebnis. Zwar war der Blick in Richtung Bodensee etwas getrübt, aber die Stadt präsentierte sich von oben in ihrer ganzen Ausdehnung. Da es ganz oben im Turm Fenster nach allen vier Himmelsrichtungen gibt, die man auch öffnen kann, stand neuen Erkenntnissen nichts im Wege. Die Zahl der Fotos, die mit Kameras und Handys gemacht wurden, dürfte immens gewesen sein.

Beim Abstieg warfen die Besucher einen Blick in die Gefängniszellen im Turm, die in napoleonischer Zeit noch benutz wurden, wie man an entsprechenden Zeichnungen von Gefangenen feststellen kann. Das aufgekritzelte Mädchen im Bikini dürfte allerdings aus neuerer Zeit stammen. Mit einem Gang zu den Resten der Stadtmauer hinter dem abgerissenen Kolpinghaus und einem Blick ins Alte Haus endetet dieser Vormittag, den auch viele auswärtige Besucher als sehr lehrreich und informativ empfunden haben.

Stadttore

In einer Schenkungsurkunde an das Kloster Salem wird 1239 erstmals ein Pfullendorfer Stadttor erwähnt. Für den Historiker Peter Schramm ist das der Beweis, dass bereits 19 Jahre nach der Stadterhebung ein Tor und damit auch ein Teil der Stadtmauer stand, wie er in seinem Buch "Kleine Geschichte der Reichsstadt Pfullendorf" ausführt. 1323 wird am südlichen Stadtausgang (heute Altes Spital) das Steinbrunnen Tor erwähnt. 1337 werden bereits alle vier Stadttore (so auch das Gebsentor und das Engelinstor) erwähnt. 1505 wurde das Obertordurch ein zusätzliches Ziertor zu einer Doppeltoranlage erweitert, die heut als die schönste im süddeutschen Raum gilt. Das Engelinstor wurde 1840 abgebrochen, das Gebsentor im Jahr 1844. Das Steinbrunnentor hatte man bereits 1831 dem Erdboden gleichgemacht. (kf)